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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-03 · Heft 40 (3.10.1919) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 40 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
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447 ganda der Lat gewarnt werden. In einem „Zur Abwehr jüdischer Angriffe" betitelten Aufsatz schreibt das deutschnationale Hetzorgan in der Ausgabe vom 25. September'. „Uns ist aus früheren Zeiten genügend bekannt, daß der sogenannte Radau-Antisemitismus unserer Sache nur schaden kann. Ebenso sind wir uns bewußt, daß Pogrome, wie sie in anderen Ländern Vorkommen, in unserem Vaterlande unmöglich sind, ganz abgesehen davon, daß uns'unsere christliche Religion und unsere deutsche Moral verbieten, zu solchen Verbrechen die Hand zu bieten >bzw. dazu aufzureizen." Das ist ein beachtenswertes Bekenntnis, wir möchten sagen, ein Schritt zur Besserung, von dem wir besonders heute, kurz vor unserem Jom Kippur, an dem wir auch unseren schlimmsten Feinden die Hand zur Versöhnung reichen, gern Notiz nehmen. Freilich den Hinweis auf die deutsche Moral übersehen wir, da es für uns weder eine deutsche noch eine jüdische, sondern eine nur menschliche Moral gibt. Doch die Berufung aus die christliche Religion läßt uns hoffen, daß das Wort ihres Stifters der „Deutschen Zeitung" in ihrem so ganz und gar unchristlichen Kampf gegen das Judentum künftighin zur Richtschnur dienen wird: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet! # Der Vaterländische Bund jüdischer Frontsoldaten richtet an die Berliner jüdische Bevölkerung folgenden Aufruf: Glaubensgenossen! Das erstemal seit Kriegsende begehen wir unsere hohen Feiertage. Laßt euch durch das Treiben gewissenloser Hetzer die heilige Feiertagsstimmung nicht stören. Selbst die wildesten antisemitischen Schreier werden es nicht wagen, ihre Drohungen zur Tat werden zu lassen, denn sie unssen, daß der einheitliche Wille von Regierung und Volk es nicht dulden wird, daß der deutsch? Name um dunkler Pläne willen vor der ganzen Kulturwelt besudelt wird. Aber eine Mahnung nehmt von uns entgegen: Bedenket, ihr jüdischen Frauen, daß an den kommenden Festen in den Gotteshä usern unserer gefallenen Glaubensbrüder gedacht werden wird! Bedenket, daß neben euch Gattinnen und Mütter beten werden, die ihr Liebstes verloren haben! Bedenket, was unser Bäte bland verloren hat! Vermeidet deshalb allen Prunk und Schmuck und erscheinet zum Gottesdienst im schlichten, dem Ernst der Zeit entsprechenden Kleide! Laßt auch eure Kinder fühlen, daß sie trauern müssen über das, was wir verloren, trauern über das, was unser Vaterland erdulden muß! Ihr alle, Männer und Frauen, verbringt die feiertäglichen Stunden, die nicht dem Gottesdienst geweiht sind, in eurem Hause und nicht unter der Menge der Straße! Jeder von euch, der dieser Mahnung nicht folgt, vergeht sich an der Allgemeinheit und gewärtigt, daß die Allgemeinheit ihn mit Mißachtung straft. Wir halten uns 31t dieser Mahnung berechtigt, denn wir sind nicht nur Frontsoldaten des Krieges, sondern können uns auch . Frontsoldaten im Kampfe gegen den Antisemitismus nennen. Wir haben draußen jahrelang mit unseren antifemitifchen Gegnern in engster Berührung gestanden, und wir haben gelernt, zu unterscheiden zwischen den Schmähungen gewissenloser Demagogen und den Vorwürfen, die uns billig denkende Volksgenossen machen. Wir fühlen luit den Worten, die der Führer eines Volkes unlängst ausgesprochen: „Ich erkenne die Fehler anderer Völker, aber sie brennen mich laicht in demselben Grade, wie die Fehler meines eigenen Volkes." Wir wollen dahin wirken, daß jeder deutsche Jude ebenso fühlen unit. Jeden von uns soll die Scham brennen, daß unter den vielen deutschen Volksgenossen, die in ihrer Lebensführung nicht dem Ernst und der Trauer der Zeit Rechnung tragen, auch Inden sind. Keine Scheu vor Freund und Feind wird uns abhalten, unsere Fehler zu bekennen und an ihrer Beseitigung zu arbeiten. Damit schaffen wir Grundsteine zum Wiederaufbau Deutschlands, um dessen Fukauft man nicht zu bangen braucht, wenn unser Streben