Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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451 mniges Singen glaubhaft. Auch seine Kollegen betrauern den Verlust dieses vortrefflichen Mannes. Wiewohl er das sech- , zigste Lebensjahr bereits überschritten, stand er doch noch , mitten in beruflicher Tätigkeit, ohne merkliches Bersaqen seiner Kraft. Die Berliner Gemeinde beklagt den Verlust eines Beamten. dessen Pflichttreue vorbildlich gewesen ist. Sie wrrd ihm deshalb stets ein ehrendes Andenken bewahren. M a g n n s D a v i d s o h n Vergessen! Bon Paul Mockiles (Hamburg). s gehört zum Schicksal der jüdischen Gelehrten, sofern sie nicht zu denganz Großen, zu den „geone be jisroel" gezählt werden, daß sie sehr schnell in Vergessenheit geraten. Ganz besonders ereilt dieses Verhängnis diejenigen Gelehrten, die nicht ein vorwiegend jüdisches Wissensfeld beackert haben und darum von ihren Glaubensgenossen wähirend ihrer Lebenszeit selten genannt und nur wenig beachtet worden sind. Daß Andersgläubige, Gelehrte ebensowenig wie Laien, sich solcher Männer erinnern sollen, ist kaum zu verlangen; von diesen Herren werden solche Juden, die ihrer Mitwelt und auch der Nachwelt unschätzbare Dienste geleistet haben, nur in den seltensten Fällen gewürdigt, weil sie eben „Juden" sind. Sie werden vergessen, sowohl von diesen wie von jenen. Einem solchen „Vergessen" ist heute, schon nach seinem zehnjährigen Tode, der Jude Eduard Glaser anheimgefallen. Ein Mann, der zu denen gerechnet werden muß, die „aus allen ihren Wegen gerecht und in allem ihren Wirken segensreich" gewesen sind. Glaser war ein Gelehrter, dem die Wissenschaft, besonders die Sprachwissenschaft, zu unauslöschlichem Danke verpflichtet ist. Er war ein Bahnbrecher in der Erforschung orientalischer Sprachen und ein Wegweiser für viele Pfadsucher in unwirtlichen Ländern, die vor ihm nur tastend, nach ihm und durch ihn aber hellsehend in eine fast gänzlich unbekannte Welt einzuziehen in die Lage versetzt wurden. In einem kleinen böhmischen Dorfe wurde Eduard Glaser am 15. März 1855 geboren. Seine Eltern waren redliche, aber mit Glücksgütern wenig gesegnete Leute, die nur mit großer Mühe den Lebensunterhalt für sich und ihre fünf Kinder beschaffen konnten. Da der geringfügige Handel, den der Vater betrieb, nicht das zum Leben Nötige abwars, so zogen die Eltern von dem Geburtsorte unseres Eduard, dem Dorfe Deutsch-Rust, nach dem nahebei gelegenen Dorfe Trebitz, wo neben dem bisher geführten ^Kleinhandel ein Stück Land gepachtet wurde, um durch Bearbeitung desselben einen Teil der Nahrung für die Familie selbst zu erzeugen. Da der Vater nicht die Mittel besaß, dies Land von fremden Leuten bearbeiten zu lassen, so mußte er selbst die ungewohnte Arbeit des Pflügens und Säens verrichten, wobei ihm seine Kinder nach Kräften halfen. „Wenn aber die Erntezeit herankam, jo fielen die Midianiter und Amalekiter in sein Land ein, richteten das Gewächs des Feldes zugrunde und ließen keine Lebensmittel übrig." Hier waren es die böhmischen Dorfbewohner, die den Glaserschen Acker abernteten und ihm, der "im Schweiße seines Angesichts" das Land bestellt hatte, nichts übrigkießen. Um diesen Diebereien in etwas Einhalt zu gebieten, ging der Vater mit seinen Kindern abwechselnd nachts auf das Feld hinaus, um Wache zu halten. Hierbei mußte auch der kaum sieben Jahre alte Eduard helfen, aber Erfolg erzielten die Wächter nicht. Der Kohl und die Rüben verschwanden so lange, bis nichts mehr zu holen war. Alle Mühe und Arbeit war umsonst gewesen. So wuchs unser Eduard unter Not und Entbehrung aller Art zum Jüngling heran; aber auf seine geistige und körperliche Entwicklung vermochte dieser Mangel keinen besonders nachteiligen Einfluß auszuüben. Als er mit 13 Jahren seine „religiöse