Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1919)
- Date
- 1919-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Jahrgang Nr. 41 Berlin, 8. Oktober 1919 Ern unparteiisches Organ für alles jüdische»Intereffe Visse Zeitung erscheint wöchentlich. Rbonnements-Preis: durch den Buch« Handel oder die Post (in Berlin und Vor« orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbitippfon Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4S-49, Zu richten. Verlag von Rudolf LNosse Berlin. HilftErziehungsweisheit des Hüttenfestes. Von Bezirks- " rabbin-er - Dr. Beermann (Heilbronn). — D i e W o 6) e. — M-assenwahnsinn. Von Generaloberarzt a. D. Dr. Neu mann. — Das israelische Lehrerinnenheim in Berttn-Lichterfelde-West. Von Fanny Cohn-Neßler. — Kulturelle und religiöse Kämpfe. — Nembraydts Verhältnis, zum Judentum und Spinoza. Von Eugen P e 1 e r s o n (Stuttgart). ,. — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel Meise l 8. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentum"). .Berlin, Tilsit, Posen, Breslau, Temp-elburg, Halle a. S., Stuttgart, Wien. Von Nah und Fern. Die LrÄrhungsweishrit des hüttenfkltks. Von Bezi-rksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn). ir gehen zwei-fellos in ein Jahrhundert hinein, wo immer mehr die Fragen der Arbeiterorganisation und der Ausbau der Erziehung die Geister bewegen werden. Und beide Probleme hängen zusammen. Denn die Arbeit, die keinen Raubbau an der Seele treibt, hat sittlich erziehliche Kraft, und die rechte, zu innerer Abklärung führende Erziehung/befähigt, die Arbeit zu durchgeistigen und mit ethischen Ideen zu durchleuchten. Indem unser Fest die Erntearbeit krönt, gemahnt es an die religiöse Weihe der Arbeit, während seine Bräuche und Sinnbilder uns wertvolle Winke zur Lösung unserer Erziehung aufgeben. Zeigt uns die Hütte die eigentliche Stätte alles erzieherischen .Wirkens, das Heim, so will unS der Feststrauß in zarter Blumen-sprache schiätzenswürdige Ratschläge für die Jugendbildung erteilen.. Das. Herz, es macht nicht nur nach einem bekannten Römerworte den Redner, sondern es ist nach einem Bibelspruch der Quellort alles rechten Lebens. Nicht im Verstände, sondern im Gemüte und im Willen tragen wir unser Schicksal. Darum vollzieht sich hier die Großleistung der Seelenführung. Freude an der Natur, an Blumen und an den Tieren, Mitgefühl -mit allem Lobenden, Rücksicht aus Leidende und Schwache, Hilfsbereitschaft gegenüber Kranken und Bedrängten muß vorgelebt und zur Nacheiferung angeleitet werden. Der Ethrog gleichetdem Herzen. Aus Herz e n Ab i ld u ng k o mm t es a n. Ohne viel Worte zu machen, verstand es die Erzieherweisheit -der Alten, zu solcher Gesinnung zu führen. Man ließ die Kinder die Gaben in die Häuser der Armen tragen. Man genoß nichts von den Erträgnissen der Gärten und Weinberge, ohne die Erstlinge den frommen Schriftgelehrten zu schicken. Man ließ die Kinder die Orchim, die Gäste, die am Sabbat und Festestisch nicht fehlen durften, bedienen, damit die feineren Regungen freundlicher Hilssbereitschaft in ihnen erstarkten. Zum weichen Herzen aber sollte der feste Wille sich fügen. Aufrecht und ungebrochen g-leich dem L u lab, gleich der Palme, deren Zweig das Blumengewinde des Festes schmückt. Zu Charakteren erzieht man, indem man dem jungen Menschen einen Mittelpunkt gibt, um den sich alles andere kristallisiert; denn alle Kunst der Willensbildung besteht darin, zu lernen, nicht den Reizen von außen rein leidenschaftlich zu folgen, sondern mit Bewußtsein „von innen heraus" die Dinge kraftvoll zu lenken. Ein solches Zentrum gewinnt die Seele im Gottesglauben, in der religiösen Gedankenwelt. Je stärker die religiösen Triebkräfte sind, um so leichter gelingt es, den unedlen Leidenschaften zu widerstehen und an den edlen Regungen des göttlichen Bundesgen-ossen im Kampfe gegen die niederen Triebe zu gewinnen. Darrmr müssen wir die Kinder in die Welt der Fröinimigkeit einsühren rind sie in Haus und Schule mit dem Persönlichkeitsleben der Frömmigkeitshelden und der Hei-Iigenvertraut machen. Auch geistiger Umgang färbt ab. Bor allem aber gilt es, die Schauer der Andacht und inniger religiöser Erlebnisse ihnen zu erschließen. Dabei aber muß aller Zwang und alle Künstelei ihnen fernbleiben. Am besten beschränken wir uns auf das Vorleben des Guten und sorgen bloß dafür, daß alles Schädliche ihren Seelen fernbleibe. Gärtnerkunst besteht zum guten Teile darin, warten zu können, bis die Dinge reifen. Reizt nicht künstlich die Liebe zu hohen Dingen, sondern wartet, bis sie von selbst keimt, könnte man hier mit leiser Umformung eines Wortes aus dem Hohenliede sagen. Alles aber hängt von der Atmosphäre des Hauses ab. Wie die Lust des Heiligen Landes nach einem Talmudworte weise macht, so ist es der Geist, der in einsm Haust weht mt'b waltet, der entscheidende Wirkung aus die Kindesseele ausübt. Familiensinn und F am il-reu Innigkeit haben ihr Sinnbild in der Myrte. Nicht nur die fröhlichen Geburtstage, sondern auch die weihevollen Freitagabende und Festeingänge müssen das Gefühl der Zusammengehörigkeit vertiefen und ahnen lasten, daß es Mächte und Kräfte gibt, die erst allem Leben des einzelnen und der Familie Sinn und Wert verleihen. Beim Jahrze-itslicht und an den Gräbern der Ahnen, da muß etwas von jener heiligen Pietät in die Seele dringen, welche an „s'chut aboth" glaubt, an den Geist läuternder Kraft, welche spricht: Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt! Das Heim muß Anregung geben nicht bloß zum Heimatsinn, sondern auch zur religiösen Heimatskunde; es muß Worte finden, um den Sinn für die Schicksale der heimischen Religionsgemeinde zu wecken, und so jenes Adelsgesühl fördern und jene Begeisterung steigern, welche den schönsten Ertrag jeder Versenkung in eine große geschichtliche Vergangenheit bilden. So wird der Sinn aufs Bleibende und Wesenhafte gelenkt und jenes freche Scheinwesen bekämpft, das blendendes Schaumgold innerem Werte Vorsicht. A n s p r » ch s l o s i g -