Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
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453 Staatsverwaltung aller Güter zu bemächtigen, sondern nur, wenn kerne Gatten und keine Kinder zurückblieben; blieben diese zurück, so sollte die Hälfte des Vermögens ihnen znfallen, die Hälfte aber der königlichen Kasse. Also immer noch blieb ein hartes Erbrecht bestehen. Das Interessante an diesen Besprechungen ist, daß hier angeluüpst wird an die Lage der Juden in Frankreich, dem Lande, aus dem Karl stammte, und nicht an die Lage der Juden, in Untecitalien, dem Lande, in dem Karl regierte und in dem ihre Lebensbedingungen die besseren waren. Die Zeit der hoheustaufischen Herrschaft wollte Karl ja überhaupt aus dem Gedächtnis der Bewohner streichen. Bei jener Audienz hat der-genannte Moses auch, noch durchgesetzt, daß seine Volksgenossen die Freizügigkeit im ganzen Reiche erhielten und das Recht, Ehen einzugehen und Verträge abzuschließen wie jeder andere Bürger. Karl I. war ein sehr gläubiger, streng kirchlich gesinnter Herr, dem viel an Konvertiten gelegen war; denn die Bekehrung der Juden war für ihn wichtig, da er auf gute Beziehungen zum Papste angewiesen war. Wie groß mußte nun seine Freude erst sein, wenn ein Jude nicht allein selbst in den Schoß der Kirche zurückgekehrt war, wenn er vielmehr sich sogar noch bemühte, andere zum Abfall vom Judentum zu bewegen. Manuforte (Starkhand auf deutsch), ein Jude aus Trani, hatte dies getan und bemühte sich weiter, Täuflinge zu schassen. Karl muß nun wohl gedacht haben, daß ihm der himmlische Lohn, der ihm durch den llebertritt winkte, nicht genügte, und so setzte er ihm noch die stattliche Summe von jährlich 6 Goldunzen aus den Einkünften der Färberei aus der Stadt Trani aus und weist alle Beamten an, dafür zu sorgen, daß Manuforte dieses Geld auch wirklich erhält. Ob nicht solche Prämien!, deren Verleihung natürlich bekannt wurden, einen größeren Anreiz zum Uebertritt bildeten?! Wie wehrlos die Juden auch den Bedrohungen der Geistlichkeit gegenüberstanden, geht aus einer Entscheidung des Königs hervor, von der ich nun sprechen will. Nicht nur, daß die Juden die außerordentlich hohen regelmäßigen Abgaben zu bezahlen hatten, benutzte der Erzbischof sie auch noch, um von ihnen besondere Gelder zu erpressen. Dieser Erzbischof und ein Bruder AngeluS, welchen Namen er führte, ohne mit einem Engel nur das geringste gemeinsam zu haben, belästigten die Juden „unmenschlich", wie eS wörtlich in dem erhaltenen Aktenstück heißt, und warfen sie mit eisernen Ketten belastet in den Kerker, wo sie nichts weiter als Brot erhielten. Der König versucht den Erzbischof brieflich dazu zu bringen, von feinem unmenschlichen Verhalten abzustehen, denn die Juden haben Karl demütig angefleht, da sie diese Bedrückungen und Quälereien, die gegen sie ohne jeden Rechtsgrund verhängt wurden, nicht ertragen konnten. So wendet sich der König noch einmal an den obersten Gerichtshof mit dem Aufträge, er möchte beim Erzbischof von Bari vorstellig werden, daß dieser von seinem bisherigen Vorgehen Abstand nehme und selbst darauf hinwirke, daß die Juden nicht mehr belästigt werden. Ob die Anweisungen des Königs befolgt wurden, der ja verpflichtet war, feine Kammerknechte, wie er sie immer wieder nennt, zu beschützen, wissen wir nicht. Ernstlich wird er sich mit der Kirche der Juden wegen nicht überworfen haben. Bari muß ein Ort gewesen sein,, an dem die Juden