Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
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438 ihn ist cs überhaupt durch kein subjektives Moment, sondern durch einen sachlichem Zustand bedingt: Sprache und Land. Da dem Judentum beide fehlen, ist es krank, Soll es gesunden, muß es in Palästina in hebräischer Sprachform seines Geistes Eigenart ausleben. Wir sind in der Zerstreuung nur insofern eine Nation, als wir mit allen Fasern unserer Seele die Wiedergeburt unseres Landes und unserer Sprache ersehnen. Ohne diese Auferstehung ist das Judentum verloren. Nur Palästina mit einem hebräischen Kulturzentrum vermag der Judentumsnot zu steuern. Von diesem Zentrum, das gleichsam die Sonne der Nation und den Brennpunkt all ihrer schöpferischen Kräfte bilden soll, werden Strahlen zu der weitausgedehnten Peripherie der gesamten Judenheit in dem Diasporaläudern ausgehen und licht- und wärmespendend das Judentunr erhellen. Im Gebet vermag selbst das Nationaljudentum mir ein Zwitterwesen zu züchten, ein Zweiseelenju-dentum voller Widersprüche und Konflikte, voller Risse und Wundem. Nach ihm braucht das Judentum die Palmen Jerichos und die Zedern des Libanons, »m eene wahrhafte Auferstehung zu feiern. Israels Ausenthalt im Galuth ist ihm im gewissen Sinne ein permanenter Kriegszustand. Jedenfalls fordert die außergewöhnliche Lage des Volkes außerordentliche Mittel der Verteidigung und der Abwehr. Unsere religiösen Sondervorschriften müßten zur Erhaltung jüdischer Art auch für freigesinnte Juden national bindend werden. Wer nicht minder ist unserem Verfasser der Fortbestand des Jargons ein Gebot nationaler Klugheit. So sehr er die eigentliche Zukunftskultur des wiedergeborenen Judenvolks aus der Renaissance des Hebräischen emporkeimen sieht, erfüllt ihm das Jiddisch für die Diaspora zu gut die Funktion einer nationalen Scheidung, als daß er es als wirksames Differenzierungsmoment misten möchte. Die jüdische Religion als Erhaltungsmacht im völkischen Sinne ist ihm nicht Lebensanschauung, sondern Gesetz. Wir wollen mit dem Verfasser uns hier nicht kritisch auseinandersetzen, sondern über sein Buch schlicht berichten. Zweifellos hat er tiefgründige Kenntnisse vom Judentum in all seinem Ausmaße und Umfange. Aber haben wirklich Philo und Gabirol und Maimvnides und Juda Halevi und Bachja und die Helden und Heiligen der Kabbala, von den Propheten zu schweigen, und die Männer der Haggadah ihr Judentum mißverstanden, wenn es ihnen doch keineswegs die Summe von 613 Satzungen, sondern eine Offenbarung, über den Sinn des Lebens war? Die Einseitigkeit, mit der alles am Begriffsschema unseres Autors gemessen wird, verschuldet es, daß manche jüdische Erscheinung sich im Lichte dieses Buches geradezu' verzerrt ausnimmt. Ist tatsächlich die Stellung des Judenturys in dem einseitigen Amoräersatze: „Schlimm sind die Bekehrten für Israel wie der Aussatz" erschöpfend gekennzeichnet? Der geistreiche und gelehrte Klatzkin weiß ganz gut, wie anders, um nur einen ganz Großen zu erwähnen, Rabbi Abbahu über das Proselytenproblem dachte, und der Traktat Gevin zeigte deutlich, wie schwer es dem Judentum im Geschichtsverlaufe gefallen ist, seine von den Propheten ererbte Missionstendenz einzuschränken, ich erinnere nur an den Satz bei der Proselytenunterweisung (en marbin w’en medakdekin), daß man sich mit der Mitteilung der Hauptgrundsätze des Judentums an die Novizen begnügen solle. Einseitig ist auch das Urteil des Verfassers über das Christentum. Gewiß, unter seiner Aegide sind entsetzliche Greueltaten und nicht zmn wenigsten gegen die Juden verübt worden. Allein, besteht nicht doch die