Allgemeinglit des ganzen deutschen Volkes wird. * Demokratische Kundgebung gegen den Antisemitismus. Ein Parteitag der Deutschen 'demokratischen Partei für den Wahlkreis Berlin war für vergangenen Mittwochabend zur Beratung neuer Satzungen einberufen. Die Verhandlungen, wurden eingeleitet durch einen Bericht des Geheimrats Dr. Mugdan. Ohne Aussprache stimmte der Parteitag folgender vom Vorstand vorgeschlagenen Entschließung zu: „Die zügellose antisemitische Hetze, welche gegenwärtig mit gewaltigen finanziellen Mitteln von reaktionärer Seite Mn Vernichtung der Republik und Demokratie betrieben wird, ist entschieden zu bekämpfen. Sie verhindert, indem sie die verschiedenen Bevölkerungskreise gegeneinander hetzt, den ungestörten Wiederaufbau' des niedergebrochenen Vaterlandes; sie untergrübt, indem sie Ausschreitungen und Gnvalttätigkeiten fördert, die staatliche Ordnung; sie vernichtet den Grundgedanken jeder demokratischen Entwicklung, die Tüchtigkeit des einzelnen unabhängig von seiner Abstammung und seinem Bekenntnis zu werten. Die OrMnisationen der Partei werden ersucht, der Hetze ans das entschiedenste entgegenzutreten." # Gegen die Zuwanderung der Oftjuden. Die Deutschnationale Volkspartei hat in der Preußischen Landesversammlung folgende Anfrage gestellt: Nach Ausbruch der Revolution sind täglich Hunderte, ja Tausende galizischer und polnischer Juden aus ihrer Heimat geflüchtet, um der zwangsweisen Einstellung in die polnische Armee zu entgehen, und sind nach Dentschland eingewandert. Sie nehmen den deutschen Volksgenossen Bro: und Wohnnngsmöglichkeiten. Zahlreiche Familien deutscher Krieger können keine Unterkunft finden, aber täglich werden Tausende jüdischer Einwanderer aus Polen imi> Galizien — auch aus Rußland — nach Deutschland Herei Melassen und vermehren das Elend der deutschen Bevölkerung, nämlich Nahrungsmittel- und Wohnungsnot. Dazu ist eine Auswanderung von Millionen meist gerade ans Arbeiter kreisen stammender deutscher Volksgenossen zu erwarten, die -uns zu schade sind als Kulturdünger für fremde Völker. Ein großer Teil der zumeist mittellosen Inden verfällt in kurzer Zeit dem Verbrechertum, wie die Verhandlungen vor den Berliner Ferienstraskammern in den Fällen Raphael Gelbblum, Maische Wasserschleim und Joswa Mandelblüh erweisen. Was gedenkt die Staatsregiernng zu tun, nur eine weitere Zuwanderung von Ostjuden zu verhindern? Berlin, den 18. September 1919. Malkewitz, Werner und die übrigen Mitglieder der Deutschnationalen Dolkspartei. Aus Friedberg wird gemeldet: Der Führer d c s A ntise m itis m u s >m Hessen, Otto Hirsches, ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Hirsches, der dem Reichstage von 1893 bis 1898 angehört hat und auch eine Zeitlang hessischer Landtaglsabgeordneter gewesen ist, trieb in der Agitation und als Herausgeber eines antisemitischagrarischen Blattes in Frie-dberg einen wüsten Antisemitismus. Er spielte früher in der agrarischen Bewegung in Hessen als Begründer des hessischen Bauernbundes eine führende Rolle und übte als Direktor der landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft für Oberhessen einen großen Einfluß aus. Ein Prozeß, in den er wegen dieser letzten Tätigkeit verwickelt wurde, ergab für ihn so viel Ungünstiges, daß er sein parlamentarisches Wirken aufgab und auch sonst politisch in den Hintergrund trat. * Pogromfurcht in Wien. Wien, 25. September. In den letzten Tagen waren in Wien Gerüchte verbreitet, daß anläßlich des jüdischen Feiertages Pogrome bevorständen. Den Anlaß zu diesem Gerüchte gab eine Versammlung, die für heute vor dem Rathause einberufen war, um die Ausweisung aller seit dem August 1914 Eingewanderten zu fordern. Der Vertreter der Vereinigten Staaten erschien heute beim Staatskanzler und fragte ihn, ob die Gerüchte wahr seien. Er würde es sehr bedauern, wenn solches eintreten würde, weil dies die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten gegenüber Deutsch-Oesterreichs sehr schlimm beeinflussen würde. Der Staatskanzler gab beruhigende Erklärungen und versicherte, es seien alle Vorkehrungen getroffen,

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