Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Termin überschreiten werden, so heißt es in der Verordnung, werden zwangsweise aüs Wien' abgeschoben werden. — Diese Verordnung ist grausam. undurchführbar und ungesetzlich. Grausam/weil namentlich. die ostgali zischen Flüchtlinge in durch den Krieg vernichtete, eingeäscherte Hauset nicht'zurückkehren können und somit einfach aufs Pflaster gesetzt werden würden. Undurchführbar, weil hie deutschösterreichische Regierung wegen des Mangels an Waggons , und Kohlen keine Transportmöglichkeit hat, um solche Flüchtlingsmassen selbst , im Laufe von drei Monaten abzuschieben. Ungesetzlich, weil völkerrechtlich kein Ausländer ausgewiesen werden darf, es sei denn, . daß er sich durch gesetzwidrige Handlungen lästig gemacht hat. Wenn die Regierung außerstande ist. die besagte Verorhnung durch- Zuführen, so bedeutet sie doch eine furchtbare GefahrsZur die unglücklichen Kriegsopfer, denn sie ist ^eigner, die verhetzte Wiener Bevölkerung zu einem eigenmächtigen Vorgehen gegen die des; Landes verwiesenen Flüchtlinge anzueifern. Das unvermeidliche Resultat würden dann Judenexzesse. lein. -- Trotz des offiziellen; Dementis der ungarischen Regierung über die Pogrome in West-! Ungarn liegen authentische N achr ichten über die weitere Ausdehnung der Pogromwelle vor. In Czeldemelk wurde der 73jährige greise Max Hofsman.n in barbarischer Weise ermordet. Sein Schwieger- . sthn Wilhelm Glück, der ihm zu Hilfe kommen wollte, wurdet tödlich verwundet. Hauptmann Fleischer wurde mit einem Beil, zerstückelt. Mit einer Eisenstange wurde -der Leutnant Weiß -er-; mordet. Der Eierhändler Schöntach wurde in Anwesenheit seiner! Frau und seiner sechs Kinder ermordet. Ihren Wunden erlagen: Karl Ungar, Mordochai Nemet, Fähnrich Girgel, -Gebrüder Haimler und andere/ In Janasz-Haza wurde der Apotheker Alexander Salzberger erschossen und der Lehrer Simon Remekt ermordet. Ter Mob überfiel den Bahnhof, wo die Juden der Stadt Rettung gesucht hatten. Der Bahnbeamte öffnete eigenhändig den Wartesaal und lieferte die jüdischen Flüchtlinge den Pogromhorden aus. .In beiden Ortschaften drang der Pöbel in die jüdischen Häuser ein mit der Erklärung, sie kämen auf. Befehl der Polizei. . Der Pogromhetzer Redakteur Lingauer setzt seine verbrecherische Pogromagitatwn nach wie vor fort. In einer der letzten Nummern seiner Zeitung, die in Sombathely erscheint, ruft er die christliche Bevölkerung ganz offen zum Judenpogrom auf. „Christen," heißt es in dem Ansatz, „vereinigt euch und gestattet nicht den Juden, das Land unglücklich zu machen. Rächt euch an dieser Bande, denn sonst sind wir für alle Ewigkeit verloren?" . Das wird unter Vorzensur gedruckt, zur gleichen Zeit, in der die ungarische Regierung offiziell ein Dementi über die Judeuhetze veröffentlicht und Mittel anzuwenden verspricht, die Pogromagitation zu unterdrücken. Kolev. z> Warschau, im September. Freitag, den 29. August, verschied hier im Alter von 68 Jahren der berühmte jüdische Romanschriftsteller Jacob Dinesohn. Der Verstorbene gehörte zu den ältesten Schöpfern der modernen jiddischen Literatur. Seine Romane „Der schwarzer junger Manschik", „Erven Reges", „Jossele" (von Albert Katz frei ins Deutsche übersetzt), „Herschele" gehören zu den-beliebtesten und populärsten Werken der jüdischen Volksliteratur. Zu. sarnmen mit seinem intimen Freunde, dem verstorbenen I. L. Perez, entfaltete der' dahingeschiedene Dichter während des Krieges eine unermüdliche Tätigkeit aus dem Gebiete des Schulwesens für die Flüchtlinge.' Seine jüdischen Volksschulen, die den Namen Dinesohn-Typus trugen, erfreuten sich der Beliebtheit der jüdischen nationalradikalen Welt auch jenseits Polens. Der Tod des Schriftstellers rief in der jüdischen Oeffentlichkeit Warschaus eine tiefe Trauer hervor.. An. der Beerdigüngsprozession nahmen 50000 Juden teil. Sämtliche jüdische politische Parteien, Kultusinstitutionen und nationalen und Arbeiterschulen sandten ihre Delegationen- An der Bahre sprachen der Vorsitzende des Jüdischen Literaturvereins in Warschau, A. L. Schalkowitz (Ben Awigdor) und S. A. Ansky. Kmrnüa. z. New Hork, im September. Am 10. August hat in New Jork eine Landesversammlung des „Joint.Distribution Committee" stattgesunden' zwecks Berichterstattung der aus Europa zurückgekehrten Kommissionsmitglieder und Schaffung neuer Mittel für das Hilfswerk/ Die Frage der Gründung einer Därlehnsbank für die jüdischen Kriegsopfer ist ständig auf der Tägesördnüng. Die Zähl der Hilfsbedürstigen