Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229429--75202-3287696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
443 übrigen gibt's für dich etwas Wichtigeres zu tun, als in der Dorsschenke zu sitzen und dem närrischen Schmus der Bauern zu lauschen." Vater Glück hatte recht behalten. Der zweite Tag verlies ruhig, auch die felgenden Tage hatten keine besonderen Ereignisse zu verzeichnen. * Ueber das Vorkommnis in der Dorfschenke hatte Benjamin in einem Briefe an seinen Freund Iossel Schlüte ausführlich berichtet. Iossel erzählte es seinem Vater, der Vater erzählte es den Chassidim, und die Chassidim improvisierten ein kleines Festmahl — aus Anlaß des neuen Wunders vom Hügel- Rabbi. „Da sieht man den Meistergriff des Rabbi", sagte einer der Chassidim, „sitzt man da bei der dritten Mahlzeit, und der Rabbi — er soll leben — spricht von dem Frommen und Gerechten, der der Gefahr entgeht, und erzählt eine Geschichte, und gerade eine einfache Geschichte, und richtet zwischendurch — scheinbar ohne Absicht, wie es schon seine Gewohnheit ist — an Benjamin die Frage, warum er nicht mal nach Hause fahre. Denkt da der einfache Menschenverstand: was hat die Geschichte von dem Gerechten, der der Gefahr entgeht, mit Benjamins Heimreise zu tun? Es stellt sich aber jetzt heraus, daß eines mit dem anderen sehr viel zu tun hatte. Benjamin fährt nach Hause, und siehe da, der fromme Saul Glück entgeht dadurch einer großen Gefahr." Dieses „Wunder" bildete noch lange das Tagesgespräch der Getreuen. Zwar die Ungläubigen und Ketzer — und zu diesen zählte diesmal auch Saul Glück — erklärten, das Wunder sei gar kein Wunder, denn der Fromme und Gerechte sei keiner Gefahr entronnen, weil ihm überhaupt keine gedroht hätte. Sie wollten wissen, daß die Bauern allabendlich in der Dorfschenke dieselben Gespräche führten und trotzdem am nächsten Tage vor Saul Glück die Mütze zogen und ehrerbietig grüßten und ihn „unseren Saul" nannten. „Alles war nur ein Hirngespinst von Benjamin, der ein dummes Bauerngeschwätz blutig ernst nahm." So sprachen sie, die Ungläubigen und Ketzer! Doch — wer kümmert sich um das Bellen der Hunde? Sechstes Kapitel. Seit dem Bestehen der Betstube im Hause des Hügel-Rabbi hatte es dort keine solche Aufregung gegeben wie heute morgen vor dem Gottesdienste! Noch nie hatten die Mauern der Betstube, in der der Rabbi und seine Getreuen alle Tage, des Morgens wie des Abends, das Feuer ihrer Andacht auslodern ließen — noch nie hatten die Mauern dieser Stube solche Schlüpfrigkeiten und Obszönitäten gehört wie heute morgen vor dem Gottesdienste! Und die Sache ging von der „Ostwand" aus und Pflanzte sich über Tische und Bänke hinweg bis zum letzten Ofenwiukel, wo die Bettler zu sitzen pflegten. Ja, die Sache ging von der Ostwand aus. Uneingeweihten wird man es nur schwer erklären können, was die Ostwand in einem jüdischen Bethanse bedeutet. Im Grunde läßt sich die Ostwand gar nicht definieren, weil jede Definition hierüber zugleich einen Abstieg vom Heiligen ins Profane in sich schließen würde. Um ans der Höhe zu bleiben und einen Vergleich ohne Trennungsstrich wagen zu können, müßte man sagen: was die Hofloge in eitern Königlichen Theater, das ist die Ostwand in einem jüdischen Bethause. Me vorderste Reihe, die sich zu beiden Seiten des Vorbeterpultes und nächst der heiligen Bundeslade hinzieht, wird die Ostwand genannt; die Berufenen und die Auserwählten, die Gelehrten und die Frommen, die Reichen und die Vornehmen haben dort ihre Sitze und verrichten dort ihre Gebete. Um an die Ostwand zu ^langen, dazu muß man schon in so mancher Hinsicht 