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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-03 · Heft 40 (3.10.1919) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 40 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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450 Auszeichnungen hat es ihm später nicht gefehlt; mehr als die staatlichen Titel und Orden wird es ihn geehrt haben, daß eine Reihe angesehener Akademien und wissenschaftlicher Körperschaften des In- und Auslandes ihn zum Mitglied ernannte. Harkavh begann seine schriftstellerische Tätigkeit mit wichtigen Studien über die älteste Geschichte der Juden in Rußland. Er hat zuerst energisch darauf hingewiesen, daß lange vor der Einwanderung von Juden aus Deutschland eine solche aus dem Süden und dem Osten des großen russischen Reiches stattgefunden hatte; er hat auch die Forschung über die spätere jüdische Geschichte in den zu Rußland gehörenden Ländern angebahnt. Harkavhs Studien haben russische und jüdische Gelehrte erst auf das Gebiet der Geschichte der Juden in Rußland geführt und den zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten der späteren Zeit die Richtung gewiesen. Seine gründliche Kenntnis der alten slawischen und der arabischen geschichtlichen Literatur benutzte der Gelehrte zur Aufhellung der in der Geschichte des Judentums nicht unwichtigen Erscheinung der Chasaren. Seine Stellung an der Petersburger Bibliothek bot Harkavh Gelegenheit zu einer genauen Einsichtnahme in die von dem karäischen „Chacham" Abraham Firkvwitz gefundenen Handschriften und Altertümer. Nachdem der größte Teil der jüdischen Gelehrten diesen „Entdeckungen,, zum Opfer gefallen war, gelang es Harkavh im Verein mit dem nun auch schon siebzigjährigen Berliner Theologen und Semitisten Hermann L. Strack, sie als F ä l s ch ungen zu erweisen und eine Revision der durch Firkowitz veranlaßten Jrrtümer durchzusetzen. Aber so viel Firkowitz auch gefälscht hatte, es bleibt ihm doch das Verdienst, daß er der jüdischen Literatur außerordentlich wertvolle Quellen zugeführt hat. Er war der erste, der aus der später zu solchem Ruhme gelangten Genisa von Kairo reiche Schütze nach Petersburg gebracht und dadürch eine wesentliche Bereicherung unserer Kenntnisse der karäischen, der gaonäischeu und auch der älteren spanisch-arabischen Literatur ermöglicht hat. Harkavh saß an der Quelle und hat als eifriger Schatzgräber das ihm zugängliche Material zutage gefördert und der wissenschastlichen Welt zugänglich gemacht. In seinen sieben Bänden „Studien und Mitteilungen aus der Kaiserlichen öffentlichen Bibliothek zu St. Petersburg", in seinen 20 Abhandlungen, die er unter dem Namen „Ehadoschim gam Jeschonim" zusammengefaßt hat, und in anderen wertvollen Abhandlungen und Büchern hat er eine außerordentliche Menge neuer Beiträge zur Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur von hervorragendem Werte geliefert^. Besonders bekannt und verbreitet sind seine Anmerkungen zu der von S. P. Rabbinowitz bewirkten hebräischen Uebersctzung von Grätz' „Geschichte der Juden", die sehr wertvolle Bereicherungen und Berichtigungen enthalten. Harkavhs Forschungen zeichnen sich stets durch ihre Gründlichkeit und Genauigkeit aus; sie bringen nicht mit wertvolles, sondern auch zuverlässiges, sorgfältig bearbeitetes Material. Ein rastloser, verdienstvoller Forscher, konnte Harkavh, da ihm die Einwirkung auf einen größeren Schülerkreis verwehrt war, kein führender Gelehrter werden. Das hat ihn nicht gehindert, ans weiteste Kreise seiner Heimat