Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1919)
- Date
- 1919-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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53. Jahrgang. Nr. 39 Berlin, 24. September 1919 Allgemeine Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IR. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbiiippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4S-49, zu richten. Verlag von Rudolf rnofse Berlin. * „Die Heiligun>g Gottes/ Von Rabbiner Dr. Dieney 11IJ öll. m oi n n* (Ratibor). — D i e Woche. — Die Schicksalsfrage des Judentums. Von Bezirksrabbiner Dr. B e e r m a n n (Heilbronn). — Das Lehrlingsheim in Berlin-Pankow. — Die Israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien. Don Dr. Max Steif (Rautznitz).— Goethe und die Bibel. Von I. M ü n z. — Feuilleton«: Benjamins Liebeslied. Noman von Samuel Meifels. — Rösch Haschana 5680 (1919). Von Iennh 35 erg mann. — An« die Judenhasser. Von S. Katz. — Sprechsaal. . Der Gemeindevote (Beilage der „3lllgemeinen Jertung des Judentums"): Berlin, Königsberg, Bromberg, Hamburg, Detmold, Frankfurt a. M., Prag, Wien, Warschau, New.Dork. — Don Nah und Fern. „Sie tzeillgung Gottes." Zum Neujahrsfest. Von Rabbiner Dr. D i e n e m a n n (Ratibor). asjenige Gebet, das die Neujahrsgedanken und Gmpfin- J düngen, nicht wie sie sind, sondern wie sie sein sollen, am reinsten und klarsten wiedergibt, ist jenes, das anhebt mit den Worten: uwechen ten pachdecho „so gib denn die Ehrfurcht vor dir aus alle deine Geschöpfe". Unseir Denken kreist für gewöhnlich um unser armseliges Leben, unsere Freuden und Leiden, unsere Sorgen und unsere Hoffnungen; das ist's, was uns tagaus, tagein bewegt und beschäftigt. Und am Beginn eines neuen Jahres ist das erst recht und in verstärktem Maße der Fall. Unser erster Gedanke am Neujahrstage ist: Was wird das kommende Jahr uns bringen, wird es Leben oder Tod, Gesundheit oder Krankheit bringen, wird es für uns Erhöhung oder Erniedrigung im Gefolge haben, werden wir glücklich und in heiterer Sorglosigkeit leben oder beschwert von Unglück und Kummer? Und daher erwecken auch die Geböte, die davon handeln, die meiste Andacht; da schmilzt alles in Gefühl und Erregung dahin. Das ist so selbstverständlich und erklärlich, daß man sich wundern würde, würde es anders sein. Aber mögen diese Gedanken auch als Ausgangspunkt erklärlich sein, man darf nicht bei ihnen stehen bleiben. Nicht das soll am Neujahrstage der Hauptinhalt unserer Gedanken sein, was aus u n s wird; von uns hinweg soll der Blick sich auf die großen Fragen der Menschheit lenken. Das soll zum Inhalt des Neujahrsgedankens werden, daß wir beten, es möchten die Menschen alle in Ehrfurcht für Gott erglühen und alle einen Bund bilden, um seinen Willen in Wahrheit zu befolgen, daß alle Bosheit von der Erde verschwinde und das Laster seinen Mund schließen müsse. Menschheit und Israel, die zwei Gemeinschaften, denen wir in aufsteigender Linie, in unentwirrbarem Verein angehören, sie sollen im Brennpunkt des Interesses stehen. Von ihnen beiden handelt jenes Gebet, und nachdem es sie in den Mittelpunkt unserer Gedanken gerückt, kommt als Krönung des Ganzen der Hinweis auf Gott den „Heiligen", und schließlich mündet das Gebet, um gleichsam die Summe zu ziehen und in einem Worte