Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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454 angesagt hatte und ich wußte, daß er mich erwartete. Ich habe bisher darüber nicht gesprochen, weil ich befürchten mußte, ein fremdes Kind könnte durch mich in einen schlechten Ruf kommen. Schließlich ist Benjamin Saul Glücks Sohn und ich hatte von ihm -nichts Böses gesehen! Heute aber, da es bekanntaeworden ist, daß sein Sinnen und Trachten wider alle fromme Sitte geht, heute, sage ich, da sein Geschreibsel seine wahre Gesinnung verraten hat, habe ich keinen Anlaß mehr, ihn nt schonen und aus mir den Verdacht scheu lassen, als hätte ich achtbare Personen umsonst gekränkt." Er steckte die Hand in die Brusttasche und zog einen Brief bervor. „Rabbi" fuhr er fort, „an dem an dem icki mit Esriel Lämdan nt Ehaiim gehen sollte, erbielt ich diesen Brief, und möge der Rabbi selbst urteilen, ob ich, nachdem ich diesen Brief gelesen, noch zu Ehajim Glück gehen konnte." Der Brief, in hebräischer Sprache abgefaßt, hatte folgenden Wortlaut: „Friede und Groß-Heil dem vornehmen und reichen Manne, dessen Namen in den Stadttoren in Ehren bekannt ist, dem Herrn Jakob Krummholz! Friede! Nachdem ich Ihnen Gruß und Friedenswunsch übermittelt, \vyq üblich — möchte ich Sie bitten, in einer wichtiaen Anaelegenheit meinen Worten ein .geneigtes Ohr zu schenkend ^ch habe lange geschwankt und alles reiflich auf der Wage der Vernunft gewogen, bis ich schließlich nt der Ueberzeugung gekommen bin, daß im vorliegenden Falle Schweinen Dflichtvergessenheit wäre. Ich bin ein treuer Freund Ihres Hauses und erachte es als meine Pflicht, Ihnen alles, was ich weiß, nt sagen, und ich hoffe, daß Sie es mir, nachdem Sie meine Worte gehört und sich von deren Wahrheit überzeugt haben werden, ewig danken werden, daß ich Sie in der nachstehend zur Sprache gebrachten Angelegenheit zur rechten Zeit gew-arnt habe - und Ihre Seele wird mich segnen deswegen. Es ist die Kunde mir zu Ohren gekommen, daß Sie beabsichtigen. sich mit Herrn Saul Glück aus dem Dorfe Butschina zu verschwägern und seinen seit einigen Jahren in den Mauern unserer Stadt weilenden Sohn Benjamin zum Eidam zu nehmen. Nun ist es ja allerdings wahr, daß die Familie Glück eine sehr, sehr ehrbare Familie ist, der selbst der Schatten eines Makels nicht anhastet, und es läßt sich auch nicht leugnen, daß eine solche Partie, soweit eben die Familie in Betracht kommt, ganz dem hohen Ansehen Ihres Hauses entsprechen würde. Allein in solchem Falle bleibt doch die Hauptsache - - der junge Mann, denn ihn, nicht die Familie, nimmt man sich ins Haus, und der schönste Vater und der angesehenste Großvater haben keinen Wert, wenn der junge Mann selbst nicht der würdige Zweig am alten Stamm ist; was nützt mir der schöne Baum, wenn der Apfel angefault ist. Und der Apfel ist angefault — das ist es, was ich Ihnen zu'sagen habe. Benjamin ist der Mann nicht, wie Sie ihn sich für Ihre Tochter wünschen. Ganz im stillen hat er sich von uns gewandt und wandelt jene Wege, die dorthin führen, von wo es kein Zurück mehr gibt. Wenn er gleich nach außen hin nichts tut, was gegen unsere althergebrachten Sitten und geheiligten Traditionen wäre, so ist es dennoch ganz sicher, daß sein Herz nicht dabei ist. Unsere Wege sind nicht seine Wege, und unsere Gedanken sind nicht seine Gedanken. Er wird sein Haus nicht auf jenem Fundamente bauen, auf dem unsere Vorväter gesegneten Angedenkens ihre Häuser zu bauen pflegten. Und so kann es kommen, daß, wenn Benjamin Ihre Tochter heiratet, man im Hause Ihrer Tochter einen anderen Geist und andere Sitten und andere Bräuche finden wird als in Ihrem eigenen Hause — was doch sicherlich nicht nach Ihrem Geschmacke wäre. Dächten Sie aber in Ihrem Herzen, ein junger Mensch sei wie