Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
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428 aber nur die Zahl der Juden zu berücksichtigen wäre, die bis zur Aufhebung der Preußischen Ansiedlungstommission in Posen gewohnt haben. Aber selbst wenn dieser Maßstab nicht angewandt würde, ja selbst, wenn die Hergabe von staatlichem Land aus irgendwelchen Gründen ganz unterbliebe, so würde die Siedlung bei wohlwollender Haltung der Regierung doch möglich sein. Es müßte alsdann die Siedlungsgenossenschaft oder eine Gründungsgesellschast das Land aus privater Hand ankaufen, wobei besonders jüdische Großgrundbesitzer in Frage kämen, die mit ihren Beamten zunächst die technische Leitung beizuhalten hätten. Ter Kreditbeschaffung würde hierbei freilich besondere Sorgfalt zngewandt werden müssen. Aber nicht die Beschaffung von Land und Kredit ist hier die erste Frage, sondern die Beschaffung von Menschen. Steht eine genügende Anzahl geeignet befundener Menschen zur Landarbeit bereit, so wird sich Land und Geld von selbst finden. Notwendig sind nicht Worte, nicht Deklamationen über die Nützlichkeit und Schönheit des Landlebens, sondern Taten und Menschen, die zur persönlichen Bearbeitung des Landes bereit sind. Eine große Aufrüttelung des jüdischen Volkes muß einsetzen, eine gewaltige Propagierung des Gedankens nicht nur vom zionistischen, sondern auch vom allgemein jüdischen, christlichen und menschlichen, vom sozialen und volkswirtschaftlichen Standpunkt aus. Gleichzeitig muß aber die praktische Werbetätigkeit beginnen mit dem Ziele, an der bisherigen Grenze zwischen Deutschland und den übrigen polnischen Landesteilen die zur sofortigen Arbeit bereiten Menschen zu sammeln. Diese würden alsdann nach bestimmten . Gütern oder Ausbildungsstätten zu leiten sein. Ihrem Uebertritt über die Grenze dürsten von keiner Seite Schwierigkeiten entgegengesetzt werden. „Das Land ist mein und ihr seid Fremdlinge itnb Gäste vor mir." Das Wort des Herrn f3. Mos. 25, 23) geschah einst zu dem Volke Israel, das damals noch im Schweiße seines Angesichts fein Brot aß. Es enthält arlch die Weisung, das Land zu nutzen. Ist es ewige Wahrheit, so gilt es für alle Zeiten und für alle Welt, denn die Erde, die ganze Erde ist des Herrn. | Jakob Schleyer. | 3n der Nacht vom 22. zum 23. August, verschied der Repräsentantenvorsteher der Posener Jüdischen Gemeinde. Stadtältester Jakob S ch l eher, Stadtrat a. D., im 71. Lebensjahr. Ter Entschlafene stammte aus Rybnik in Oberschlesien. Er widmete sich dem Studium der Pharmazie und war nach abgelegter Staatsprüfung erster Provisor der Jagielskischen Apotheke am Alten Markt in Posen. Dann übernahm er daselbst die Verwaltung der Brandenburgschen Apotheke. Im Jahre 1891 etablierte er ein noch heute bestehendes Drogen- und Chemikaliengeschäft in der Breiten Straße, welches er 1901 veräußerte. 1891 wurde er i zum Stadtverordneten, 1901 zum unbesoldeten Stadtrat ge-! wählt. Anläßlich seines 70. Geburtstages (am 3. Okj toher v. I.) wurde. er durch Verleihung' der. Würde eines Stadtältesten geehrt. Er besaß auch Orden und Ehrenzeichen in reicher Zahl. Stadtältester Schleyer hat sich in der Posener Kommünalverwaltung, insbesondere auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge, hochverdient gemacht. Er war ein kluger, fleißiger Arbeiter, der sein Ehrenamt mit höchstem Pflichteifer versehen hat. solange es ihm vergönnt war. Jeder, der diesen herzensguten, prächtigen Mann, dem man das Greisenalter immer noch nicht glauben wollte, kannte, wußte ihn auch in Verehrung zu schätzen. Unter seinen Glaubensgenossen genoß er ganz besondere Wertschätzung. Er war ein'elfriger Vorkämpfer des liberalen Judentums, aber über der Parteirichtung stand ihm das Interesse für die jüdische Gesamtheit, und auch der Gegner seines religiösen Standpunktes ehrte in ihm den Mann, dessen Streben darauf gerichtet war, die soziale Lage seiner Glaubensgenossen zu heben, den Frieden in der Gemeinde zu wahren und das rege Gemeindeleben aufrechtzuerhalten. Ehre seinem Andenken. &&& Lin unoerMentlicher ßrirf von Carmen Sylvä. Von Rabbiner Tr. Gelle - (Lissa i. P.). urch den Weltkrieg ist die „Judenfrage" wieder lebendig geworden, und im Frieden zu Bukarest versuchte man eine Lösung der rumänischen Juden-frage herbcizusühren. Es hatte sich bisher die Meinung erhalten, daß das Schicksal der rumänischen Juden von den die Regierung bildenden antisemitischen Großgrundbesitzern zu einem unglücklichen gestaltet wurde, daß aber die dortige Dynastie machtlos dieser Tatsache gegenübergestanden. Insbesondere setzte man bei der verstorbenen Königin, der Dichterin auf fürstlichem Thron, Verständnis für die Leiden der jüdischen Bevölkerung und tiefes Mitgefühl mit ihnen voraus. Die Wahrheit aber gebietet es, den Schleier zu lüften und der Oeffentlichkett einen Brief bekanntzugeben, den die Königin an Frau Dr. Babette Schmidt gerichtet hatte. Diese Dame eine Verwandte von mir — hatte sich mit einem Gedicht an die Königin gewandt, ihre Aufmerksamkeit auf das unglückselige Los der Juden in Rumänien gerichtet und sie gebeten, ihren großen Einfluß zugunsten der Unglücklichen geltend zu machen. Darauf lief folgende Antwort ein: Bucare st, den 2ten Februar 1905. Ich mache nun schon zum zweiten Male die schmerzliche Erfahrung, daß immer, wenn bei uns Hungersnoth ist. Niemand auch nur eine Spur von Mitleid mit uns hat, sondern stets diesen Augenblick wählt, um uns wegen der Israeliten unausgesetzt mit Hunderten von Briefen zu quälen. Unsre Bauern sterben, unser Vieh bekommt Baumrinde, die Kinder, die sich Wurzeln aus der Erde graben, sterben in Schaaren. Das rührt keinen Menschen, und wir können sehen, wie wir fertig werden, auch wenn sie uns verdorbenen Mais von La Plata schicken. Die Protestanten und Katholiken wandern zu Hunderten aus, weil sie kein Brot mehr finden, und nur die Israeliten verlangen, wir sollen sie ernähren, obgleich untre eignen Jakob- Schleyer geb. 3. Oktober 1848 zu Rybnik, gest. 23. August 1916 zu Posen.