fürs ganze Jahr die Anleitung zu geben, die aus dem Neujahrstage sich herleitet, in dom Prophetenworte: wehoel hakodausch nikdasch bizedokoh „der heilige Gott wird geheiligt durch Gerechtigkeit". Aus ihm strömt zu uns Weihe und der Antrieb zu frommer Tat. Man muß die volle Tragweite dieses Satzes ermessen. Gott wird geheiligt durch Gerechtigkeit, dadurch, daß w i r Gerecht tigkeit üben; d. h. seine Heiligkeit ist abhängig von uns, der Tat des Menschen. Es ist im Anfang ein kaum auszudenkender Gedanke und doch ein in der Ideenwelt des Judentums gang geläufiger. Die Thora läßt Gott sprechen: Entweihet nicht meinen heiligen Namen, wenikdaschti bessauch bne jissroel „damit ich geheiligt werde in der Mitte Israels". Ein Mann aus der Blütezeit der tannaitischen Epoche, Rabbi Simon ben Jochai, erläutert den Vers: Ihr seid meine Zeugen und ich bin Gott: „wenn ihr mich bezeugt, bin ich Gott, und wenn ihr mich nicht bezeugt, so bin ich auch nicht." So zioht's sich durch das jüdische Schrifttum hindurch: nicht bloß Gott heiligt den Menschen, auch der Mensch muß Gott heiligen. tüngt halb und halb wie eine Gotteslästerung. Nicht nur des Menschen Schicksal ist von Gott abhängig, auch die Würde Gottes ist in die Hand des Menschen gegeben; der Mensch schasst mit seiner Tat die Größe und den Ruhm Gottes, er ist der Bürge von Gottes Heiligkeit. Man braucht kaum zu sagen, daß bei alledem dem Judentum und dem gläubigen Juden die Gewißheit nie verlorengehen kann, daß sein Gott nicht ein Schemen, nicht ein bloßer Gedanke ist, sondern ein wirkliches lebendiges Wesen, das sein Schicksal lenkt, sein Leben und Sterben in fester Hand hat und Ziel und Plan fetzt, wo er dem Menschen noch unverhüllt ist. Und trotzdem, und ob wir in Demut und Ehrfurcht die Größe Gottes noch so sehr rühmen mögen, bis daß das Wort unS fehlt und wir gestehen, daß vor Gottes Majestät jede menschengeschaffene Sprache in Ohnmacht zurückbleibt, trotz alledem dieser kühne Gedanke, daß wir Gott heiligen, daß seines Namens Glanz von uns den Schimmer erhält und ohne uns' erbleicht.' Dennoch jene merkwürdige Schöpfung des Sprachgeistes, die in dem Worte kiddusch haschem „Heiligung Gottes" ihren Niederschlag gefunden hat, und die jedem Juden bekannt ist, der von jüdischem Geist erfüllt ist. Wie ist das zu erklären? Zu erklären ist es kaum, es ist nur fostzustellen als eine Tatsache, als eine der festen Säulen des jüdischen Denkens, als eine der unzerstörbaren Schwellen jüdischer Weltanschauung, daß vor der Majestät Gottes das Ich des Menschen nicht zerfließt, daß neben Gottes Hoheit die Würde und Selbständigkeit des Menschen stehen muß. Wir sagen eben, daß der Mensch in sich die Quelle der Kraft und des ungebrochenen Wollens trägt; wir sagen nicht, daß der Mensch ein schwaches, zerbrechliches Geschöpf ist, dys von sich aus gegen seine Leidenschaften, gegen die Einflüsse der Umwelt, gegen Lockung und Verführung nicht ankämpfen kann, wir sagen, daß der Mensch nicht bloß Geschöpf ist, sondern auch selbst Schöpfer. Und deshalb meinen wir, daß die Frömmigkeit nicht darin bestehen kann, daß man von Gottes Allmacht und Liebe schwärmt, daß man in Gefühlsströmen sein Inneres zerfließen läßt daß man sich nur als abhängig fühlt, daß man alles Heil und alle Sittlichkeit von Gottes Gnade erwartet, daß er uns