Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 40 Berlin, 3. Oktober ISIS Der Gemeindetzote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung keg* Judentums". korrespondkn?en und Machrichtrn. Srutschland. Berlin, 30. September. Fern vom brandenden Leben der Großstadt liegt in der stillen Johannisstraße das Gotteshaus der Jüdischen Refo rmgemeinde. In stiller Trauer hatten sich dort am Sonntag, den 21. d. M., die Menschen zusammen gesunden, von denen der grausame Weltkrieg ihr Liebstes als Opfer gefordert hat. Doch galt es nicht, zu klagen und 'anzuklagen — zu gedenken und zu erheben, war der Zweck der Stunde. Eine Ehrentafel für die Kriegsgefallenen aus dem Kreise der Gemeinde, gestiftet von Frau F r a n k a Minden, geschaffen von der Künstlerhand Jacob P l e ß n e r s , ist geweiht worden. Das Gotteshaus war würdig geschmückt. Vertreter der Jüdischen Gemeinde und die Verwaltungsmitglieder der Reformgemeinde Hatzen in den ersten Reihen Platz genommen. Nach den wundervollen Klängen des unsterblichen Beethovenschen Trauermarsches, der in alle Herzen tiefe Ergriffenheit senkte, übernahm Herr Paul Pincus namens der Gemeindeverwaltung die künstlerisch ausgestattete Bronzetafel in die Obhut der Gemeinde. Mit bewegten Worten erinnerte er an die für die höchsten Ideale in den Tod Gegangenen. .„Tief ergriffen und mit heißem Dank erfüllt" — führte er weiter aus —„wollen wir in Ehrfurcht vor unseren Helden in unsere Jugend den Keim zu allem Guten legen. Der feste Glaube soll der leuchtende Stein sein, der Hoffnung in die Herzen strahlt, Mut verleiht und Zuversicht. Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht zagen, das Unvermeidliche mit Würde tragen, das Rechte tun, öht Schönen sich erfreun, das Leben lieben und den Tod nicht scheun, und fest an Gott und bessere Zukunft glauben, heißt leben, heißt den: Tod fein Bitteres rauben." Hierauf betrat Herr Dr. Cobl en z die Kanzel zur Weiherede. „Zu ernster Feier sind wir im Gotteshause versammelt. Wir wollen durch schlichte Rede die Tafel weihen, auf der 62 Namen stehen, die Namen der- Gefallenen aus dem Kreise unserer Gemeinde. Im. Gotteshause soll die Tafel bleiben, am heiligsten Orte, den Menschen kennen, damit Kinder und Enkel, wenn sie die Tafel sehen und die Namen lesen, von stiller Ehrfurcht ergriffen werden. Sie sollen etwas von der Größe des Martyriums kennenlernen, das von den Namen der Tafel spricht. Sie sollen hören von denen, die in schwerster Zeit durch ihren Opsertod ihr Vaterland retten wollten. Hinter den 62 Namen steigen -alle Gefallenen des deutschen Volkes aus. Wer die 62 ehrt, ehrt alle ihre toten Kameraden. Das ganze deutsche Volk trauert um seine Gefallenen und ehrt sie mit uns. Was können wir den Gefallenen geben, wodurch beweisen wir ihnen Ehre. Das Bibelwort aus unserer Tafel weist uns den rechten Weg: „So sprich: der Ewige: Wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich schaffe, vor mir fortbestehen werden, so wird auch euer Geschlecht und euer Name fortbestehen." Aus diesem Bibelwort klingt zweierlei uns entgegen: Glaube und Gelöbnis. Wir glauben an den neuen Himmel und die neue Erde, die Gott schafft und vor ihm fortbestehen werden. Im Glauben liegt Schöpferwille. Was Gott an sittlichem Werte schafft, schafft er durch Menschenarbeit, und diese wird nur aus dem Glauben geboren, nur daraus kann die neue Welt ernporwachsen. Die 62 auf unserer Tafel waren hmausgogallgen, hatten ihr Leben eingesetzt und sind in jungen Jahren gefallen.. Wofür? Für ihren Glauben. Sie hatten an den neuen Himmel geglaubt. M-it leuchtenden Augen blickten sie in die Zukunft, sahen das neue Deutschland und starben für ihren Glauben. Nun der Glaube zusammengebrochen, leiden wir alle unter dem Schicksal unseres Volkes und besonders, wenn zum nationalen Schmerz noch persönliches Weh kommt. Die Gefallenen nahmen bei ihrem Sterben ihren Glauben mit, sie haben das schreckliche Ende nicht gesehen.. Und wir? Wir müssen ihren Glauben aufnehmen, festhalten und mit neuem Inhalt füllen, und müßten wir noch so schwer um unseren Glauben ringen, Der größte Idealismus wurde nur in schwerster Stunde geboren. Aus dem starken Glauben soll unsere Arbeit reifen; durch sie sichern wir den Gefallenen Unsterblichkeit. Wir legen den Gefallenen das Gelöbnis ab, daß ihr Name in unserem Volke weiterleben soll durch die Arbeit, die wir leisten. Wir