Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-24 · Heft 39 (24.9.1919) · p. Seite 435

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 39 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229429--75194-3287688
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

435 Einzelstcmten im. Schlosse, zu Weimar am Nachmittag des 21. Juni brachte für mich diese Formel betrüblich zur Geltung. Die Sprechenden in jener Sitzung nach vielen Wenn und Aber ... empfahlen rundheraus eine Unterzeichnung des Vertrages. M i n i st e r P r ä s i d ent Hirsch blieb für Preußen mit ein er tnappen ' Ablehnung allein — damit war die Wendung im Schicksal Deutschlands besiegelt . . ." Jetzt aber soll - ob so oder so — der Jude als Prügelknabe für die Wendung im Schicksal Deutschlands herhalten. * Don unserem geschätzten Mitarbeiter Herrn Elias N a ch t erhalten wir nachstehenden Artikel: Deutscher Echrrtz- und Lrutzbuud. Bor einiger Zeit siel mir eine technische Zeitung in die Hände, die eine Beilage des Schutz- und Trutzbundes (Hamburg) enthielt. Es sei mir erlaubt, das Markanteste daraus wiederzugeben. Das Flugblatt wendet sich an die Kommilitonen und teilt ihnen mit, daß der Student sich nunmehr mit der Politik zu beschäftigen habe, appelliert an die Vaterlandsliebe des Studenten, behauptet dann weiter, Laß nur die nationale Leidenschaft Deutschland aus den Niederungen hevaufführen könne. — Nachdem die Waffen mit feurigen Worten an die Kommilitonen verteilt, wird dann offen auf die Zielscheibe gewiesen. Wir lesen dann nämlich weiter, daß „greisenhafte landfremde Nörgler" dem Zusammenbruch Deutschlands vorgearbeitet und an -allem, was jetzt vorgeht, 'schuldig sind . . . .Verlangt es Mut", heißt es hierauf im Blatte, „.gegen einen unglücklichen Fürsten zu schimpfen? Nein, dazu gehört nur erne eiserne Stirn. Aber Mut gehört dazu, gegen die geistige Hemmungslosigkeit des Judentums .aufzutreten, Mut gehört dazu, sich frei zu machen von der traditionslosen Ungebunden- Oeit, die ihre Halbbildung auf den Thron erhebt. Mut gehört dazu, diesen fremdrassigen Geist der nationalen Zersetzung zu kennzeichnen und sich selbst von ihm unberührt zu halten. Die Besten unter dem deutschen Volke hatten diesen Mut, ein Goethe nicht minder als ein Luther, ein Fichte oder Bismarck . . ." Zum Schluß werden die gleichgesinnten Kommilitonen ausgefordert, sich diesem Bunde anzrrschliyhen. Nachdem ich dieses Aftelnde Pamphlet gelesen hatte, wandte' ich mich hierauf mit der nachfolgenden Frage an die Redaktion des Blattes: „Welche Gründe 'haben Sie dazu bewogen, ein derartiges gehässiges politisches Blatt einer rein technischen Zeitung! beizulegen?" Die Redaktion erwiderte 'mir: „Die Beilage des Schutz- und Trutzbundes zu verhindern, lag nicht in unserer Macht, ohne uns größere geschäftliche Enge aufzuerlegen, als der Kaufmann verantworten kann. Daß uns die Ten!den«z des Flugblattes selbst nicht sympathisch war, werden Sie daraus ersehen, daß wir den Preis iür diese Beilage bei 'der Anfrage derart hoch gestellt haben, daß wir die Hoffnung hegen durften, daß der Bund von einer Verwirklichung seines Planes absehen würde. Eine Rückfrage hinsichtlich des Preises ließen wir absichtlich unbeantwortet. Trotzdem beharrte der Bund auf der Beilage." Die Redaktion der Zeitung war so liebenswürdig, mir Abschriften der Korrespondenz zur Verfügung zu stellen. Sie möge hier folgen: „Hamburg, den 18. Juni 1919. Wir beabsichtigen, anliegenden- Aufruf als Beilage Ihrer geschätzten Zeitschrift beizufügen, und erbitten uns von Ihnen schnellstens Nachricht, ob und unter welchen Bedingungen Sie zur Annahme bereit sind; dabei bitten wir, uns gleichzeitig die benötigte Anzahl der Aufrufe sowie die Anschrift Ihres Druckers für den Versand anzugeben. Deutscher Schutz- und Trutz-Bund. Hauptgeschäftsstelle Hamburg. . : |; I. A. m-: Ott?." ^,Hambu rg, den 4..Juli!9h9. . Buchdrucker ei ..... Der Deutsche Provinz-Verlag in Berlin 80 33 ist angewiesen. Ihnen von unserem Ausrufe „Kommilitonen" 8000 Stück sofort, zu übersenden. Diese Blätter bitten wir, der . . . . Zeitung bei zu legen und uns danach die Rechnung nach hier zu übersenden." Unterschrift wie oben. ' „Hamburg, den 20. Juni 1919. 