Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229428--75185-3287678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 481 schpnen,- EEeWiß HWMm verbandb Woher -sollten siel dadurch ein PMn,- den epOereiks im Eisenbahnäbteil aus dev Heimreise gefaßt hatte, zur Ausführungreiste? Sie wußten nichts von der Existenz Sara-Leas und konnten es daher auch nicht wissen, daß Benjamin für sie eine sehr Auge, sehr ferne Ueberraschung ersonnen hatte. Ein schönes hebräisches Gedicht, ein Liebeslied und sein eigenes Konterfei — das sollte die Ueherraschung für Sara-Lea fein. To hätte et sich'es, im Eisenbahnabteil, auf der Heimreise, klug' und sinnig aus-gedacht: und nun war das Bild fertig, Vas Gedichtebenfalls, und Benjamin war mit Gedicht und Bild gleich zufrieden. Sein Bild ä la Jakobowsti war in der Tat gelungen. Et wat gut helrvffen, zum Sprechen ähnlich, und doch sah er aus dem Bilde ganz anders aus, viel vorteilhafter als im wirklichen Leben, männlicher, durchgeistigter, harmonischer, so ganz Und gar nicht Wie einer, der Beth-hamidrasch-Jünger ist, vielmehr wie einer, der „unter der Ewigkeit der Gestirne spazierengeht und ein Leid zum eigenen Heil fromm verarbeitet. . Und das hebräische Gedicht, das Liebeslied, war in feiner Art ebenfalls gelungen. Es war ein Liebeslied nach Form und Muster jener hebräischen Liebeslieder, die unfreie Nachdichtungen des Hohenliedes Salomonis darstellen. Benjamin hatte wohl schon die neueren hebräischen Dichter, den neuen Ton in der hebräischen Literatur vernommen, aber innerlich steckte er noch tief in der alten Schule und war über Juda Leib Gordon nicht hinausgekommen. Und da er den ersten und tastenden Versuch machte, seine Gefühle und huldigungsgrüße für sein Herzlieb zu Papier zu bringen, konnte er nicht anders, als in biblischen Metapbern reden und das biblische Pathos nachahmen. Dank diesem Pathos vermochte er alle seine Liebesgluten frei ausströmen zu laßen, ohne di-e zaghaste Scheu, die ihm das Bild Sara-Leas stets einflößte, recht überwunden zu haben. Nie hatte ev den Mut besessen, mit Sara- Lea von der Liebe zu sprechen: er hätte sicher auch den Mut nicht aufgebracht, es schriftlich zu tun, wenn ihm nicht die biblischen Metaphern die Sache so leicht gemacht hätten. Ja, er zeigte sich gar gewaltig mutig in dem Gedicht. Es war darin viel vom „duftenden Oel" und von „Lilien auf der Wiese" und von „Wimpern der Morgenröte" die Rede. Es war ein Preisgesang auf den Liebreiz Sulamiths. Denn schön vor allen Jnngfranen ist Snlamith, ihre Lippen glänzen wie Purpurschnüre, ihre Wangen blicken wie „des Granatapfels välsten" hinter Schleiern hervor, ihre lilienweißen Brüste aleicheU „Zwillingskindern der Gazelle" und ihr Haar ist wie: ein Faltenwurf Um' das königliche Haupt geschlungen. Das GedichMchloß mit den' waghalsigen Worten: „Laß mich trinken Veü Küß deines Mundes, ö laß mich ihn trinken, bis trunken -nein Herzig ■." ' , £, spottet seiner nicht. ihr Wortschleifer 'und 'Sätzefeiler von gestern und -HMkel; Glaubet nicht, daß er Gefühle geiälscht. weil'er fälsche Bilder gebräunte! Fürwahr, er konnte nicht anders als'in solchen Bibbern reden,' wM er noch allzu tief nn Biblffchen steckte.' SV sicher Bettsamin noch nie Zwillingst> uder der Gazelle oder eines Granatapfels Hälfte geseh en — so iicher trug er das Bild Sara-Leas lebendig in seinem Herzen. So Unecht auch sein Gedicht war. so echt undstarkund groß >oar stzintz Liebe 'zu Sara-Lea. Er wußte ja selber kaum, wie groß und stark und echt diese Liebe war. . . . p # n , : -i ■■■ ■ An dem Tage, da Bild und Gedicht als dicker Brief an Sarä-Ltzä abgingen, befand sich Benjamin in gehobener Stimmung, Er uralte' sichs bisin die kleinste