Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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446 Bescheidenheit und Arbeit für das Allgemeine im Vaterland und der Menschheit in Politischer und sozialer Beziehung heischt im religiösen Leben drei Fundamentalsätze zu praktischer Wirksamkeit überzuleiten: 1. Allem Z e r fall nach außen wie innen zu steuern in Staat, Gesellschaft und Gemeinde. Tyrannisch Herrschende und sklavisch Beherrschte, Druck von hoch über niedrig und Groll von unten nach oben führen Parteihader, Streit wie Streiks herbei; wo hat die Zerklüftung, Trennung und Spaltung mehr Unheil angerichtet als im heutigen Europa und im alten Zion! Darum fort mit allen Parteiungen und Hassesausbrüchen; der eine Gott, den wir anbeten, will ein einziges Und einheitliches Volk. Lassen wir den Bruderzwist und die Disharmonie der Kulte, schaffen wir und bereiten wir vor die Erfüllung unserer Hauptandacht: „daß alle Menschen einen Bund bilden, um den Willen des Allerhöchsten auszuüben". Bei aller Verschiedenheit der Auffassung und Uebung der Lehre und Tradition ist unserer Lehre Kern der einzige. Gott und seine uns allen heilige Thora das Universelle, Ewige, Einigende und Verbindende! Haben wir Achtung vor jeder ehrlichen Ueberzengung und suchen wir mit aufrichtigem Herzen den Frieden u n d die Einheit in den Gemeinden zu erhalten rmd zu erwirken. „Frieden den Fernen und Nahen!" 2. Religiöse Erziehung im Familienleben, gründliche religiöse Unterweisung unserer Schuljugend und religiöse Fortbildung der Schulentwachsenen wie ihre Teilnahme am jüdischen Gemeindeleben, das ist jetzt Hauptaufgabe von Mann und Weib. Die Jugend ist vielfach pietätlos geworden und durch die Blutzeit von fünf Jahren des Mordens und Raubens und der Zuchtlosigkeit draußen wie drinnen aus Rand und Band geraten. Das muß anders werden. Geistliche, Vorsteher und Vertreter der Gemeinden müssen Mittel und Wege schaffen, die geistige und Gemütsbildung zu fördern d urch Beispiel, Wort und Schrift; besonders gilt's auch die Hochschuljugend beiderlei Geschlechts heranzuziehen, durch Gelehrte und aufklärende wissenschaftliche Veranstaltungen für di? Vertiefung der Heiligen Schrift und unseres reichen Schrifttums religiöses Interesse zu erwecken und zu beleben. Vor allem ist das Weib in Israel die Trägerin des Hauses und die Schöpferin der Zukunftsideale, sind die Mütter verpflichtet, dafür zu sorgen, daß kein Kind ohne Religion und ohne Gemütsbildung aufwachse. Alle aber, ohne Unterschied, haben die Aufgabe, den grimmigen Feind alles religiösen Lebens, den kaltherzigen I n d if f er e n t i sm u s, niedcrzuzwingen und aufzugeben das häßliche, lakonische: Was kümmert s mich. „Bahnet, ebnet den Weg!" 6. Es gibt ein Mittel zur Bekämpfung des Anti s e m i t i s - ur u s, der leider Pogrome gezeitigt in halb- und ganzzivilifierten Staaten. Ter Genius der Humanität trägt dichten Trauerflor auf seinem Haupte wegen der Blutströme unschuldiger Juden in Polen, Rußland, Rumänien, auch in Oesterreich, Ungarn und Deutschlands Der Grund des Antisemitismus ist nicht nur ein böser Trieb, sondern meist Unkenntnis und Unwissenheit, die zu bekämpfen Hauptaufgabe ist aller geistigen Führer. — Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat der unerreichte Prediger und Interpret talmudischer Exegese, mein unsterblicher Lehrer Adolf Jellinek, öffentlich in Wort und Schrift erklärt, daß der damals noch so wenig gewürdigte Hauptgegenstand der Theologie, die Apologetik, d. h. die Verteidigung des Judentums, auf Seminaren und im Erziehungswesen an erster Stelle gelehrt und gelernt