2 legitimiert sein; ein Irgendjemand findet dorthin keinen Zutritt. Bei den Ostjuden genießt die Ostwand ein solches Ansehen, daß es seit unvordenklichen Zeiten Ziel und Streben jedes besseren jungen Mannes ist, einen Sitz an der Ostwand zu erlangen. Und an der Ostwand der Betstube im Hause des Hügel- Rabbi hat sich heute etwas Unerhörtes zugettagon. Man sollte gerade mit der Morgenandacht beginnen, als Kalman Schlüte heveinkam und schnurgerade zur Ostwand hinaufspazierte. Et begann sogleich irgendein Einleitungsstück zum Morgengebet zu murmeln und schickte sich an, sich in den schwarzgerändertsn, mit breiten Silberbvrten verzierten Gebetmantel zu hüllen. Da fiel ein Blick auf seinen Betständer - und er traute seinen Augen nicht. Er beugte sich über den Ständer, um besser zu sehen, und als er sah, was er sah, erbebte sein Leib und er geriet in eine rasende Wut, als hätte ihn ein. toller Hund gebissen, und er schlug mit der Faust so wuchtig drein, daß Tische und Pulte zu wackeln anfingen. „Das mir?" schrie er einmal ums andere. Die Leute liefert herbei, nahmen den Ständer in Augenschein, und — alle waren sie starr vor Entsetzen. An die leicht geschrägte Platte des Betpultes war eine Photographie Benjamins und ein der „kleinen" Sara-Lea gewidmetes hebräisches Gedicht mit Spannägeln befestigt. Jeder drängte sich heran, um das Bild zu sehen und das Gedicht zu lesen, und es gab eine große Bestürzung unter den Getreuen. Jetzt erst verstanden sie „Das mir!" Kalman Schlütes und hatten auch das nötige Verständnis dafür, daß ein Mann wie Kalman Schlüte solche Liederlichkeit nicht ruhig hinnehmen könne, daß er solch gemeines Techtelmechtel in feinem Hause nicht dulden dürfe. „Es ist wirklich zum Aufschreien, was sich so ein Liederjahn erlaubt", sagte ein dünnes Männchen mit spitzigem Bärtchen. „Eine Gemeinheit ist es, eine bodenlose Gemeinheit, an die Tochter Kalman Schlütes, an solch reines, unschuldiges Kind, gemeine Bilder und obszöne Gedichte zu senden", schrie ein vierschrötiger Chassid, „Seit unser Bethaus steht", mischte sich Menachcm drein, „sind derartige Obszönitäten in diesen heiligen Räumen nicht gehört worden." „Es bedeutet wirklich eine Entweihung des heiligen Namens, in diesen Räumen von solchen Dingen zu reden", ergänzte ein Milchbart, der erst seit kurzem zu den Anhängern des Hügel-Rabbi zählte. Ein alter Jude kratzte sich hinter den Ohren und sagte: „Wenn das in einem solchen Haufe wie in dem unseres Kalman passieren konnte, so mag die ganze Welt zum Teufel gehen." „Was ist unser Kalman schuld daran?" klang eS von vielen Seiten wie ans einem Munde. „Was kann Kalman dafür, wenn so ein Luinpenterl von einem Dorfjungen die Chuzpe hat, an seine Tochter gereimte Liebesdrieflein zu schreiben", sagte Feiwisch Narr, während er den Rock etwas zurückwarf und die Samtweste mit' der geringelten goldenen Kette sehen ließ. „Ich hätte nimmer geglaubt", nahm wieder der alte Jude das Wort, „daß Benjamin zu so etwas fähig ist. Er sieht ja sonst wie ein gelassener und gesetzter Mensch aus. Man muß sagen, in all den Jahren, in denen er unter uns war. hat man von ihm nichts Schlechtes gesehen." „Ach was," sagte daraus der rothaarige Awrum, „ich Hab' es immer gesagt, ans seinen Augen schaut kein Gutes heraus." Also auch du, mein Brutus? War es nicht der rothaarige Awrum, dereinst in Gegenwart von Jankel Krummholz den jungen Benjamin gelobt und ihn den „besten Lerner" genannt hatte, was Benjamin den Ehrennamen „ein Vaterskind" eintrug. Aber die Getreuen haben in bezug auf den Rabbi und seine Getreuen ein schlechtes Gedächtnis. Jetzt waren sie alle