Einzelheit aus, wie ü berrascht - Säta-Leä sein werde beim Empfang des dicken Brie^Mr-ZMstchst-werde sis Mrs Gedicht-lesen-Und höchlich eL°- stauut sein und leise erröten und wornöglich auch noch:-eine - Freuderrträne zwischen den ^Wimpern der Morgenröte!' zer- - drücken; dann werde-sie bange, lange sein Bild betrachten und. gütig zu lächeln anfangen, und schliehlich werde sie ihm dem Bilde natürlich - -- schelmischmit dein Finger drohen, undsagen: ,,-Ei„ du bist mir gerade derjenige, welcher Selt<, sam, der Gedanke, daß sie das sagen würde, bereitete ihm unsägliches. Vergnügen. - . Den ganzen Tag über warBenjamin in gehobener Stimmnng und sein Herz war trunkengleich: wie vom-Weine. AmAbendgingeraus und schleuderte frohgelaunt durch-das stille Dorf. Es war klares Frostwetter, der- Schnee knisterte unter den Tritten, an den -Bäumen hingen die Eisgapfen wie glitzernde Kristalle, die Lust war eisig und voller Kältegluten, die alles Freie und Uneingehüllte wie mit-Glüheisen brannten. Benjamin schlürfte die eisige Luft wie eine-erquickende Erfrischung, und es ward ihm aus -diesem abendlichen Spaziergang so wohl zumute, so rvarm ums Herz, daß er hätte tanzen mögen auf dem gefrorenen Schnee, der unter seinen Tritten sang. - - Er kam an der Dorffchenke vorbei. und ihn wandelte die Lust an hineinzugehen. Er öffnete die knarrende Tür und trat ein-. -Ein beißender Qualm schlug ihm entgegen. Der Tabakrauchschlängelte sich in dicken. Ringen zur Decke empor, wälzte sich an die. Wände heran und hüllte in bläulichgraue Schleier die bäuchigen Glaszylinder der schwelenden Petroleumlampen. Benjamin setzte sich in eine Ecke. Niemand beachtete ihn. Die Schenke war voll von Männern und Weibern, Sie hatten alle gerötete Gesichter und wetterten und schrien wild durcheinander, daß man glauben konnte, die Unterhaltung müßte jeden Augenblick in eine blutige Schlägerei ausarten. Die Bauern sprachen von den 'Unbilden des diesjährigen Winters. Denn der Winter war sehr streng und die Armut im Dorfe steigerte seine rauhe Gewalt bis zur Unerträglichkeit. „Wir nagen wie die Bären an unseren eigenen Pfoten, und die Regierung tut nichts, um unsere Not zu lindern", sagte ein älterer Bauer. . „Jawoll, die Regierung!" sagte ein zweiter mit einer Branntweinstimme. „Die Regierung tut genug, wenn sie Steuern einzieht." - . . :;' „Was wollt ihr von der Regierung?" kreischte ein Dritter vom Schanktisch herüber, während er einen Schnaps tzinlinterstürzte. „Ich sage'euch,- alles Unheil kommt von den Juden." .: •: „Marcin hat recht, hat-recht",' schrien -mehrere Stimmen. - „Per Jud ist ein Ungeheuer", -fuhr Marcin kreischend sorh „ein Ungeheuerdas alles verschlingt, eine- Gottesgeißel, die allunser -Ungemach heraufbeschwört. Durch wengibt's so viel Not, so viel- Elend in der : Welt!- Doch nur durch die Juden!" - - - - nv“-* -T'T »Es gibt auch unter den Juden gute Menschen". wagte sich schüchtern die Stimme eines Verteidigers hervgr. - ,»Was ein schlechter Jud ein guter-MMschM-yrshrMl" ent- ' gegnete ein Bauer. - 7 -----,'-".-':---.' „Ein Jud bleibt immer ein Jud", schrie Marcin. dazwischen. „Ihr seid betrunken", sagte Antek, ein junger-Bauer, der. schon eine Zeitung lesen konnte. : „Kusch, du Hundsblut!" donnerte, der ältereBauer rmd schlug mit der geballten Faust aus den Tisch. „Deine Ür-- großmutter mag selbst ein verfluchtes Aas von Judenweib gewesen'.sein."' " ' , ’ / ' ''. ... T . ' In der Schenke entstand ein großer Tumult. Die Stimrnen schlugen gegeneinander -und die Arme sägten durch die Luft, und alles Dazwischenrusen und Schreien und UeberschtTeieN - versank -indbrNällstM-eittW' Lärrn, 'Der -Me -bin' einz'Ws Brausen durch den rauchgesüllten Raum ging.