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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-24 · Heft 39 (24.9.1919) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 39 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
Seite 442 (sequence 10)
Language
German
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442 daß seine Sprache gelegentlich den Ton derselben anschlägt, Worte und Wendungen von ihr entlehnt, mit Bildern aus ihr, mit Beziehungen und Anspielungen aus biblische Vorgänge und Kernsprüche erfüllt ist. In der Vorstellungs- und Ausdrucksweise der hebräischen Poesie, deren Geist ihm Herder und Eichhorn erschlossen hatten, bewegt er sich namentlich in den siebziger Jahren, den Zeiten eines gesteigerten Gefühlslebens, gern. Die persönliche Aufklärung dieser beiden Männer vermittelte ihm einen hohen Genuß, dem reinen orientalischen Sonnenaufgang zu vergleichen. Zu den in freierem Stil der Bibel gehaltenen Aeußerungen Goethes kommt eine große Anzahl von Ausdrücken und Sätzen wirklich biblischen Ursprungs und von Beziehungen auf bestimmte Vorbilder der Heiligen Schrift. Reicher fließt der Suell der biblischen Erinnerungen in seiner Jugendperiode, vornehmlich im „Götz", dem ersten Teil des „Faust" und dem Weither", versiegt jedoch auch spater nie und bricht gelegentlich, so im zweiten Teil des „Faust" und in der didaktischen Lyrik, wieder stärker hervor. Ungleich wichtiger aber, als bloßen Formen und Satzfragmenten zu folgen, nt es, den Gedanken und Bildern der Bibel in den mündlichen und schriftlichen Aeußerungen unseres Dichters nachznspüren, weil so erst das intimere Verhältnis, in dem er zu diesem Buche seines Lebens steht, und dessen Einfluß auf seine Phantasie und Erfindung sich offenbart und durchschauen läßt. Die Bibel ist sein lebendiger Besitz, ihr Inhalt ist ihm zu augenblicklichem Gebrauche bereit und gegenwärtig. Immer von neuem sieht er in den Erfahrilngen der Gegenwart die alte Kernweisheit derselben sich bewähren, die Vorgänge und Szenen, welche sie schildert, sich wiederholen und erneuern: in allen Perioden seines Lebens verwendet er sie bald in gehoben ernsterem, bald in treuherzig naivem, geistreich heiterem, ja humoristischem Sinne. Namentlich in gemütlich bewegten Lebensmomenten drängen sich ihm Spruch und Gleichnis der Bibel fast unwillkürlich auf die Lippen. Zuweilen geschieht es, daß er Bibelstellen je nach der Situation, auf die er sie bezieht, einer Umbildung unterwirft. So erfährt die Parabel Nathans von dem einzigen Tchäflein des armen Mannes, dem der reiche es nimmt, um es einem Gaste zuznrichten, in den Worten seines Brackenbnrg die entsprechende Aenderung: „Er war der reiche Mann und lockte d.s armen einziges Schaf zur besseren Werde herüber/' Bor dem geöffneten Füßchen pikanter Eßwaren, die ihm Zelter schickt, ruft er das Rätsel Simsons humoristisch parodierend ans: „Speise ging vom G.sreßnen und Stärke vorn Aufgezehrten." Was den lehehasten Teil der Bibel betrifft, so hat sich Goethe von ihm angeeignet, was c-r zu seiner sittlichen Kultur und-Festigung gebrauchen konnte, und. er lehnte ab, was ihm. etwa ethisch imfruchtbar erschien. Ten -Salomonischen Satz, daß alles eitel sei, erklärte er für falsch, ja gotteslästerlich, weil er die Idee des Ewigen, Notwendigen, Gesetzlichen aushebe. Im Einklänge mit dieser Methode rät er, statt der Bibelkritik zu huldigen: Man tut immer besser, sich ohne weiteres an das zu halten, was wirklich da ist, und sich anzneignen, was man für seine sittliche Stärkung gebrauchen kann. Diesen Rat hat er selbst sein Leben lang befolgt. Dafür zeugt sein Lebenswerk, der „Faust", an dun er über 60 Jahre, als Jüngling, Mann und Greis, sann und schrieb. Biele streng Religiöse haben daran Anstoß