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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-03 · Heft 40 (3.10.1919) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 40 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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452 Sonnenfinsternis zu beobachten. Ueber Port Said reiste er nach der Hafenstadt Hodeida und betrat dort den Boden Arabiens. Jüdische Forscher waren schon vor ihm auf der arabischen Halbinsel gewesen, so der Franzose Halevh, der Oesterreicher Langer, aber keiner hat so reiche Erfolge zu erzielen vermocht als Glaser. Nachdem seine Mutter gestorben war, die sich noch an dem beginnenden Ruhme des Sohnes erfreute, war es dem Vater, der 1895 starb, vergönnt, seinen Sohn im Glanze seines Wirkens zu beobachten. Auf allen seinen Reisen suchte Glaser mit seinen Glaubensgenossen in Berührung zu kommen und lernte dabei das Elend kennen, dem die Juden Arabiens durch die Eingeborenen dieses Landes ausgesetzt waren. Wo in einem Orte ein Rabbiner anzutreffen war, suchte er diesen auf oder ließ sich von ihm aufsuchen, wobei er sich über die Verhältnisse der jüdischen Bewohner des betreffenden Ortes genau unterrichten ließ. Ganz besonders verkehrte er viel mit dem Rabbiner von Sana (in der Landschaft Jemen), einer der schönsten Städte des Orients, in der unter 40 000 Einwohnern damals etwa 5000 Juden lebten, bei dem Glaser ein außerordentlich tiefes jüdisches Wissen und ein reges Interesse für seine Forscheraufgaben fand. Nach wiederholten mühe- und gefahrvollen Reisen, die er von 1885 bis 1894 unternommen hatte und von denen er reiches und wichtiges Material mitbrachte, wobei ihm sein angeborenes Zeichentalent von unschätzbarem Vorteil war, kehrte er geehrt und.geachtet in die Heimat zurück. Seine Tätigkeit beschränkte sich aber nicht bloß auf die Erforschung dunkler Länder; auch als Politiker hat er sich viele und große Verdienste erworben, manchen Streit und Kampf verhindert. Ein ehrlicher, fester Charakter, ein überzeugter Jude, lehnte er die oft an ihn herangetretenen Versuche, ihn znm Glaubenswechsel zu veranlassen, durch den er in hohe und höchste Stellungen hätte gelangen können, stets energisch ab. Es wurde ihm oft naheaeleat. daß „ein klein wenig Taufwasser" alle seine Neider und Hasser, deren er sehr viele hatte, die dem Juden den wohlverdienten Ruhm nicht gönnten, zum Verstummen bringen würde. Glaser vergaß keinen Augenblick, daß er Jude war und als solcher „dulden" müsse. Aber so streng er als Jude die eigene Ehre wahrte, so streng verlangte er auch von seinen Glaubensgenossen, daß sie in sittlicher und moralischer Beziehung in gleicher Weise handeln sollten, was ihn oft verleitete, gegen solche Juden, die ihr Judentum nicht achteten und schätzten, mit aller Schärfe vorzugehen. Und einen solchen überzeugten, treuen, redlichen Juden haben seine Glaubensgenossen so schnell vergessen! Einer seiner charakteristischen Züge war seine unbestechliche, nie ins Wanken gekommene Wahrheitsliebe. Jede Prahlerei, jede Ruhmrederei, die bei Forschern so häufig gefunden werden, war ihm zuwider. Orden, Titel, Ehrenzeichen hat er nicht besessen. Zn den wenigen, die seinen Fleiß, seine Ausdauer, seine Verdienste als Forscher und Gelehrter anerkannten und würdigten, gehört der Verleger dieses Blattes, Dr. Rudolf M o s se, der um eine sehr hohe Summe guterhaltene Marmortafeln aus der Zeit der Königin von Saba und wertvolle Inschriften von Glaser erwarb, um sie dem Berliner Aegyptischen Museum zu überweisen. Glücksgüter hat Eduard Glaser in seinem an Gefahren reichen, an Arbeit, Mühe und Anstrengung übergroßen Leben nicht erworben. Es ging ihm wie seinem Vater, der auch wenig kaufmännischen Sinn besaß