Wachs, das man nach Belieben kneten könne, so würden Sie mit solcher Anschauung im Finstern wandeln. Denn die Erfahrung lehrt: Sitzt erst der Wurm darin, so ist er schwer herauszutreiben. Ich habe mich in aller Kürze gefaßt, wo ich vielleicht ausführlicher hätte sein müssen. Aber für den Verständigen dürfte auch schon die Andeutung genügen, denn er wird von dem wenigen, was hier ausgesagt ist, auf alles übrige schließen. Bemerken möchte ich nur noch, daß ich alles.das nicht etwa vom Hörensagen weiß, sondern aus Erfahrung, denn ich hatte viel Gelegenheit, Benjamin in seinem Tun und Lassen zu beobachten, und bin auch viel persönlich mit ihm in Berührung gekommen. Ich schließe mein Schreiben mit dem Bewußtsein, daß ich die Pflicht, einen Freund vor einem falschen Schritt zu warnen, hiermit erfüllt habe. Verzeihen Sie, daß ich heute, aus bestimmten Gründen, meinen Namen nicht nenne. Bei passender Gelegenheit werde ich mich als Schreiber dieses Briefes zu erkennen geben; dann werden Sie mir selbst zugestehen, daß ich mit Fug zeichnen darf als Ein Freund Ihres Hauses." Das Gedicht wirkte auf die Getreuen wie ein Sturm, der die Wellen ihrer Leidenschaften aufpeitfchte; der Brief dagegen wi'rkte wie ein kalter Schlag, der die Gemüter durchzuckte, ohüe sie zu entzünden. Sie sahen sich betrogen, genasführt von einem jungen Menschen, der allen ihren scharfen Beobachtungen und spürkräftigen Schnüffeleien ein Schnippchen schlug, de.7 sie. dermaßen täuschte, daß sie eine Maske für sein ehrliches Gesicht nahmen. Sie waren verstimmt, geärgert da'rüber, daß ihr sonst so zuverlässiger Spürsinn, der mit der Präzision eines Seismographen alle Schwankungen in jemandes Gesinnung getreulich registrierte, sie bei Benjamin so ganz im Stiche ließ. Sie hattm ihn. wirklich, nicht gekannt, seine wahren Gesinnungen nicht ausgekundschaftet — klipp und klar bewies ihnen das der Brief, der an Iankel Krummholz gerichtet war. Wer mochte diesen Brief geschrieben haben? Darüber zerbrach sich niemand den Kopf, denn alle waren sie überzeugt, daß einer der ihrigen der Briefschrerber sei. Der Rabbi aber las den Brief ganz anders, als man Briefe zu lesen pflegt. Man merkte es: da war ein Bohrender an der Arbeit, einer, der das Verborgenste aus den Worten herausholte, aus dem Ausgesprochenen das Unausgesprochene auszog und zwischen die Zeilen seine eigenen Ergänzungen einsügte. Er las den Brief mit großer Sorgfalt, mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit, und man sah es förmlich, wie er Punkte und Striche gleiche geheimen Siegeln auflöste. Und als er mit dem Lesen des Briefes zu Ende war, faltete er ihn behutsam zusammen, legte ihn behutsam in Iankel Krummholzens Hände und sagte: „Nu, gewiß." Mehr sagte der Rabbi nicht. Aber die Getreuen verstanden, daß er in betreff des Besuches bei Ehajim Glück das Vorgehen Jankels billigte. An demselben Tage hatte der Rabbi mit Kalman Schlüte eine lange Unterredung. Er sprach des langen und breiten über die Anfechtungen, denen die Unerfahrenheit der Jugend ausgesetzt ist, und pries die Weisheit der jüdischen Gesetzeslehrer, die in der Frühheirat eine gottgewollte Einrichtung und einen Grundpfeiler aller Sittlichkeit -erblickten und die das frühzeitige Verheiraten der Kinder als die klügste Maßnahme vorsorglicher Eltern rühmten. Er gemahnte Kalman Schlüte an seine Vaterpflichten, indem er ihm recht eindringlich klarmachte, welcher Aufsicht gewisse Kinder in einem gewissen Alter bedürfen, und wie leicht die Sache mit Benjamin schlimm hätte werden können, und wie leächt sein Kind, seine einzige Tochter, in einen schlechten Ruf hätte kommen können; er möge Gott danken, sagte der Rabbi, daß das Geschwür rechtzeitig aufgestochen würde, nur müsse er aber trachten, seine Tochter bald zu verheiraten.