Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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455 Mit einer raschen Wendung kam er dann auf sein eigenes junges Reis, auf Awrum, zu sprechen; er lobte seine Gelehrsamkeit, jeine Tugenden und Vorzüge und gab zuletzt — vorerst andeutend und dann mit aller Offenheit — Kalman Schlüte zu verstehen, daß er gern dessen Tochter, die Sara- Lea, sich zur Schwiegertochter nehmen, daß er gern seinen einzigen Sohn, den Awrum, ihm zum Schwiegersöhne geben würde. Kalman Schlüte erwiderte, daß er das Glück und die Ehre zu schätzen wisse, sich mit dem Rabbi zu verschwägern; natürlich sage er sein kräftigstes Ja dazu. Aber der Rabbi müsse bedenken, daß das Kind, die Sara-Lea, doch noch so jung sei und daß er, Kalman Schlüte, nach einen älteren Sohn habe, den er zuerst verheiraten müsse; und dieser sei noch Nicht einmal verlobt. Natürlich werde er trachten, dem Jossel recht bald ein eigenes Heim zu gründen, und dann werde man auch hier die „Verlobungsakte" schreiben können. Der Rabbi war von dieser Antwort vollkommen befriedigt. Nach dieser Geheimberätung mit Kalman Schlüte wurde noch eine öffentliche Beratung abgehaltem, zu lder .neben mehreren angesehenen und klugen Männern, auch Awrum hinzugezogen wurde. Der Rabbi meinte, es wäre sehr „gesund", wenn man es bewerkstelligen könnte, daß Benjamin in die Stadt nicht zurückkchre. Die angesehenen urtb klugen Männer wiegten dazu bejahend ihre Häupter und überbvten sich gegenseitig mit klugen und weisen Ratschlägen, die aber allesamt nichts taugten, weil sie zum Teil unausführbar, zum Teil wenig erfolgversprechend waren. Da fand wieder einmal Awrum den richtigen Weg, den man einzuschlagen hätte. Man müsse, sagte er, Saul Glück veranlassen, seinen Sohn auf eine ungarische Jeschibah zu schicken. Dieser Rat fand allseitigen Beifall, und es wurde einstimmig beschlossen, sogleich die notwendigen Schritte hierfür zu unternehmen. Am Abend desselben! Tages begab sich Kalman Schlüte in Begleitung Esriel Lamdans zu Onkel Chajim. Dieser war von dem Besuch nicht überrascht, denn; er. hatte bereits in der Stadt von dem Vorfall in der Betstube gehört und damit gerechnet, daß sie kommen würden, um über Benjamin Klage zu führen. Er tat jedoch so, als wüßte er von nichts; er empfing sic sehr freundlich, bat sie, Platz zu nehmen, und fragte im verbindlichsten Tone, was ihm denn die Ehre ihres Besuches verschaffe. ... „Uns führt eine Angelegenheit zu Euch", begann Esriel Lamdan, und er sprach langsam und gelassen, als zählte er die einzelnen Silben, „eine Angelegenheit, die sowohl für Euch wie für nms nicht sehr angenehm ist." „Ja, eine sehr peinliche Angelegenheit", ergänzte Kalman Schlüte. „Die Sache ist nämlich die", fuhr Esriel Lamdan fort, „wir kommen von wegen Eures Benjamin. Wir möchten Euch nicht weh tun, versteht Ihr, aber anderseits müssen wir Euch doch iveh tun. Wir müssen Euch nämlich mitteilen, daß Euer Benjamin — ein großer Irrtum ist." . „Ein gewaltig großer Irrtum", bekräftigte Kalman. „So, so", sagte Onkel Chajim und zupfte sich am schwarzen Bärtchen. „Versteht mich nur recht", sagte Esriel Lamdan. „Wenn ich sage. Euer Benjamin fei ein Irrtum, so meine ich natürlich, daß