Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 427 - noch für lange Zeit der Urproduzent den großen Borteil vor dem Städter poranshaben wird, seine npd ßeiper' AaMilie Versorgung sichergestellt zu Wen und aus dem ' Verkauf'seiner Früchte güten'Gewinn zu' erzielen. Anderseits zwingt die Not der aus tausend Wunden blutenden KuMbmertWheit/zür Kvnzmtrierlkng der übriggebliebenen Kräfte Und schon deshalb zu einer Verkürzung des Weges vom Erzeuger zum Verbraucher. So wichtig der Händel ist, der die Erzeugnisse dorthin bringt/ wo sie fehlen/ so bolkswirtschaftlich schädlich ist der' Kettenhandel, aus dem eine große Zähl polnischer und galizischvr! Juden ein kümmerliches Einkonrme« bezieht.' 10 Mih livnen 'tote/oder verstümmelte Männer im besten Lebensalter fallen für die Gesamtwirtschaft aus- ' Da muß jedes Staat bestrebt sein, sowohl deM geschäftlichen Müßiggang wie der unrationellen Vergeudung von Arbeitskräften zu steuern, anderseits die Ausbildung zu Produktiven Berufen tatkräftig zu fördern./ Der Zeitpunkt, sich der Landwirtschaft zuzuwenden, ist daher'gerade für die Juden des Ostens durchaus günstig. Trotzdem wäre etz unrichtig, die nur im Handel und in städtischer Umgebung ausgewachsenen Ostjuden sofort in Massen auf das Land zu verpflanzen. Es kann sich zunächst nur um einen Versuch mit ausgewähliem Material handeln. Nur solche jüngere Menschen beiderlei Geschlechts sind brauchbar, die kräftig oder wenigstens an körperliche Arbeit gewöhnt sind und sich schon einige landwirtschaftliche Kenntnisse angeeignet haben. Für den Versuch einer solchen Umschichtung erscheint aber die Provinz Posen ganz besonders geeignet. Sie wird von mehreren Nationalitäten bewohnt und wird, wenn die Verhältnisse sich geklärt haben, sehr bald den wirtschaftlichen Verkehr mit Deutschland wieder aufnehmen. Es ist aber wichtig, die Aufmerksamkeit der deutschen und westeuropäischen Juden auf diesen Anstedlungsversuch zu lenken, dessen Gelingen auch von der moralischen oder finanziellen Unterstützung aller an der Lösung der Judenfrage interessierten! Menschen abhängt. Die polnische Regierung. aber wird ihren guten Willen zu dieser Lösung am besten zu erkennen geben, wenn sie für einen solchen Versuch in kleinem Umfange günstige Verhältnisse schafft. Zwei weitere günstige Umstände aber sind mittelbar durch die frühere preußische Siedlungspolitik gegeben. Zunächst ist staatliches für Siedlungszwecke bestimmtes Land vorhanden. Von dem durch die Ansiedlungskommission erworbenen Areal sind noch etwa 56 Güter und 20 Grundstücke, die in der Provinz Posen liegen und eine Gesamtfläche von etwa 40 000 Hektar aufweisen, nicht ausgeteilt. Sie sind zur Besiedlung reif und werden früher öder später, auch wenn die polnische Regierung das Anstedlungsgeschäst als staatlichen Verwaltungszweig im übrigen nicht weiterführen sollte, aufgeteilt werden müssen. ' Der vierte Teil dieser siedelungsreifen Güter liegt in unmittelbarer NähevonStädten und Städtchei« die dem Anfänger einen Rückhalt in wirtschaftlicher 'und kultureller Beziehung gewähren können, aber auch als Abnehmer von Eiern, Geflügel uudGartenprodukten in Frage kommen. Diese Vorteile werden für eine jüdische Siedlung noch größer, wennauch in der Provinz seßhafte Inden oder deren Kinder sich an dem SiMungsunternehmen" praktisch beteiligen, für die Einrichtung von'Winterschulen/' Lehrkurse« und ähnlichen VeranstalWngen sorgen-und das'Jnteresie an dem Gedeihen der Siedlung wachhalten. ' > Dies führt zu dem zweiten Gesichtspunkt, dev wesentlich ans inneren Gründe« für einen Versuch in Posen spricht/ '-Der Kampf um den Boden hat in. den preußischen Ansiedluu'gs- Provinzen zur Bildung selbständiger, ’ nach Nationalitäten abgegrenzter- Gemeinden' geführt, die sich als örtliche'Einheit aüch ivirtschaftlich zusammengeschlossen haben. .Auf deutscher Seite erfolgte dieserZÄsaMW-nschluß