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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-24 · Heft 39 (24.9.1919) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 39 (24.9.1919)
Date
1919-09-24
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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454 - ümschafse und uns den Willen forme, sondern wir meinen, daß es nur eines gibt, wodurch man zeigt, daß man als Gottes Ebenbild sich fühlt, die sittliche Tat. hoes hakodausch nikdasch bizedokoh ..der heilige Gott wird erst heilig, wenn wir ihm dadurch dienen, daß wir Gerechtigkeit üben". Das zu wissen tut uns not nach allem, was wir in den letzten Jahren erlebt haben und noch durchleben. Wir^haben erlebt, daß alles, was wir an Kulturwerten gesichert glaubten, einstürzte wie ein Gebild auf tönernen Füßen. Zivilisation, Menschlichkeit, Völkerrecht, Fremdenrecht, alles war wie weggespült von der Welle der Leidenschaft. Wir erlebten den. Zusammenbruch aller Rechtlichkeit und Redlichkeit im inneren Verkehr der Volksgenossen, einhemmungsloses Ausbranden aller Wogen der Selbstsucht, des Sichdurchsetzens um jeden Preis, der Profitgier und des Wuchers. Darum tut's not, nun da wir an einem ganz neuen Aufbau der ' Welt, des menschlichen Beisammenseins, der Sittlichkeit gehen,, recht zu erkennen und wohl zu bedenken, daß Gottes Heiligkeit in unsere Hand gegeben ist. Gott ist der Gesetzgeber aller Sittlichkeit, aber wie es ohne ihn keine Sittlichkeit geben kann, so auch nicht ohne uns; indem wir sein Gesetz befolgen, .geben wir seinem Namen Glanz. Nicht von unserem Wort, nicht von unserem Gebet hängt alles ab, sondern von unserer sittlichen Tat, wie wir die halbverschütteten Quellen der Sittlichkeit neu erbohren. Damit ist auf unsere Schultern eine große Verantwortung, Verantwortung für uns und für Gott, gelegt, jene Verantwortung, die die Nährmutter allen fruchtbaren Strebens ist und dem Willen Schöpferkraft verleiht. Diese Verantwortung schärft uns der Neujahrstag von frischem ein. Vergessen wir nicht, daß es ein Grundgedanke des Judentums ist, daß neben der Hoheit Gottes die Würde des Menschen steht; sie sind beide von einander nicht zu trennen, beide von-, einander abhängig. Auch im neuen Jahre muß unsere erste Sorge sein: kiddüsch haschem „die.Heiligung Gottes", die nur von uns, nur vom Menschen bewirkt werden kann. Sie Woche. Berlin, 22. September. uch heute, an der Jahreswende, ist es der Antisemitis- , mus, der unsere Aufmerksamkeit beansprucht. Die Pogromhetze wird fortgesetzt trotz aller zu ihrer Bekämpfung seitens der Rgierung ergriffenen Maßnahmen. „Alles, alles haben die Juden auf ihrem Gewissen, was wir an Leiden und Sorgen zu tragen haben. Sie sind es gewesen, die unser liebes Vaterland zerstört haben, um herrschen zu können. Sie waren es, die unser Herrscherhaus erledigten. Juden und Judengenossen haben so lange gearbeitet, bis ne uns das aufgezwungen haben, was für den Deutschen die größte Schmach , ist, was wir abschütteln müssen." Diese und ähnliche Anklagen werden unausgesetzt in Schrift und Wort gegen die Juden erhoben und gewissermaßen zum Glaubensbekenntnis des deutschen Volkes gestempelt. Wir überschätzen nicht den Antisemitismus und seine Werbekraft; wir halten ihn nach wie vor für den Sozialismus der Dummen und politisch Rückständigen, der einen dauernden Erfolg zu erzielen nicht vermag. Auch ist unser Vertrauen zum gesunden Sinn der großen Masse des deutschen Volkes viel zu stark, als' daß wir glauben könnten, daß es der antisemitischen Propaganda der Tat zustimmen und sich je zur Ausübung von Gewalttätigkeiten gegen die Juden hinreißen lassen würde. Wir glauben darum auch nicht, daß die in Berlin und im Reiche verbreiteten Gerüchte, die Antisemiten beabsichtigen an den hohen Festtagen die. Juden in ihren Gotteshäusern zu überfallen, auf Wahrheit beruhen und zu irgendwelcher ernsten Besorgnis Anlaß geben. Allein wir dürfen den Antisemitismus auch -nicht überschätzen, und hüten müssen wir uns davor, ihn und, seine Wühlarbeit, wie bisher, vornehm zu ignorieren und uns in v ö l l i g e r S i ch e r h e i t zu wähnen. Nicht bloß im spezifisch jüdischen,, sondern auch im. Interests des deutschen Volkes, von dem uns nichts scheidet als unser heiliges Bekenntnis. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist für uns zugleich der Kampf gegen die Feinde des deutschen. Volkes, seiner Kultur und Gesittung und seines Ansehens in der gebildeten Welt, das nun von den Aposteln des Judenhasses.mit Schmutz und Kot besudelt wird. Nur mit Widerwillen, weil es dem deutschen Namen nicht zur Ehre gereicht, geben wir hier eine Mitteilung aus dem Regierungsbezirk Kassel wieder: „Aus verschiedenen Orten werden täglich Angriffe auf die Inden gemeldet. In Witzenhausen drangen bewaffnete Schüler der Kolonialschüle in die Häuser der Juden ein und zerrten sie ans den Marktplatz, wo ihnen erklärt wurde, .daß sie binnen zwei Wochen die Stadt zu verlassen hätten. Der Landrat hat bekanntgegeben, daß er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln diese Bewegung hemmen, werde; gegebenenfalls werde er die Regierung um schärfste Maßnahmen ersuchen. In Kassel machen sich vor allem die Schüler der höheren Lehranstalten sehr unliebsam bemerkbar, sie verteilen Flugblätter, die gegen die Juden hetzen." Aehnliche Nachrichten kommen auch aus Schlesien, wo, namentlich in Waldenburg, jüdische Geschäfte völlig ausgeplündert worden sind. Hüten wir uns aber auch, die Antisemiten zu provozieren. Unser Kampf gegen ihre verleumderischen Anklagen soll und muß nur mit lauteren geistigen Waffen geführt werden. Nicht in öffentlichen Lokalen und in Ansammlungen auf der Straße darf dieser uns aufgezwungene Kampf autzgefochten werden. Wenn je, gilt es jetzt das Wort des Propheten zu beherzigen: „Geh mein Volk, zieh dich in dein Zelt zurück und warte eine Weile, bis der Sturm vorüber ist." Israel hat im Lause seiner Geschichte schon so manchen es zu vernichten drohenden Sturm überlebt; wir dürfen das neue Jahr mit der festen Zuversicht antreten, daß wir auch diesen fürchterlichen Feindessturm Übedauern werden. Ist in Israels Mitte, lautet ein rabbinisches Wort, die Stimme Jakobs noch nicht verklungen, so hat es die Hände Esaus nicht zu fürchten. Warum betrübst du dich, meine Seele? Warum ist dir so bange? Vertraue auf Gott! Er schlummert nicht und er schläft nicht der Hüter Israels! .■*. Uns wird geschrieben: Gegenüber dem neulich in der Versammlung des „Vepems iür Volkswohl" angestellten Versuch, gerade „die Juden" als Spezialfreunde'„der - Entente" hinzustellen, dürfte aus der „Europäischen Staats- und Wirtschastszeitung" eine Darstellung interessieren, welche der Reichspvstminister Giesberts über die Vorgänge in Weimarwährend der Verhandlung über die Friedensunterzeichnung gegeben hat. Danach hat in der entscheidenden Sitzung der Regierungsvertreter der Staaten im Schlosse zu Weimar einzig und allein ein Jude, der preußische Ministerpräsident Hirsch, für Ablehnung gesprochen und gestimmt. Da Preußen jetzt zum erstenmal einen-. jüdischen : Ministerpräsidenten hat, sei die betreffende Stelle aus: der chronologischen Aufzeichnung des Reichspostministers, hier fast - wörtlich wiedergegeben; Es heißt da: „Die Voraussetzung einer solchen Ablehnung wäre es gewesen, daß -die- Kräfte, die moralischen und die physischen usw., ausreichen. Aber von einer solchen hekdenmütigen, stahlharten Gesinnung war nur bei dem kleinen Kreise der intellekt ue ll en P olitike r e twas zu spür en. „Friede um jeden Preis" - - das war die Losung der großen Masse des Volkes. Eine Besprechung der Regierungsvertreter der

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