und deshalb keine materiellen Güter zu erlangen vermochte. Als er am 7. Mai 1908 nach längerem und qualvollem Leiden, das er sich im Dienste für die Menschheit zugezogen hatte, das Zeitliche segnete, hinterließ er keine Geldwerte, wohl aber Schätze, die nicht dem „Rost- und Mottenfraß" ausgesetzt sind: den Namen eines „ehrlichen Inden". Auf dem jüdischen Friedhof zu München, wo er zuletzt lebte, sind seine irdischen Ueberrefte dem kühlen Schoß der Erde übergeben worden. Ein Mensch, ein Gelehrter, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit sein lebelang übte; ein Jude, der allen Versuchungen, allen Verlockungen ans „Ueberzeugung" Widerstand leistete und seinem Väterglauben Treue bewahrte, hat wahrlich ein besseres Schicksal verdient, als seine Mitwelt, besonders aber seine Glaubensgenossen ihm bereiten. Man wäre geneigt mit dem Dichter zu sprechen: „Vergebens Predigt ihr den Wilden, Es gilt erst die Gebildeten zu bilden." Diese Zeilen mögen das Andenken an den Juden Glaser auffrischen und ihn für einige Zeit bewahren vor dem „Vergessen". pus der Geschichte der Juden in Anteritslien. Von Dr. Willy Cohn (Breslau), ls Herrscher aus dem Geschlechte der Normannen und Hohenstaufenim schönen Reich Sizilien und Unteritalien regierten, war die Lage der Juden eine durchaus gute zu nennen gewesen. Besonders der größte dieser Fürstenreihe, Friedrich II., war selbst ein Freund bedeutender Juden gewesen, die er an seinen Hof gezogen hatte. 'Er wußte, was die Juden ihm wert waren und was sie ihm leisteten. Anders wurde dies, als Karl von Anjou, vom Papst aus Frankreich herbeigerufen, den DH von bestieg. Schon als Günstling der Kirche war er gezwungen, den Inden gegenüber eine strengere Stellung einzunehmen, und es entsprach auch seinem kleinlichen Charakter, hier die Zügel fester anzuziehen und das jüdische Volk zu bedrücken, es wieder fühlen zu lassen, daß sie hier nur die Geduldeten waren. Ein glückliches Geschick hat den großen Teil seiner Regierungsakten der Nachwelt erhalten; sie gestatten uns bis ins einzelne einen Einblick in seinen Verwaltungsapparat und damit überhaupt in das Leben jener Menschen am Ende des 18. Jahrhunderts. Besser als alle Darstellungen führen sie auch in das Leben der Juden ein. Am 20. April des Jahres 1273 erscheint Moses, der Hebräer, Bürgermeister und Sachwalter der Jüdischen Gemeinde in Neapel, vor König Karl I., um eine Bitte vorzutragen. Gütigst solle er den Juden gestatten, daß sie in gleicher Weise wie die Juden von Burgund, der Champagne und den anderen Provinzen Frankreichs nicht gezwungen sein sollten, Abzeichen zu tragen, um sich zu unterscheiden. Indem der König die Bitte entgegennimmt, beauftragt er die in Betracht kommenden Beamten, sich zu vergewissern, ob die Juden in Burgund, in der Champagne und den anderen Provinzen Frankreichs nicht gezwungen seien, Abzeichen zu tragen, um mit den Christen nicht verwechselt zu werden, und, im Falle der Bejahung-dieser Frage, sie nicht mehr zu belästigen als die von Anjou. So weit klingt ja die königliche Antwort ganz freundlich, dann aber kommt die unangenehmere Seite: es wird den Juden eine erhebliche Steuer auferlegt, jedes Individuum, ob Mann, ob Frau, das das zehnte Lebensjahr überschritten hat, muß jährlich zwei Augustalen an die Staatskasse zahlen, jedes Kind unter zehn Jahren 'die Hälfte. Moses wurde beauftragt, diese Steuer einzuziehen und sie in zwei Raken abzuliefern, eine am Weihn-achtsfest, eine zu Pfingsten. Damit aber war es nicht genug! Wie scharf die Beamten des'Königs gegen die Juden vorgegangen sein müssen, geht daraus hervor, daß der König nun anordnet: Nicht mehr beim Tode jedes Juden habe sich die königliche

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