iUNMWbdÄ-GerMkdem« ä ch /tili/' i sr!! :"i; ■' / krM j< c' \ K depHoWdiHund per Austeilung unter staatlicher Aussicht und Unterstützung... Die Sicherung des Kredits war der erste Schrjtt, chr diente die Errichtung von Spar- und DarlehnsgenvssenschaftM Es folgten die Bezugs- und Absatzgenossenschasten, die.de« vorteilhaften Ein- und Verkauf, die Betriebs¬ und ''Produktivgenossenschaften, die die Gewinnung und Verarbeitung einzelner Rohprodukte aus genossenschaftlichem Wege bezwecktem Auf polnischer Seite, da staatliche Mittel nicht zur Verfügung standen/ begann dev Zusammenschluß naturgemäß schon vor. denz Erwerb des Gutes und setzte sich bei der Parzellierung, dem Einkauf und der Verwertung der Erzeugnisse fort. Aus. den Kreditgenossenschaften (banki ludowe) entwickelten sich die roloürs (Ein- und Verkaufsvereine) und schließlich die Parzellierungsbanken. Die verschiedenen Institute waren unter sich wiederum zu dem großen polnischen Genossenschaftsverband zusammengeschlossen. Dies hatte zur Folge, daß das polnische Genossenschaftswesen sich nicht nach bestimmten Systemen entwickelte, sondern z. B. von Raiffeisen und Schul,ze^Delitzsch nur das nahm, was ihm brauchbar erschien, daß 'anderseits die Einheitlichkeit im Innern nach nationalen und später auch kirchlichen Gesichtspunkten viel stärker gepflegt wurde. Hier hat nun die jüdische Siedlung einzusetzen. Sie kann die bisherigen Formen genossenschaftlicher Zweckvereinigungen übernehmen, sie kann aber auch den ganzen landwirtschaftlichen Betrieb auf genossenschaftliche Grundlage stellen und den praktischen Versuch der Durchführbarkeit der Vorschläge von Franz Oppenheimer machen, der die landwirtschaftliche Arbeiter-Produktionsgenossenschaft oder die Siedlungsgenossenschaft eifrig befürwortet. Des näheren hierauf einzugehen . verbietet der Raum. Nur mag bemerkt werden, daß. eine solche Wirtschaftsgemeinschaft in der heutigen Zeit, die auf Steigerung der Produktion inerster Linie Bedacht nehmen muß, jedenfalls den Vorteil bietet,^ daß sie den technischen Großbetrieb, zunächst auch unter der bisherigen fachkundigen Leitung, unberührt läßt und die Austeilung des Gutes an Parzellenbesitzer, deren Tüchtigkeit nicht erprobt ist, vermeidet. Der Durchführbarkeit des Gedankens wird vielfach der Einwand entgegengestellt, daß die antisozialen Triebe in der Welt die sozialen überwiegen. Aufgabe des. Zionismus wird es sein, diesen Einwand, soweit jüdische Siedlungen in Frage kommen, zu widerlegen, denn den Boden von Palästina soll ja der Jüdische Nationalfonds zu unveräußerlichem Volkseigentum erwerben und den einzelnen Genossen nur zu produktiven Zwecken zuteilen. Der Beweis, daß der soziale Gedanke im jüdischen Geiste besonders verwurzelt ist, kann aber am wirksamsten dadurch geführt werden,, daß die jüdischen Siedlungen eine sittlich, geistig und wirtschaftlich hochstehende Landbevölkerung schaffen, die sich von den bisherigen Bedingungen der Gewinnerzielung befreit und von dem gleichen Geist der Unterordnung unter das Gemeinwohl beherrscht wird. Tie jüdische Siedlung bedeutet nicht nationale Absondsrung.,. Nicht die Abschließung von anderen Bevölkerungsklassen soll ihr Zweck sein, sondern freie Entfaltung wirtschaftlicher und kultureller Eigenart zum Wvhle des Ganzen. Faßt man in dieser Weise die,Nationalitätensrage auf,.so kann man" für die Hebgabe von staatlichem Land aus dem Areal der bisherigen Ansiedlungskommission wohl auch den Umstand geltend machen, daß die Juden in dem preußischen Ansiedlungsbezirk zwar zu den Kosten der staatlichen Anstedlung beigetragen habe«, ohne jedoch bisher bei der Ansiedlung berücksichtigt worden zü sei«/ wofür allerdings die Ansiedlungskommission keine' Schuld/ trifft. Insoweit wäre man berechtigt, aus der stärke der Nationalitäten den Maßstab für den Umfang des ßm' Verfügung zu stellenden Landes zu unternehmen, wobei