genommen, daß im „Faust" die Bibel so stark benutzt ist; denn wohl haben die besten Stücke im „Fällst" ihre Weihe, die schwierigsten Probleme ihre Lösung durch Anleihen bei biblischen Autoritäten gefllnden, aber das Bibelwort ist unstreitig oft in Form oder Inhalt profaniert, ans dem Allerheiligstep auf die Gasse .gezogen worden. Allein ist nicht die Tatsache und das Bekenntnis des Olympiers etwas Hocherfreuliches, daß er sein Auslangen nicht fand, ohne biblische Gedanken als Grund¬ oder Meilensteine für seinen dramatischen Aufbau und für seine Jdeengänge zu benutzen? Daß das Bibelwort im „Faust" oft mehr mißbraucht als gebraucht ist, ändert nicht das geringste an der von dem Dichter zeitlebens eingenommenen pietätvollen Stellung zum Kern des Bibelinhaltes, welche er in „Dichtung und Wahrheit" feierlich also formuliert hat: „Das Innere, Eigentliche einer Schrift zu erforschen, ist eines jeden Sache, und dabei vor allen Dingen zu erwägen, wie sie sich zu unserem eigenen Inneren verhält und inwiefern durch jene Lebenskraft die unsrige erregt und befruchtet wird. Alles Aeußere hingegen ist der Kritik zu überlassen, welche, wenn sie auch imstande sein sollte, das Ganze zu zerstückeln und zu zersplittern, dennoch niemals dahin gelangen würde, uns den eigentlichen Grund, an dem wir festhalten, zu rauben. Diese aus Glauben und Schauen.entsprungene Ueberzeugung liegt zum Grunde sowohl meinem sittlichen als literarischen Lebensbau und ist als ein wohlangelegtes Kapital anzusehen, ob wir gleich in einzelnen Fällen zu fehlerhafter Anwendung verleitet werden können. — Ich hatte die Bibel mehrmals durchlaufen . . . die derbe Natürlichkeit des Alten Testaments und die zarte Naivität des Neuen hatten mich im einzelnen angezogen; als ein Ganzes wollte sie mir zwar niemals entgegentreten, aber die verschiedenen Charaktere der verschiedenen Bücher machten mich nun nicht mehr irre. Ich wußte mir ihre Bedeutung der Reihe nach treulich zu vergegenwärtigen und hatte überhaupt zu. viel Gemüt an dieses Buch verwandt, als daß ich es jemals wieder hätte entbehren sollen. Eben von dieser gemütlichen Seite war ich gegen alle Spöttereien geschützt, weil ich deren Unredlichkeit sogleich einsah. Ich konnte darüber in Wut geraten und hätte Boltairen wegen seines Sauls wähl gar erdrosselt, wenn ich ihn hätte habhaft werden können." Und ein andermal äußerte er sich in „Dichtung und Wahrheit" über Voltaire, er habe die Religion und die heiligen Bücher, worauf sie gegründet ist, um den sogenannten Pfaffen zu schaden, niemals genug erabsetzen können lind ihm dadurch manche unangenehme Empfindung erregt. W i 7 n 18, Eottagasse 16. I. M ü n z. %^QjpHlp5if7 SS3 Senjamins Liebeslied. (12. Forts.) . Roman von Samuel Weisels. em Schluß dieser Hetzrede vermochte Benjamin nicht mehr zu folgen. Er erkannte im Hetzredner - Mieczyslaw, des Dorfschullehrers Sohn, denselben Mieczyslaw, der als halbwüchsiger Knabe mit einer kleinen Reitpeitsche den kleinen Benjamin zu bearbeiten pflegte. Jetzt peitscht er die Leidenschaften der Bauern gegen meinen Vater auf, dachte er. > Bei diesem Gedanken begann es ihm vor den Augen zu schwindeln, sein Herz pöchte wie mit Hammerschlägen; er hörte nichts weiter, er sah bloß Augen sprühen, Füße stampfen, Hände sich zu Fäusten ballen, er sah, wie die Bauern mit Knütteln und Aexten das Haus seines Vaters umlagerten, er hörte Scheiben klirren, Düren krachen, Balken Umstürzen, Möbelstücke in Trümmer schlagen ... Bon wahnsinniger Augst getrieben, lief er nach Hause. . Als er seinem Vater das Gehörte mitteilte, lächelte dieser und sagte: „Geh, Benjamin, sprich keinen Unsinn! Ich kenne meine Bauern besser. Tu kannst ganz ruhig schlafen. — Im

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