wollen da anknüpfen, wo ihr Leben abgebrochen wurde. Bei Verzweiflung im Leben sollen uns ihre Namen zurufen: Wißt ihr, was ihr uns schuldig seid? Wir gaben alles für euch, opfert euch für uns, für die Ideen, um derentwillen wir starben, füp den Aufbau einer neuen Welt; wir wollen in eurer schweren Arbeit weiterleben. - Leider geht ein böser Geist im deutschen Volke um, der Geist des Haffes. Selbst das Andenken unserer Gefallenen zieht er in den Staub. Wir dulden aber nicht, daß das Andenken unserer Gefallenen beschmutzt wi>rd. Schimpft auf uns, wir werden uns verteidigen, aber habt Ehrfurcht vor den Gefallenen. In jeder jüdischen Gemeinde können Ehrentafel aufgestellt werden mrt Namen von gefallenen deutschen Juden. Als deutsche Juden sind sie gefallen. Wir dulden nicht, daß man sie schmäht und ihr Gedenken schändet. Das wird ein Teil unserer Arbeit in der neuen Welt sein. So neigen wir uns in Ehrfurcht vor der stillen Größeunserer Toten. Von ihrem Grabe gehe unser Blick in die neue Zeit. Wir sterben — sie leben. Aber das lassen wir als Mahnung zurück: Vergeht nicht unserer Gefallenen. So wahr der neue Himmel und die neue Erde vor Gott fortbestehen werden, soll der neue Glaube in uns lebendig werden. Gebet ihnen durch eure Arbeit den Lohn der Unsterblichkelt." Mit einem innigen Gebete für das deutsche Volk und seine Behörden, Stadt und Gemeinde schloß unter Orgelklängen die erhebende Feier. Berlin, 30. September. Wie aus der Besprechung des Inhalts der letzterschieneuen „Mitteilungen «des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" Nr. 90 in unserem Blatte bekanutgeivorten ist, beschäftigt sich der D. I. G. B. eifrigst mit der Unterbringung der Beamten (Rabbiner, Lehrer, Kantoren, Chordirigenten nfw.), die um ihres Deutschtums und Glaubens willen gezwungen sind, aus den uns vertorengehenden Gebieten abzuwandern. Der Ausruf des D. I. G. B. an seine Ausschußmitglieder und Delegierten hat das Interesse an der Frage der Beschaffung neuer Existenzmöglichkeiteu wachgerufen und den erfreulichen Erfolg gehabt, daß den: Gemeindebunde nicht mit eine Anzahl offener Stellen für Gemeiudebeamte gemeldet, sondern daß auch viele Orte genannt lvurden, in denen Kaufleute und Handwerker eine neue, lohnende Existenz finden könnten. Indem wir die Ergebnisse des Ausrufes hier Mitteilen, sprechen wir den Wunsch aus, daß die Bemühungen des D. I. G. B. um unsere Glaubensbrüder aus den Ostprovinzen von den Gemeinden, die Stellen für Gemeindebeamte zu besetzen haben oder in deren Mitte sich Handwerker, Kaufleute oder Akademiker mit Erfolg niederlassen können, mit allen Kräften unterstützt'werden.- Freie Stellen für Beamte: a) Rabbiner: Würzburg, Oldenburg, Randegg; b) Prediger, Lehrer, Kantoren: Marggrabowa, Goldap, Ortelsburg, Braunsberg, Köslin i. Pom. Meldungen an Gemeindevorstand. Neiße: Kantor und Schochet, der mit Orgel und Chor vorbeten kann. Antritt bald. Gehabt nach Uebe re intim st, Meldungen an Zahnarzt Berger. Norden: 2. Lehrerstelle an jüdischer Volksschule, verbunden mit dem Amt als Kantor und Hilfsschochet. Grundgehalt 1700 Mark, Ortszulage 200 Mark (wird demnächst wesentlich erhöht), als Schochet 200 Mjark, staatliche Kriegsteuerun gsz uläge und Mietsentschädigung, Alterszulagen je nach Dienstalter bis 1900 Mark. Meldungen an M. Aschendorff. Rexingen: Musikalisch gebildeter. Vortzeter und Thoravorleser mit guter Stimme, zugleich Sckiochet. Ansangsgehalt 2500 Mark, freie Wohnung, eventuell Anrechnung anderweitiger Dienstzeit. Nach drei Jahren dauernde Anstellung. Nebeneinnahme aus Schechita und anderen kirchlichen Verrichtungen zirka 1300 Mark, Meldungen an Hauptlehrer Spatz, Vorsteher des Israelitischen Kirchenvorsteheramtes. Ulm a. Donau: Hilssvorbeter, Schochet und Syttagogendiener. Einkommen zirka 2500 Mark. Nebeneinnahmen. Bewerber kann Handwerk ausützen. Meldungen an Rabbiner Dr. Straßburger, Vorsteher des Israeli tschen Kirchenvorsteheramtes, Ulm a. D. Schivelhein: Hilssvorbeter und Schochet. Meldungen au Max Salomon, Vorsteher der Israelitischen Gemeinde, c) Niederlassungen: Kolberg, Stolp, Köslin, Treptow a. R., Greifenberg. Schivelbein für tüchtige Kaufleute und Handwerker mit kleinerem Kapital. Ulm a. d, Donau: Schneider und Fleischer. Auskunft erteilt Herr Rabbiner Dr. Straßburger. Stettin: für Schneider, geschickte Schuhmacher und leistungsfähige Bäcker sowie Konfektionsbetriebe.