4 ..... Zeitung ' , in .... . Auf Ihr verspätet in unseren Besitz gelalltes Drahtangevot: 150 Mark für 3000 Festauflage-Beisaltungen, erlauben nur uns zu bemerken, daß ein Irrtum Ihrerseits oder seitens des Postalntes zu vermuten ist, da es'ausgeschlossen erscheint, daß Sie für Beis ü g u n g eines Blattes 5 P f e n n i g berechnen wollen. gez. Gottfried Goetze, Schatzmeister." So reiht sich „Blüte an Blüte" an diesem vor Fäulnis stinkenden Baum des Schutz- und Trutzbundes. Warum wird dieser Gistbaum, ehe er die gemeingefährlichen Früchte trägt, nicht gefällt? Bei diesem läppischen Schuldwälzspiel beabsichtigt der Schutz- und Trutzbund, der apropos Deutschland durch sein blutrünstiges Treiben am wenigsten zum Schutz und Trutz gereicht, die Bestie, den nationalen Haß und Leidenschaft, gegen das ewig gehetzte Wild zu stacheln, um ein Blutbad anzurichten. Wir zählen jetzt das Jahr 1919, jene dagegen scheinen von Anno 1348 — dem Ruhmesjahre der deutschen Humanität — zu sein! J * Zur Lage der Juden in Polen. Ja der Sitzung des Warschauer Stadtrats am 22. Mai .hatte der C..;.crorbnete Wolsowitsch und Genossen einen Dringlichkeitsantrag eingedracht, daß die jüdischen Läden, welche am Sonnabend den ganzen Tag geschlossen sind, am Sonntag den ganzen Tag offen sein dürfen. Aus Beschluß des Magistrats vom 30. Mai wurde dieser Antrag der zweiten Abteilung (für Handel) zur Betrachtung und Begutachtung überwiesen. Diese Abteilung hat nun ihr Gutachten dahin abgegeben, daß die Ueberlieferung und das Gesetz in Polen als Ruhetag den Sonntag anerkennen und auch in den Ländern Westeuropas und in Amerika der Ruhetag der Sonntag ist. Aus Grund dieses Urteils hat der Magistrat in seiner Sitzung am 2. September beschlossen, den Vorschlag des Stadtverordneten Wolsowitsch abzulehnen. In den ersten Tagen des Septembers traf in Warschau.die Mitteilung ein, daß die englische Kommission zur Erforschung . der Pogrome bereits nach Polen abgereist ist. An der Spitze dieser Kommission steht Herr Stuart S a m u e l. Die national-demokratische „Gazeta Warszawska" schreibt im Zusammenhang mit dieser Nachricht: „Das wird schon die dritte Mission in der Judensrage sein (die zweite Mission wurde von der Internationalen sozialistischen Konferenz in Luzern zur Entsendung vorgesehen). Herr Samuel stammt aus einer angesehenen jüdischen Familie. Es wäre interessant. zu. wissen, wer die Bitte ausgesprochen hat, diese neue Delegation i.u tv:v Juderifrage zu entsenden. Polen ist doch kein Einkehrhaus!" Ein Warschauer Einwohner teilte dem Klub der Abgeordnetern der jüdischen Volkspavtei folgendes mit: Vor dreißig Jahren. ist er von Bvisk nach Warschau verzogen, wo er die-ganze Zeit gewohnt und sich geschäftlich betätigt hat. Er hat sich als polnischer. Bürger betrachtet und in Warschau auch seine Kinder erzogen. Von dieser; ist ein im Jahre 1899 geborener Sohn zum Dienste der polnischen Armee herangezogen worden. In der vorigen Woche erhielt er die Aufforderung, im dritten Kommissariat zu erscheinen. Dort wurde ihm der Patz aügestempelt und ihm mitgeteilt, daß er Warschau im Lause von fünf Tagen zu verlassen Habe, Auf seine Bitte erhielter die Erlaubnis, drei Wochen in Warschau zu bleiben. Außerdem erhielt er. 500 Mark Strafe dafür zudlktiert, daß er sich nicht als Fremder eingetragen hatte, weil er außerhalb Polens geboren ist. Der Klub der Abgeordneten der jüdischen Volkspartei hat die nötigen Schritte unternommen. 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.