Kriegsnotleidenden soll nach dem Berichte der Kommission mindestens 4 .'Millionen betragen,, und falls es dieser auf Grund des' neuen Ausrufes gelingen würde, selbst 50 Millionen Dollar aufzubringen, so würde es noch immer nur 12X» Dollar pro Kopf ausmachen. — Im jüdischen „Wecker" in Chicago wird in einem Leitartikel darauf hingewiesen, daß Chicago noch größere Möglichkeiten für Einwanderung von Juden bietet. Chicago zählt derzeit ca. K Million Juden und könnte noch ungefähr 150 000 Juden cusnehmen. In dem Artikel wird auch ein genauer Plan entwickeltwie man die Konzentrierung der Immigration organisieren könne. - - Die Organisation für Verbreitung der hebräischen Sprache in Amerika hat beschlossen, einen Fonds von einer yA Million Dollar 5U gründen,, um folgende Institutionen zu schassen: Zeitungen, ein Lehrerseminar, ein Erzieyungsburenu, einen Kadimal/Verlag unb cm Agitationsbureau für Verbreitung der hebräischen Sprache. Von MH und Mrn. ~ Dem Auswürti ge u A m t e ist von wohl informierter Seite ein Bericht über die Schäden zugestellt worden, welche die zügellose antisemitische Propaganda dem Ansehen Deutschlands im Auslände zufügt. Der Bericht ist an die zuständigen inneren Behörden weitergeben worden. Ties ist geschehen, weil der Berich: daraus aufmerksam macht, daß die antisemitische Propaganda einen ungünstigen Einfluß -auf unsere auswärtigen Beziehungen zu äußern beginne. Anzeichen, daß dies der Fall ist, sind auch schon aus dem Auslände gemeldet worden. - Dem Charlottenburger Stadtrat und Stadtältesten Tr. Jnffe ist das Ehrenbürgerrechn der Stadt Charlottenburg verliehen worden. Dr. Ja sie hat lange Jahre das städtische Elektrizitätswerk' als Dezernent geleitet und versah von 1893 bis 1901 das Amt des Sladtverordnetenvorskehers in Charlottenburg. Dem 'Spezialarzt für Herzkrankheiten Dr. Eugen Reh fisch in Berlin wurde in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Arbeiten der Professortitel verliehen. Professor Dr: Karl Neu b e r g in Berlin hat einen Ruf an dü Landwirtschaftliche Hochschule in Bonn als Direktordes Chemischen Instituts abgelehnt, desgleichen die Aufforderung der Universüät Lund in Schweden, die ordentliche Professur für physiologische Chemie zu übernehmen. - Dr. Fritz G r o ß m ann in Berlin, früher lange Jahre Assistent an der Universitäts-Obrenklinik, ist zum Professor ernannt worden. — Der Berliner Verein Israelitischem L e h r e r i n n e n h e i m meist in seinem. Nechn ungsabschlris; f ii v 1918 eine Einnahme von 36 319 Mart und eine Ausgabe von 34 859 Mark auf. - Das seltene Fest der diamantenen Hochzeit begingen am 13. September Herr-und Frau Gustav Meyrink. Das greise Jubelpaar erfreut sich voller körperlicher und geistiger Frische. Herr Mchrink wird um ersten Tage des Roschhaschänai festes 91 Jahre alt. Unter den zahlreichen Glückwünschen, die dem j greisen Paar an seinem Ehrentage zuteil wurden, befindet sieh auch ein Schreiben des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde. Herr Gustav S p i e r o k o w s k i, Lehrer im Ruhestände, beging am 23. September seinen 70. Geburtstag. Herr Spierokowski ist bis zu seiner Pensionierung zuletzt in Wongrowitz amtlich tätig gewesen. - Am 13. d. M. fand in Bremen eine Tagung des' Bezirks-Verbandes der jüdischen- Jugendvereine Nordwestdeutsch- ' lauds stakt. Ein Vo-rtrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. Alfred Apfel (Berlin), des Vorsitzenden des Verbandes der iüt>i|clicii Ingendvereine Deutschlands, -behandelte" das Thema.: Die innere Lage des deutschen Judentums. - Aus München wird berichtet: Mit T-riu-mphgeschreiverk-ündech der „Bayerische Kurier" folgenden Stammbaum des Präsidenten der neuen tschechoslowakischen Republik: „Masaryk, in der Geburtsma-t-rikel Masarik, gebürtig aus Gödin-g imsüdlichen Mähren, Professor. an der philosophischen FakuMit der tschechoslowakischen Universität in Prag-, soll der jüdischen Rasse augehören. Einer seiner Vorfahren, soll -in Gödi-ng Schächter gewesen sein-. Er selbst war katholisch, ist aber aus der katholischen Kirche ausgeschieden. Seine Frau ist eine amerikanische Jüdin." An dem-ganzen Gerede ist übrigens kein Wort wahr. - In Meinerzhagen. hielt Tr. Berger (At.-Gttadbach), Vorsitzender des Katholischen Volksvereins, einen politischen Vortrag über das Thema: Wer hat uns die Revolution gebracht? In der Diskussion ergriff der Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde, Kaufmann L. Stern, 'Ms Wort und geißelte die ungerechtfertigten Angriffe gegen die