Mündigkeit" erlangt hatte, wurde er Schüler der Realschule in Komotau, und mit 16 Jahren trieb ihn sein Wissensdrang und sein Lerneifer, gegen den Willen des Vaters, der aus seinem aufgeweckten Sohne einen gediegenen Kaufmann zu machen hoffte, nach Prag, wo er in der O'berreallchu'le Ausnahme fand. Ohne alle Mittel, ohne jeden Anhang suchte er durch Stundengeben, das in damaliger Feit und auch später lerneifrigen Jünglingen als Mittel zum Erwerb des Lebensunterhaltes diente, seine allernotwendigsten Lebensbedürsnisse zu befriedigen. Mit der Feit kam sein Klassenlehrer, der dem begabten, aufmerksamen und wissensdurstig,en Schüler sehr zugetan war und dem das gedrückte Wesen und schlechte Aussehen seines besten Schülers schon lange aufsiel, aus den Gedanken, daß der junge Glaser wohl Not leiden müsse. Er forschte nach, fand seinen Verdacht bestätigt und gab nicht früher Ruhe, bis er Hilfe schaffen konnte. Der gefühl- und gemütvolle Mann empfahl seinen Schüler als Hauslehrer einem hohen militärischen Beamten. Da jedem Juden die Wahrzeichen seiner Konfession ausgeprägt sind, so daß er sie nicht verleugnen kann, selbst wenn er seinen Glauben abschwört, kein Jude seine Abstammung zu verbergen vermag, weil eine Handbewegung, eine Neigung des Kopfes, eine Gestikulation, der Ausdruck des Antlitzes, Gang. und Haltung ihn zu verraten vermögen, so fürchtete der junge Hauslehrer, war er doch kaum 17 Jahre, daß seine Stellung in diesem christlichen: Hause nicht von langer Dauer sein würde. Vater und Schüler waren aber vornehme Naturen, die von dem Beschützer des jugendlichen Hauslehrers auf seine Notlage aufmerksam gemacht waren, behandelten denselben mit größter Achtung und ausgesuchter Liebenswürdigkeit. Von Nahrunigssorgen befreit, war der Lehrende und Lernende als Lehrer und Schüler gleich eifrig. Aus Zeitungsberichten erfuhr er von den glänzenden Erfolgen des Afrikaforschers Livingstone, und es reifte in ihm der Entschluß, auch ein Forschungsreisender zu werden. Klug genug, um zu -wissen, daß hierzu mehr erforderlich sei als der bloße Wunsch und Wille, vertiefte er sich alsbald in die Geheimnisse der arabischen Sprache, lernte am Prager Polytechnikum Physik, Mathematik, Meßkunst wie überhaupt alles, was für den beabsichtigten Zweck nötig war. Körperlich stark, geistig gesund, mit Wagemut und Willenskraft ausgerüstet, zog er, nachdem er knrze Zeit, aber mit gutem Erfolge in Wien Astronomie studiert hatte, nach Südarabien, wo er als Sternkundiger bei den Sternanbetern, den Sabäern, große Erfolge zu erringen hoffte. Nun galt es aber auch die Sprache des Landes, das zu erforschen er sich zur Aufgabe stellte, wirklich sprechen zu lernen; denn er wußte, daß er mit den theoretischen Kenntnissen der arabischen Sprache nicht weit in das Innere des Landes würde eindringen können- Das Wort Goethes von Theorie und Praxis war ihm nur zu gut bekannt. Das Schicksal kam dem strebsamen und Willensstärken Jünger günstig entgegen. Der österreichische Generalkonsul in Tunis ließ den ihm bestens empfohlenen 25. Jahre alten Glaser als Hauslehrer für seinen Sohn zu sich kommen, und hier lernte er das Sprechen der arabischen Sprache an der Quelle. Bald beherrschte er diese Sprache wie seine Muttersprache, so daß er dem Konsul als Dolmetscher dienen konnte. In dieser Stellung lernte er vieles kennen und verstehen, das ihm für seine spätere Laufbahn als Forscher von großem Nutzen wurde. Auch das lernte er kennen, was die jetzigen Feinde unseres Vaterlandes, die behaupten: Deutschland wäre nicht fähig und würdig zu kolonisieren, getan haben, um Arabien der Kultur anzuschließ.en! 1881 verließ Glaser Tunis und ging an die Ausführung seines Vorhabens. Er zog von dort nach Aegypten, wo -er längere Zeit verblieb, um die im Mai 1882 eintretende