Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1919)
- Date
- 1919-10-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 40 Berlin, 3. Oktober 1919 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS'preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Philippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin« Jerusalemer Strasse 46-49 Ave Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums"', Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49/ zu richten. Verlag von Nudolf rNosse Berlin. Unflfllt* "®et Posaune gleich erhebe deine Stimme." Von» Rabbiner " ' * Dr. D. Leim dürfe r. — D i e W o d> e. — Die Pogromhetze r in wahrer BÄenchtun-g. Von Dr. Hillel, Nervenarzt (Ch-arlvAenburg). — A. Harkavh. Von R. — David Stabinski. Von M a g n u S Davids o h n. — Vergessen! Von Paul M o ck r l e s (Hamburg). — Aus der Geschichte der Juden in Unteritalien. Von Dr. W i t X t) Cohn (Breslau). — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel M e i s e l s. — Versöhnung. Von S. K a tz. — Butze. Von C. B. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeirrdevote (Beilage der „Allgemeinen Leitung des Judentums"): Berlin, Posen, Osnabrück, Kassel, Frankfurt a. M., Prag, Krakau. Von Nah und Fern. „Der Kossunr gleich erhebe deine Stimme" (hesgjg 57). Ein Weckruf zum versöhnungstage 5680. Von Rabbiner Dr. D. Leimdörfer lHamburg). m Neujahrsfeste, dem eigentlichen „Jom T'rua" oder „Posaunentage", lauschte Israel den sanften, brüchigen, stürmischen, dann aber wieder sanften Tönen des Schofar, der uns wie ein Weckruf aufrüttelte ans dem tiefen Schlummer, in welchen ein verheerender Weltkrieg unsere Seele eingelullt hat. Aber auch unser heiligster Feiertag, Jo m Kippur, an dem einst nach dem Wortlaut der Heiligen Schrift (3. B. Mose Kap. 25, 9) im Jobeljahre die S t i m m e d e r P 0 s a u n e z u r Verkündung heiliger Freiheit und Erlösung erschallen sollte, ist mit einem prophetischen Weckruf verknüpft, den der große Gottesprophet Jesaja in flammenden Worten an uns richtet zur Buße und Umkehr, zur Entsündigung und Sühne, zur Anbahnung des Heiles, des Friedens und der Versöhnung. „W i e eine Posaune s 0 l l st du deine Stimme erheben", so ergeht des Allerhöchsten Ruf an ihn und seit uralten Tagen durch ihn an uns, bald feurig dröhnend, wenn es gilt, an unser fündig Herz zu pochen, bald mild, sanft und versöhnend, trenn es gilt, „Frieden zn künden den Fernen und Nahen, und Heil und Heilung zu offenbaren denen, die aus taufend Wunden bluten". Wann empfanden wir tiefer die Qual der Zerknirschung, die harten Mißgeschicke, die offenen und geheimen Schläge der über uns hereingebrochenen tragischen Verhängnisse?! Gewaltig erschüttert uns am Versöhnungstage 5680 Jesajas Posaunenstimme, die den Zweck hat, uns aufzurütteln, etwas für das Heil unserer Seele zu tun, den Gottesbund zu festigen, unser Gemeindeleben zu stärken, unseren Familien, Vätern und Müttern, Eltern und Kindern, Brüdern und Schwestern in ihren Lebensnöten Halt und Stühe zu geben. So schlimm wie heute war es noch nie in 'der Geschichte der Völker und auch nicht in der Jahrtausende alten Geschichte Israels; ja vielfach ist man versucht, dem Pessimismus der alten rabbinischen Hochschule Schammais zuzustimmen: Besser nicht geschaffen 51t sein, als solchen Niedergang der Völker und Staaten, der Gemeinschaften und religiös-ethischen Institute, aber noch mehr ihrer Kulturblüten, ihrer Wissenschaft und ihrer sonstigen religiösen und sittlichen Ideale, kurz der geistigen Güter, zu erleben. Und doch obsiegte die optimistische Weisheit Hillels! Was frommte je der Pessimismus? Wem nützte die Weltverneinung? Nein. Nun der Mensch doch geschaffen wurde von dem, nach dessen Schassungswerk wir unsere Jahre zählen, er rechtfertige diese Weltschöpsung durch den Lebenswert bekundende Werke, durch den Aufbau der zerstörten und vernichteten Strukturen und Kulturen in der verödeten Menschenwelt! Klage und Jammer, Seufzen und Wehgeschrei führen zum Aufbau nicht, ebensowenig wie die brüchigen und stürmischen Posaunenklänge am Neujahrsfeste, beim Beginn und Schluß dieses liturgischen Weiheaktes des Posaunenschalls unsere Erbauung verdolmetschen. Ein versöhnender, milder, sanfter Ton der Lebensbejahung, das ist der Beginn und der Schluß der ergreifenden Zeremonie und ermahnt, an die Astiobe311 denken, die uns ins Leben rief, um Liebessaaten zu streuen, werkgöttliche Humanität zu üben und so geduldig zu tragen, was das Verhängnis beut, was die Alliebe auserlegt, nicht zu verzagen oder gar zu verzweifeln, sondern zu hoffen, daß alle Versuchungen, Schicksalsschläge, Härten, alle „Sch'- barim" und „T'ruottöne" ausklingen in der T’kiah g’dolah, in der am längsten währenden sanften mutvollen und hvffnungskräftigen Goitest'kiah, uns ausrichtend zu neuem Schaffen, im Dienste unseres allgütigen Vaters droben. Heute gilt es mehr denn je zu beherzigen: Eth laasoth la Adonaj, es ist höchste Zeit, etwas für den Ewigen und für das Ewige zu unternehmen. Denn der Woltwert, d. h. der Wert des Erdenreiches, hat sich als trügerisch erwiesen, im Zusammenbruch gewaltiger Kaiser- und Königsthrone, im grausigen Untergang von Millionen Menschen und Milliarden ihrer angebeteten Erdengüter. Es rühme sich nicht der Held seiner Kraft und der Reiche seines Reichtums, aber auch der Weise nicht, dessen Weisheit im Dienste der Kraft, des Heldentums und der Wohlfahrt dieses Erdenreichs gestanden, denn solches ist, wie Kohelet richtig sagt: „Hakkol hebel, alles eitel und nichtig." Soll ein neuer Himmel und eine neue Erde, eine neue bessere Welt, die wir erhoffen, erstehen, so müssen irdische Eitelkeit und Nichtigkeit überwunden werden durch Religion. Moral, Gotteserkenntnis, Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und durch das Erstreben des prophetischen Messiasideals, zu dem der Schofarklang am Festesschluß wie unser heiligstes Festgebet uns dringend vermahnt. Was ist unserer Zeit am nötigsten? Bescheidener Sinn und redliche Arbeit im Dienste der Allgemeinheit, Aufgeben der Selbstsucht, des nichtstunwollenden, behaglichen Genießens, des u n h e >i l i g e n E g 0 i s m u s , des Uebermuts und Hochmuts. Der Wille zur