Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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429 Landeskinder Hungert sterben. Aber wir haben ja kein Brod, keinen Mais/keinen Raps, kein Heu. keine Rüben, gar nichts, womit sollen wir denn noch eine Ueberzahl fremder Bevölkerung ernähren,-während wir verhungern. Ich habe bis jetzt immer geschwiegen, aber nun gehen die Wasser bis an die Seele, nun muß ich auch einmal reden. In Bukarest wurden früher dreitausend Häuser im Jahre gebaut, nun nicht sechs (! Achtzig Anstreicher sind an einem Tage ausgewandert; weil es kein Brod mehr für sie gab). Warum blieben denn die Israeliten, wenn es ihnen so furchtbar schlecht bei uns geht? Warum machen sie es nicht wie die Protestanten und Katholiken, die Länder aussuchen, die eine stärkere Bevölkerung ernähren können? Man hat das arme Rumänien wegen Fremdenhaß in Verruf gebracht und bedenkt nicht, daß es reine weise Fürsorge ist, nicht mehr Bevölkerung haben zu wollen, als das arme Land ernähren kann. Fabriken wollen wir nicht, da sie Unmoralität erzeugen, und so bleibt natürlich wenig übrig. Uebrigens gibt es in der Moldau bald mehr Israeliten als Rumänen, also kann es ihnen wirklich nicht so übermäßig schlecht gehen. Warum blieben sie denn sonst, da sie doch nur eingewandert sind? Es klingt vielleicht hart, was ich sage, aber ich habe viele Nächte nicht geschlafen in der Sorge, Brod zu finden für meine Landeskinder, und da kommt dann das wiederholte Quälen der Fremden halber zur Unzeit. Wenn wir selbst zu essen haben werden, dann werden wir auch für die Fremden sorgen können. Es tut mir leid. Ihnen nichts Trostreiches schreiben zu können, aber wir sind selbst sehr unglücklich und das interessirt Niemanden; wir machen schon zum zweiten Male die schmerzliche Erfahrung: Fluten von Briefen für die Israeliten im Augenblick, wo wir jeden Mund zählen, den ivir erhalten müssen mit Ausbieten unserer letzten Mittel. Wenn man eine Festung halten will, schickt man alle fort, die nicht durchaus darin sein müssen. Wir müssen unsre Bauern und unser Vieh erhalten, koste es, was es wolle. Die Fremden, welcher Nation sie auch sein mögen, sollten sich entfernen. Man hat immer geglaubt, das sei Glaubenssache; damit hat es gar nichts zu thun, sondern mit der Angst zu verhungern und dem Wunsche, nicht einen Mund mehr ernähren zu müssen, als in das Land durchaus hineingehört. Ich war schon im Jahre 99 exasperirt über die unzähligen | Briefe wegen der Israeliten, während wir nicht wußten, ivovon wir uns selbst erhalten sollten, und was ist das Jahr 99 gegen dieses, wo es einfach an Allem fehlt und man nicht mehr weiß, wie man durch die nächsten Monate kommen wird. Es ist furchtbar, aber Niemand hat ein Wort der Theilnahme für mein, armes kleines Land. Jedermann hat sich eingebildet, hier reich werden zu können, und ist nun enttäuscht. Ich kann nicht helfen, denn ich helfe schon weit über mein Vermögen, und kann nicht noch Andre auf meine Schultern laden. gez. Elisabeth. Sapienti sat! Bit äitrftr Lrwshnung des Ifuttrn in der deutschen Literatur. Von S. Aschner. ier rede ich natürlich nicht von Gestalten der Bibel, die am Eingang jeder neueren Literatur stehen und so auch an der Pforte der deutschen. Ich meine vielmehr die Erwähnung und dichterische Formung der Figur des zeitgenössischen Juden, die selbstverständlich von hohem Wert sein muß für das Verständnis des direkten Reflexes, den die ' Judenheit vom Spiegel der Epochen empfängt. Ihre geschichtliche Stellung zu den verschiedensten Zeitabschnitten offenbart sich, scheint mir, viel eher durch solche literarische Zeugnisse als durch den Bericht der Geschichtsschreiber, der ja immer