besonders viel zu leiden hatten. Ein anderes Mal beschweren sie sich, daß man in ihre Häuser im Judenviertel, der „Judaica" (Giudecca im heutigen Italienisch), eingebrochen sei, aus ihnen alles bewegliche gute Mobiliar entfernt habe und nichts ihnen davon wiedergegeben worden sei, wobei sie noch schweren Bedrückungen ausgesetzt waren. Der König kann daraufhin nicht anders, als den Justitiar anzuweisen, gegen die Schuldigen energisch vorzugehen. Aus den angeführten Beispielen, die sich noch reichlich vermehren ließen, ersieht man, daß die Lage der Juden sich verschlechterte, daß sie Bedrückungen aller Art ausgesetzt waren und sich immer wieder an die Zentralgewalt wenden mußten. Aber wir dürfen billig bezweifeln, ob der Wille des Königs wirklich da war, sie zu schützen, ob es nicht bloß die Sorge war um die ergiebige Einnahmequelle, als welche ja die Kammerknechte stets aufgefaßt worden sind. Geistig hatten die Juden im Staatsleben noch weiter ihre Bedeutung!>vie unter den Staufern. Sie waren vor allem die gegebenen Vermittler orientalischer Bildung; wollte man ein Buch übersetzt haben, so wandte man sich an sie. Auch der König mußte das tun. Der Jude Farasius war sein Uebersetzer, dem er für die Uebertragung mehrerer Bücher ein Honorar auszählen läßt. Zahlungsbefehl nebst Quittung des Empfängers ist uns erhalten. Auch einen jüdischen Leibarzt hielt sich König Karl I. von Sizilien: Farag ibn Salomo, der, wie uns Graetz schon berichtet, auch ein berühmter Gelehrter war. Gar manches Dokument zur jüdischen Geschichte ruht wohl noch in den umfangreichen Registerbändein des Staatsarchive? zu Neapel, das uns in diese längst vergangenen Zeiten einen ungeahnten Einblick tun läßt. Wenn einmal die friedliche wissenschaftliche Arbeit auch in den uns bisher feindlichen Ländern> wieder möglich sein wird, dann mögen auch diese der deutschen Judenheit noch fast unbekannten Schätze, die neues Licht auf die Geschichte der jüdischen Vergangenheit werfen, gehoben werden. Benjamins Liebeslied. (13.Forts.) Roman von Samuel Weisels. fl 12 üi schöner Vergleich!" erboste sich das dünne Männchen. „Erstens ist im Hohenlicde alles nur Gleichnis. Es ist ja allbekannt, daß dort mit der Sulamith keine leibhaftige Sulamith, sondern die Gemeinde Israel gemeint ist, daß dort die Brüste gar keine Brüste sind, sondern Symbole für das schriftliche und das mündliche Gesetz. Benjamin aber, dieser Liederjahn, meint ja wirklich Brüste. Und zweitens, was einem König Salomo erlaubt ist, ist einem Benjamin Glück noch lange-nicht erlaubt." „Gr hat ja recht," sagte der junge Mann mit dem fettglänzenden Gesicht. „Und wenn König Salomo tausend Weiber hatte, wirst du etwa dem Benjamin gestatten, sich tausend Weiber zu nehmen?" Der Rabbi erschien und begab sich eiligen Schrittes auf seinen Platz an der Ostwand. „Nu, warum beginnt man nicht mit dem Morgengebek?" fragte er. Kaum war das Wort gesprochen, da legten sich die Wogen der Aufregung, und das Gemeine, das uns alle bändigt, verflog wie Spreu vor dem Winde. Nach wenigen Augenblicken loderten die Flammen der Andacht gen Himmel empor.- Als die Morgenandacht beendet war, trat Jankel Krummholz vor den Rabbi hin und sagte: „Rabbi, es ist nicht meine Gewohnheit, einen Menschen zu. kränken und mein Wort nicht einzuhalten. Mein Ja ist immer noch ein Ja gewesen, und wenn ich sage, daß ich komme, so komme ich auch. Zu Chajim Glück aber kam ich nicht, obwohl ich ihm meinen Besuch