wir uns an ihm geirrt haben; er ist sozusagen unser Irrtum. Er ist nicht so, wie wir glaubten, daß er sei; er ist anders,, als wir uns ihn vorgestellt haben. Nehmt mir's nicht übel — ich möchte Euch nicht weh tun — er ist überhaupt so, lute ein Sohn aus solch einem Hause nicht sein soll." Und nun erzählte Esriel Lamdan haarklein alles, alles, >vas sich heute morgen in der Betstube vor der Morgenandacht zngetragen hatte, und gab Onkel Chajim durch die Blume zu verstehen, daß Benjamins Vorgehen, das berechtigte Entrüstung hervorgerusen hatte, auch auf die ganze Familie Glück einen Schatten werfe. Zum Schluß beteuerte er noch, daß er und Kalinan Schlüte nicht hergekommen seien, um irgend jemand Vorwürfe zu machen, oder irgend jemand anzuklagen, oder gar die Erziehung in gewissen Häusern, die wegen Btangels an Aufficht viel zu wünschen übrig ließe, einer scharfen Kritik zu unterziehen. „Das sei fern von uns", sagte er, „irgend jemand nahe zu treten. Wir wollen uns gar nicht lange bei dieser peinlichen Angelegenheit aufhalten. Wir sind vielmehr mit einer Bitte zu Erich gekommen: wir möchten Erich nämlich bitten, Saul Glück zu veranlassen, daß er seinen Sohn auf eine ungarischie Jeschibah schicke. Ihr versteht doch, worum es sich handelt!" Natürlich verstand Onkel Chajim, worum es sich handelte; er hielt es jedoch für zweckmäßig, über die peinliche Affäre selbst mit einer nichtssagenden Redewendung hinwegzugleiten. Er erklärte ihre vorgebrachte Anregung für keine üble „Idee" und versprach, an Saul Glück in diesem Sinne zu schreiben. * Der Briefwechsel Benjamins mit Sara-Lea und Jossel Schlüte — auch mit Jossel korrespondiert er regelmäßig — ging ohne Unterbrechung vor sich und trug dazu bei, Benjamin den Aufenthalt auf dem Lande, der anfangs statt der zur stillen Beschaulichkeit einladenden Ruhe nur unerträgliche Langeweile brachte, angenehm und kurzweilig zu gestalten!. Jedesmal, wenn von Sara-Lea ein Schreiben kam, machte Benjamin sich einen mit Festtagsstimmung gewürzten Ferialtag, und da er fast täglich von ihr ein Brieflein erhielt, so beglückte ihn schließlich der Landaufenthalt mit einer ununterbrochenen Reihe von vergnügten/ Ferialtagen. Auch die Briefe von Jossel Schlüte machten Benjamin viel Freude, denn sie enthielten neben Mitteilungen über die wichtigsten Tagesereignisse in der Stadt auch noch ausführliche Nachrichten über das Wohlbefinden Sara-Leas, über ihre Beschäftigungen, ihre Lektüre, ihre Spaziergänge und über ihre Unterhaltungen in dem traulich und behaglich eingerichteten Zimmer, das Benjamin so wohlbekannt war. (Fortsetzung folgt.) Versöhnung. Qom Kippur 568O.) err, du rufest heut' auf Erden Einen Tag der Sühnung aus. Laß versöhnt die Völker werden Und gesühnt ein jedes Haus. Gib auch uns, die du erkoren Dir zum Volk und ew'gem Gut, Frieden rings in unfern Toren — Schütze uns vor Pöbelwut. In den Seelen laß erblühen Ehrfurcht vor Gerechtigkeit. Laß in allen Herzen glühen Deine Liebe, die verzeiht. Denn im wirren Weltgetriebe Wuchert auf des Hasses Saat. Herr, wir brauchen deine Liebe, Daß die Friedenstaube naht. Deine hellen Friedensglocken Klingen heute uns nicht mehr; Nur zu neuem Kampfe locken Tausend Stimmen ringsumher.