subjektiv gefärbt ist und von der beschriebenen Periode meist in etwas entfernt, wenigstens im frühen Mittelalter, von dem hier die Rede ist. Man müßte dergleichen mehr, als bisher von jüdischer Seite geschehen ist, systematisch sammeln und ordnen. Das älteste Auftreten des modernen Juden im deutschen Schrifttum ist nicht unehrenhaft und noch sehr verschieden von jenem hämischen Zerrbild, das uns fast durchweg in der späteren mittelalterlichen Literatur, namentlich in Liedern und Schwänken, so abstoßend und törrcht angrinst. Notker Balbulus, der Stammler, derselbe geniale Mönch, der eine neue Art kirchlichen Gesanges, die Sequenzen, erfand, eine Zierde St. Gallens, das wie Bethlehem in Juda klein und groß die ganze Bildung der Karolingerzeit in einem blendenden Lichtbündel wunderbar lauter zusammenfaßte, schrieb nämlich, einer Anregung Kail er Karls des Dicken, nicht des Großen, folgend. 883 seine Geschichten von Karl dem Großen. Man hat sie früher einem anonymen „Mönch von St. Gallen" vindiziert; doch heute weiß man, namentlich durch Paul v. Winterfeld, daß in seiner liebenswürdigen, heiter andächtigen Wärme zu jener Zeit nur einer fähig genug dazu gewesen ist, der Boccaccio jener herrlichen. Schwänke zu heißen, daß eben nur der Balbulus sie verfaßt haben kann. Der betreffende Schwank steht im I. Buch, Kap. 16, und hat folgenden Inhalt: Karl will einen -dummen, hochmütigen Bischof demütigen. Er veranlaßte daher einen jüdischen Kaufmann, der nach dem Heiligen Land Handel trieb und von da allerhand Kostbares einsührte, jenem Bischof tüchtig übers Ohr zu hauen. Der Jude fängt sich eine ganz gewöhnliche Maus, bereitet sie mit Spezereien zu und bietet sie dem Bischof als Reliquie aus dem Heiligen Land zum Kauf an. Das Feilschen! der beiden, das in der Tat höchst amüsant und naturwahr verläuft, indem der Jude sein kostbares Gut für das lumpige Bettelgeld nicht hergeben will und schon ganz ärgerlich seine Maus in ein kostbares Seidentuch packt und sich zum Gehen wendet, während ihn der andere zurückhält und -immer höhere Preise bietet, bildet nun den Knalleffekt der drolligen Geschichte. Schließlich wird natürlich dem Bischof die Maus angedreht, welcher hinterher vom Kaiser gebührend dafür zurechtgewiesen und beschämt wird. Die famose, höchst lebendige Charakteristik jüdischen Handelsgeistes sowie die kaiserliche Gunst, die dem Juden selbst gegen den Bischof widerfährt, sind neben dem Mangel jeglicher Judenseindschaft — Notker offenbart vielmehr deutlich, wie höchlichst ihm der geriebene Kaufmann gefällt — die eigentliche Signatur des Ganzen. An anderer Stelle, II. Buch, Kapitel 14, erfahren wir ferner, daß, wenn Handelsschiffe in südfranzösischen Häfen einliefen, nur drei Nationen dafür in Betracht kamen, nämlich Juden, Mauren, Briten. Der Schwank ist höchst ansprechtznd von Paul v. Winterfeld in seinen „Deutschen Dichtern des lateinischen Mittelalters" (1913), S. 177, 428, 488, poetisch übersetzt und besprochen. Kögel in seiner „Deutschen Literaturgeschichte" (l, 2, 246—247) meint sehr richtig, daß Karl der Große erst nachträglich in die Geschichte hineingelangt und diese Vermutlich aus dem Orient importiert ist. Letzteres ist mir indessen höchst unwahrscheinlich, sintemalenman ja nicht erst in die Türkei zu reisen brauchte, um sich pfiffige jüdische Kausleüte zu verschreiben; -es mochte auch wohl in Frankenland dazumalen hie und da vorgekommen sein, daß einem törichten Bischof eine solche Ware für teures Geld aufgeschwatzt wurde. Nein, die Geschichte ist nicht orientalisch, sondern deutsch und vom Leben selber erfunden. Wissen wir doch aus der Geschichte. wie Karl der Große, der kluge, kühle Menschenkenner-,-