Tatsache zu recht, daß das Christentum allmählich die Sklaverei und die unwürdige Stellung der Frau abgeschafft hat. wie cs die furchtbaren Gladiatorenspiele beseitigt hat. von der das klassische Heidentum keine Ahnung gehabt hatte? Und sind Juda Halevi und Maimonid es im krassen Irrtum befangen gewesen, wenn sie dem Christentum Gerechtigkeit widerfahren ließen und es für einen Sendboten Gottes hielten, der einen Teil der jüdischen Wahrheit der Menschheit vermitteln sollte? Und hat denn ein so typischer Talmudjude wie Jakob Emden so ganz und gar am Richtigen vorbeigedacht, wenn er das Christentum als Propheten an die Völker auffaßt in einer Weise, die an Beaoonsields bekanntes Wort erinnert: Das Christentum ist das Judentum für die Völker?! Ein Buch, dom widersprochen werden muß und wird, ein Buch das aber groß ist durch die Aufrichtigkeit und groß ist durch die Liebe! Es leuchtet in ihm ein Mut zur Wahrheit, der wahrhaft ergreift, und es ergreift uns beim Lesen eine Liebe zum Judentum, die auch den dunkelsten und fragwürdigsten Syllogismus noch durchleuchtet. Wir folgen seinen Ausführungen nicht. Wir fühlen uns als Deutsche und sehen darin keine Gefahr für unser Judentum. Und anderseits: Der deutsche Kulturstaat wird nur bereichert, wenn zu ihm Staatsbürger gehören, die an ihm Mitarbeiten nicht nur aus der Fülle ihrer deutschen Gesittung, sondern auch aus dem Reichtum ihrer jüdisch-religiösen Gesinnung, die ihren Quell in der Bibel hat. Wir glauben auch nicht, daß diese Schrift, so geistvoll und warmherzig sie sich gibt, zur Nachfolge aneisern und Werbekraft bekunden wird. Sie wird die Ueberzeugten in ihrem Glauben an das zionistische Dogma befestigen und die weniger Radikalen vielleicht einer mehr extremen Auffassung der Lage geneigt machen. Ob einer aber Religionsjude oder N a t i o n a l j u d e w i r d, h ä n g t n i ch t a b v v n-d i a l e ktischen Beweisen, die ihm bündig das eine oder das andere erhärten, sondern das ist Sache des Erlebens und des Willens. Das ist ja das Unfruchtbare an all diesen Debatten, daß da Werturteile gegenüberstehen, die letzlich nicht vom Verstände, sondern von der ganzen Lebensrichtung und Seelenstimmung eingegeben werden. Mag also dem sachlichen Ergebnis der Klatzkinschen Ausführungen ruhig begegnet werden mit dem rabbinischen Diktum: ulehalacha zarich ijjun gadol; es in der Praxis zu überführen, heischt größte Vorsicht, Es bleibt doch wertvoll, daß wieder, wenn auch von einem uns eng erscheinenden Blickfelde aus, der Wille zum Judentum mit heWrndringender Innigkeit beleuchtet wurde. Ein Mann, der Worte findet wie die: „Unsere Religion hat es uns angetan . . . Unsere Propheten verpflanzten in uns eine unüberwindbare Ehrfurcht vor dem Mitmenschen, dem Ebenbild Gottes. Unsere Gesetzeslehrer lehrten uns das Leben als heilig und schrieben uns größte Schonung aller lebendigen Wesen vor. Nicht den Krieg verherrlicht das Judentum, sondern das stille Heldentum, den Tod um der Treue des Bekenntnistes willen, um der Heiligung des göttlichen Namens . . Ein Mann, der so schreibt und fühlt, darf erwarten, daß Juden aller Richtungen mit erschlossenen Herzen seinen Worten lauschen und denken: Toroh hi, welilmod ani zarieh. „Lehre issis und zu lernen tut Uns not!" Las Lrhrlingshrim in Lrrlin-ßsnhow. as öffentliche Interesse hat sich in den letzten Jahren vor dem Kriege und in verstärktem Maße nach besten Beendigung erfreulicherweise der Fürsorge für die schulen tlastene Jugend zugewandt. Von den Veranstaltungen zum Wohle der jüdischen männlichen Jugend ist an erster Stelle das L e h r l i n g s h e i m i n P a n k o w zu nennen, Es hat die