Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229428--75186-3287679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
432 Da erhob sich der lange Dimitri und suchte die durch Not und Branntwein aufgeregten Gemüter zu beruhigen. „Nehmt doch Vernunft an!" sagte er. „Was nützt es euch, wenn ihr lamentiert? Vom Lärmen wird der Magen nicht satt. Es sind schwere Zeiten; vielleicht haben wir den Krieg, vielleicht auch nicht, aber die Zeiten sind schwer, das läßt sich nicht leugnen. Aber was wollt ihr denn vom Juden? Glaubt ihr, daß, wenn es schlechte Zeiten gibt, der Jude die schlechten Zeiten macht? Daß, wenn es Krieg gibt, der Jude den Krieg macht? Der Jirdp ist manchmal reich, manchmal auch arm. Ist er arm. so hungert er gleich wie wir und leidet Kälte gleich wie wir — nur lamentiert er nicht gleich wie wir. Ist er reich, so hat ihn Gott gesegnet, und er weiß sein Vermögen gut anzubringen. Seht unseren Saul? Ist er nicht gut und mildtätig? Hat er nicht schon vieles getan, um unsere Not zu lindern?" „Dimitri hat recht, hat recht", schrien mehrere Stimmen. Ein stämmiger Bauer stand auf und schlug einmal übers andere mit der geballten flaust auf den Tisch. „Schweigt, ihr Narren! Es geschieht euch recht, daß ihr, von Frost erstarrt, in euren öden Hütten kauert und mit Weib Und Kind darbt. Es geschieht euch recht, sag' ich, daß der Magen euch im Leibe knurrt. Seht ihr denn nicht, ihr Dummköpse, daß alles Unheil von den Juden kommt? Der Jude hungert nicht, er hat immer Brot in seinem Backtrog und Fleisch in seinem Topfe... Statt daß euch der Hunger die Waffe in die Hand gibt, sitzt ihr da und klatscht dem Dimitri seinen Worten Beifall. Statt etwas selbst für euch zu tun, wollt ihr lieber gleich Bettlern vor des Juden seinem Haus stehen. Ich sage euch, ihr müßt euch zusammentun, euch vereinigen, ihr müßt -" (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Judentum und Zion i s m u s. Von Eduard Strauß. I. Kau'fstnanu. Frankfurt a. M. 1919. 42 Leiten. 1,80 Mark. Der Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Zionismus. Der Verfasser bemüht sich, ein Bild von dem Werden und den Gedankenaänaen des Zionismus zu entwerfen: er tut es in vornehmer, leidenschaftsloser Erörterung, rein sachlich und ohne Polemik. Unter voller Anerkennung allen Bemühens des Knlturzionismus. eine Erinnerung des jüdischen Geistes herbenuführen, schildert er, wie dieses Bemühen einen durchaus subjektiven Charakter trägt, wie es die Judenheik als Volk voraussetzt und das Judentum va einem Teilgebiet völkischer Kultur macht. Der Ausgangspunkt ist dann nicht das Judentum als ein Gegebenes, sondern der j ü d i s ch e M e n sch, von dessen Geartnng und Seelenverfassung das Judentum bestimmt wird. Der Mensch wird zum Maßstab der Tinge. Das Vorbild 'zu diesem jüdischen Menschen ist der Jude des Ostens, dessen Seelenleben und Frommigkeitsstimmnng ohne Rücksicht darauf, wie er durch eine anormale Geschichte geformt worden ist, zum Normaltypus des Juden erhoben wird. Indem die Verwurzelung des Juden in Stamm und Familie zum Ausgangspunkt für alles Wertvolle, auch für bic Religion gemacht wird, wird das Judentum zu einem entwicklungsgeschichtlichen Produkt dessen gemacht, was am Juden der Natur angehört. Der Zionismus wird damit zu einem Produkt der Assimilation: der Assimilation an die moderne Denkrichtuna, die vom Naturhaften ausgeht und deren Auswirkung die Ueberwertuug der Rasse und der Nation ist. Nicht auf diesem Wegc, auf dem das Judentum und seine Lehre zu einein Teilstück einer Volkskultur gemacht wird, kann die Einheit des Judentums und der Judenheit gefunden werden. Für den Verfasser bleibt als Höchstes die Wiedererweckung des Glaubens und des Bewußtseins, als religiöse Einheit eine Sendung an die Menschheit zu besitzen. Er will, daß die Juden seien nicht bloß ein Stamm und e i n Volk, sondern ein religiöser Stamm und ein Glaubensvolk. — Ein ernstes, nachdenkliches und zum Nachdenken anregendes Büchlein, das durch die Vornehmheit der Erörterung und der Tiefe der'Gedanken sich weit emporhebt über die Fülle der gewöhnlichen jüdisch-politischen Literatur. Dieneman-n (Ratibor.) * — A l tchr i st l iche Bas.il i ken und Lo ka-l.t radi t i o n en i n S ü djudäa. ''Archäologische und topographische Untersuchungen. Von?. Dr. Andreas Evaristus Mader, 8. D. 8. 