werde, systematisch und methodisch. Heute muß jeder Schüler, jeder Konfirmand, und ganz besonders die Kreise, die religionslos geworden, zur Besiegung der Widersacher, die nicht nur den jüdischen Stamm, sondern auch den jüdischen Glauben in ihrer Verblendung verantwortlich machen für alles Böse, das in der Welt geschieht, mit den geistigen Waffen versehen werden — zur Abwehr aller seindlichen Angriffe. Jellineks Nachfolger, Güdemann, hat den Grund gelegt zum Studium der Apologetik. Aus allen eben berührten Dingen, dem irdischen Egoismus, der Zwietracht, dem jüdischen und antijüdischen Judenhaß, läßt sich vielfach der Abfall von der Väterreligion erklären, die Verleugnung des Judentums, Ueberläuferei, Fahnenflucht, Taufwut ln den Großstädten, die mit der zu Beginn des 19. Jahrhunderts konkurrieren kann. Schwerwiegende Arbeiten harren unser, Arbeiten an uns, an dem Aufblühen unseres unglücklichen Vaterlandes. Arbeiten sollen wir an der B e s s e r u n g der durch den Krieg v e r w i l d e r t e n>© eneration, der durch materielle, aber noch mehr geistige und ethische Not arg heimgesuchten M e n s ch h e i t. Arbeiten für unser Gottesreich, für den Fortbestand unseres Bekenntnisses und unserer .religiösen Kultur. Dazu ruft uns auf unser Versöhnungsfest, unsere Jesaja-Posaune und ihre Töne; es ist, als ob wir Jeremias, den Propheten der Verwüstung und des Exils, vernähmen, der erschütternd hineindonnert ig alle Seelen und Herzen: Stehet an den Weggrenzen, schaut aus, fraget nach den .Pfaden der Ewigkeit, horchet auf die Stimme der Posaune! Höret, ihr Völker, erkenne es, Gemeinde (Jeremias, Kapitel 6, Vers 16 bis 18)! Dann wandelt sich der Pessimismus, und es folgt die heißerbetene Zeit von -|~HX IX Zutunftshofsnung, von Glück, vom „Jubel der Frommen, vom Frohlocken der Rechtschaffenen und der aufjauchzenden Wonne der Edelgesinnten, nachdem alle Ungevechtigkeit den Mund verschließt und, aller Frevel wie Rauch dahinschwindet, nachdem die Herrschast der Gewalt und Vergewaltigung sortgefegt wird von allen Säumen der Erde durch die Alliebe". Dann erfolgt „das Aufleuchten wie Morgenröte" (Jes. 57). Das Fazit dieses Weckrufes ergibt die Wahrheit des .Psalmenwortes: „Heil dem Volk, das durch das Verständnis der Sdurmdrommete aller Geschicke die Lehre gewinnt, das Dunkel zu scheuchen dadurch, daß es hoffend wandelt im Lichte des all gütigen Gottes!" Sir Woche. B e r l i n, 29. September 1919. ie allgemein verbreiteten, auch von uns in 'der vorigen Nummer erwähnten Gerüchte, daß es -aus Anlaß unserer hohen Feiertage zu Judenpogromen kommen werde, haben sich erfreulicherweise als leeres Gerede erwiesen. Nirgendwo, 'weder in Berlin noch im Reiche, ist es an den vergangenen Neujahrstagen zu irgendwelchen Ausschreitungen gegen unsere Glaubensgenossen gekommen, und wir dürfen zuversichtlich hoffen, daß auch der bevorstehende Versöhnungstag ohne jegliche Störung von antisemitischer Seite verlaufen wird. Zur Beruhigung der noch immer erregten Gemüter teilen wir noch mit, daß auf eine Anfrage hin vom Kommando der Berliner Sicherheitspolizei die Antwort erteilt wurde, es sei dort nichts darüber bekannt, daß solche Ausschreitungen geplant sind. Zu Judenhetzen sei es nicht mehr gekommen, seit den Flugblatt- Verteilern durch die Sicherheitspolizei das Handwerk gelegt worden ist. Eventuelle Ausschreitungen gegen Juden würden von der Sicherheitspolizei, die zu jeder Zeit hilfsbereit sei, unterdrückt werden. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch eine Auslassung der „Deutschen Zeitung", in welcher ihre Gesinnungsgenossen indirekt vor der antisemitischen Propa-