tiefgehenden Einfluß zu gewinnen. Zunächst hat er als angesehener oielgelesener hebräischer Schriftsteller Aufklärung und Wissen verbreitet. A.nch gehörte er zu den Begründern der „Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung unter den Juden Rußlands", hat ihr mehr als fünfzig Jahre wertvollste Dienste -geleistet und sich um das Bildungswesen der russischen Juden unvergängliche Verdienste erworben. Auch die Gesellschaft Mekize Nirdamim verliert in ihm einen ihrer treuesten Führer — von anderen Institutionen ganz zu schweigen. Bis ins hohe Greisenalter war der Gelehrte unermüdlich an der Arbeit. In seinem Nachlaß werden sich sicherlich bedeutsame Schriften oder Pläne finden, die der Oesfentlichkeit nicht vorenthalten werden sollten. Vor allem aber erwächst seinen Freunden und Verehrern die unerläßliche Pflicht, Harkavhs verstreute Aufsätze zu sammeln und vereint herauszugeben. Seine Abhandlungen gehören zu den für den Forscher unentbehrlichsten, aber, da sie vielfach in wenig verbreiteten Zeitschriften erschienen sind, zu den unerreichbarsten Produkten der jüdischen Literatur. Das Andenken Harkavhs sollte durch eine Herausgabe seiner gesammelten Abhandlungen wach erhalten werden nach dem alten jüdischen Grundsatz: „Es bedarf keiner Denkmäler für die Verdienstvollen, ihre Werke sichern ihr Andenken!" R. N. | Saoid Stsbinski. | D David Stabinski Oberkantor der Jüd. Gemeinde zu Berlin. h Ein Verzeichnis aller seiner Veröffentlichungen enthält die „Festschrift zu Ehren des Tr. A. bartnvy" irvbx CrPCX*? ]1~07 Petersburg 1908, S. IX—LII. ie Berliner Gemeinde hat in letzter Zeit den Verlust ausgezeichneter Rabbiner und Kantoren zu beklagen. Am 19. September vor Eingang des Sabbats verschied der Oberkantor David S t a b i n s k i, der länger als zwei Jahrzehnte an der Berliner Gemeinde als geschätzter Kantor amtierte. Große Kantoren, deren Ruf noch bis in die heutige Zeit hinüberreicht, waren seine Meister. Darum beherrschte auch er den traditionellen Stil des gottesdienstlichen Gesanges, jenes Ehasonus, das gar vielen Gebeten eine wundersame Jllnftration verleiht und diese dem Empfinden um |o näher bring!. In der Erkenntnis dieser besonderen Begabung wurde Stabinski das Vorbeteramt in der Synagoge Rykestralze zugewiesen, woselbst er viele Jahre wirkte. Dort, im hohen Norden Berlins, wo eine große Gemeinde sich an Sabbaten und Festtagen versammelt, ließ er seine heiligen Weisen erklingen. In diese Synagoge kommen Gläubige, die mühselig und beladen den Kanrpf des Lebens ausfechten müssen, die, bedrückt von des Alltags schwerer Arbeit, noch die ganze Heiligkeit der Sabbatstunde empfinden. Für sie wirkte Stabinski als wahrhafter Scholiach zibbur. Er stellte seine klingend', schöne Tenorstimme in den Dienst des Gebetwortes, das er mit vollem Verständnis empfand. Nicht Orgelklang, noch der Gesang heller Sopranstimmen unterstützten seine Wirksamkeit. In diesem Gottesdienst mit seiner traditionellen Gestaltung, wo nur die getragenen Weisen des Männerchors vernommen werden, war seine Ausgabe um so schwieriger. Er löste sie mit freudiger Hingabe an seinen Beruf. Was er sang, sah er in lebendigen Bildern vor sich, denn seine Seele fühlte die Herbheit des jüdischen Schicksals mit. Er hat im w^nen Osten, iu seiner Heimat, all die Tragik der Unterdrückung mit.erlebt- Das Leben hatte ihn in eine harte Schule genommen, und als er zu seiner heiligen Ausgabe berufen wurde, ließ er, neben twser Religiosität, das Erleben mitsprechen. Darum war sein

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