'Mit 12 Figuren un Text, 7 - Tafeln und 1. Kartenftizz? im Anhang. („Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums." Im Aufträge und mit Unter« stützung der Gör re s--Ge se ll schast heraus gegeben von Dr. E. Drerup. VIII. Bd. 5./6. Heft.) Paderborn, Verlag Schöningh, 1918. XII. und 244 S. 14 Mark. ' " - Eine Untersuchung über altchristliche' Basiliken und Lokaltraditionen in Südjudäa muh naturgemäß ihren Ausgang nehmen von den zahlreichen Stätten, die mi-t biblischen oder nachbiblischen Begebenheiten verknüpft sind; denn ebenso wie das Neue Testament undenkbar ist ohne das Alte Testament, d. h. «die heiligen Schri.fttzn Israels, ebenso gehen auch die altchristlichen Stätten der religiösen Verehrung zum größten Teil, zurück auf die an biblische Vorgänge sich anlehnenden Lvtaltraditionen. Welche Bewandtnis es aber mit solcken Lokaltraditionen hat, das erfährt man aus der kritischen Untersuchung des Verfassers, der während eines 2 ^jährigen Studienaufenthaltes in Palästina wiederholt das klassische Land der Patriarchen durchwanderte, das heute überwiegend von Arabern bewohnt wird,. Der Vergleich der literarischen Quellen mit den noch aufgefundenen Bauresten, deren Abmessung und Bestimmung, nebenbei bemerkt, eine äußerst schwierige Arbeit bilden, läßt erkennen, daß man ohne besondere Schwierigkeit nicht nur alt- und neutestamentliche Erinnerungen und Tatsachen, sondern auch legendenhafte Traditionen von oft ganz wunderbarer Art lokalisierte, und man wurde in dieser Arbeit noch unterstützt von der frommen Neugierde fremder Pilger, die gllaubensfreudig und kritiklos Hinnahmen, was man ihnen zeigte und erzählte (s. S. 4). Ms klassisches Beispiel wird angeführt di.? Reisebeschreibuna einer Dame Aetheria, wahrscheinlich eine Spanierin oder Südprovenzalin, die drei Jahre (385 bis 388) im Orient weilte und staunenswerte Pilgerreisen auch in gefährliche Gegenden unternahm; ihr konnten die Mönche jede in der Heiligen Schrift bezeichnete Oertlichkeit Nachweisen-, nach der sie in frommer Neugierde — wie sie selbst eingesteht — selbst fragte. Wie allmählich die Heiligtümer und die damit verknüpften Legenden ins Ungemessene wuchsen, zeigt ein anderes Beispiel. Im Jahre 404 gesuchte die vornehme Römerin Paula in Südjudäa nicht nur Hebron mit den Patriarchengräbern und das Tal Eskol, wo di? Kundschafter Mpses die großen Trauben fanden, sondern auch die Eiche Abrahams, die Zelle Saras und die Wiege Isaaks. Desgleichen sah sie mehrere Stunden südlich bzw. südöstlich von Hebron die „oberen und unteren Gewässer", die Achsa, Kalebs Tochter, zum Brautgeschenk erhielt (vgl. Jos. 15, 16 bis 19); ebenso die Stelle, wo Abraham den Untergang von Sodom und Gomorrha geschaut, und die Höhle, in der Lok mit seinen zwei Töchtern nach dem Untergang der Pentapolis gewohnt hatte (S. 5). An jüdischen Quellen benutzte der Verfasser weben der Heiligen Schrift, insbesondere Flavius Jofephus, den Verfasser der „Jüdischen Altertümer" und des „Jüdischen Krieges", ferner den jerufalemischen Talmud, der an einer Stell? (Aboda zara 1,4) über den Terebinthenmarkt bei Hebron ausführlich berichtet, indem er denselben zu deu drei größten Märkten Palästinas — neben Akka und Gaza — zählt; ferner Benjamin aus Tudela (1160 bis 1173), endlich E. Carmoly, „Itin^raires de la Terre Sainte des XIHe—XYIIe si&cles tradiiits de l’hebreu“, Bruxelles 1847. Vermißt habe ich die Benutzung der Reifebeschreibung des Jakob Saphir aus Jerusalem unter dem Titel „Eben Saphir", 1. Teil (Lyck 1866) und die Heranziehung der von dem gelehrten Palästinasorscher A. M. Luncz herausgegebenen Jahrbücher „Lu ach erez Jisroel", die wertvolle Beiträge zu den Lokaltraditionen in Palästina enthalten. Hervorheöen möchte ich noch die zahlreichen Ruinen von jüdischen Grabstätten (S. 106, 120 u. ö.), deren Beschreibung für eine genaue Durchforschung der eigenartigen alten Grabanlagen in Palästina wertvoll ist. Leider aber wird von den vom Verfasser beschriebenen Resten alter Baudenkmäler wenig mehr vorhanden sein, da der vernichtende Weltkrieg auch in die stille Wgeschiedenheit des südjudäischen Gebirges eingedrungen ist und durch die Anlegung von S&pefttgimgäroerfen' und Schützengräben manche Ruine völlig zerstört und für die archäologische Forschung für immer vernichtet worden ist. Um so wertvoller ist die Arbeit des Verfassers, die als Frucht reichen Wissens und kritischen Sinnes vollste Anerkennung verdient und durch willkommene Zeichnungen im Text sowie durch eine lieber sich Marke bereichert ist. A u ssig' (Deutsche Böhmen).' Prof. Tr. R o s e n zwei g.'