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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-19 · Heft 38 (19.9.1919) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 38 (19.9.1919)
Date
1919-09-19
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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426 bk dem russischen Judentum nach dem Sturz der PolschewiHerrschast drohen. Der Kapitän weiß wohl, baß die Agende vondeP'Jbeütität der Bvlschewiki mit den Juden grundlos ist. Ebenso wie es einen Trotzt:, Sinowjew und Kamenew gibt, gibt es -auch einen Lenin, Tschitscherin und L-unotscharski. Die Agitatoren der Weißen Garde benutzen aber die Legende, mn die Massensür ihren Kampf gegen die Bolischewiki zu gewinnen und den Antisemitismus sür ihre Zwecke dienstbar zu machen. Die Erfahrung zeigt, daß diese Agitation, von Erfolg gekrönt wird. Ein energisches Eingreifen der Alliierten tut schon jetzt not, um der Agitation der Weißen Garde die gefahrvolle antisemitische Tendenz zu nehmen. Seiner Meinung Nach sind gegenwärtig die Alliierten nicht über das Ausmaß und die etwaigen Folgen der antisemitischen Agitation der Antibolschewiki informiert. Ln Kunst? Don Neßler-Cohn. oben die deutschen Juden eine Zukunft? Fast möchte man, unter den gegenwärtigen Umständen, es strikt verneinen. Vor der Zukunft, die das verhüllte Sais-Bild darstellt, steht allezeit ein Fragezeichen. Doppelt fragwürdig erscheint sie uns jetzt. Der mit düsteren Wolken unchangene Politische Horizont null sich noch nicht klären. Seit fünf Jahren leben wir Deutschen unter einem schweren Bann. Was wird der nächste Tag, die nächste Stunde uns bringen? . . . Die Unsicherheit alles Bestehenden im Reiche wuchtet als eine nicht abzuwerfende Bürde auf jedes Denkenden Gemüt. Potemkinsche Dörfer wurden uns vorgezaubert, Siegestrophäen vorgeführt, und von den Dächern und Altanen wehten lustig die Siegesfahnen . . . Die Schuljugend genoß frohe Tage; verwilderte. Geschwunden ist der Talmiglanz der jüngsten Periode. Tie Siegesfahnen sind eingezogen, die Fanfaren verstummt. Eine tiefe Depression hat im Volke Platz gegriffen. Zur kleinen Auffrischung der gedrückten Stimmung ertönen Fanfaren anderer Art. Man erlnstigt sich damit, auf die jüdischen Mitbürger zu hetzen . . . Pogrome an die Wand zu malen! Dafür wird fleißig gesammelt. Der Klingelbeutel liefert reiche Erträge. Andere Sammlungen zugunsten der Verwundeten, der Blinden, der Kriegswitwen und -Waisen sind weniger glänzend ausgefallen. Den Löwenanteil durften die verf. . . verlästerten Juden, die Fremden — beisteuern. Auch für Weihnachtsgaben, für Wissenschaft und Kunstzwecke, überall überließ man. es gern den Juden, sich hierbei zu betätigen. Diese taten ' es und arbeiteten mit Begeisterung für.. jeden edlen und/ schönen Zweck mit. Willig brachten die Juden ihreZeit, ihr Geld, und auch ihre männliche'Jugend dem Vaterlands zum Opfer dar. Der Lohn ist nicht äusgeblieben. Man wähnt sich nach Rumänien, nach Rußland versetzt, man glaubt aber keinesfalls sich im hochkultivierten Deutschland..zu befinden. Tie Feinde der deutschen Judenschast — deren Zahl Legion würden gar zu gern nach dem erhabenen Vorbild von Ferdinand und Jsabella und deren edelgearteten Seelsorger Torquemada in Spanien gegen die jüdische^Bevöbkerllng Vorgehen. Mau denke: 65 Millionen gegen 660 000 Judenieelen; dazu gehört Mut! Im alten Rom inszenierte der römische Rat Stierkämpfe: unbequeme Bürger ließ man. als Gladiatoren mit den ausgehungerten Stieren in der Arena kämpfen — man sandte sie zur Abwechselung in den Löwenkäfig — alles zur Erlustigung des eivis romanus. Heutzutage treten pcn die Stelle dieser klassischen Volksbelustigungen — .Judenhetzey: von einer Roheit, Mordgier.und Leser. ^Unkultur -.Wgend^- daß selbst das Mittelalter noch gut dabei abschneidet.' DäS deutsche Wesen, ein .Vademekum für andere Pölkex. — .zeigt-Ach vom von einer wahrhaft bewunderuswertea (?) .Geiste^!; -Es stülpt sich die Narrenkappe auf, macht Deich ^new Hapler' kin seltsame. Sprünge. Die gebildete Welt beider Heyrisphären schaut - Hem,, nie gesehenen Schauspiel in Deutschland.mit geteilten, Gefühlen zu. — Es ist ein Wechsel auf lange Dicht,, her da. ausgestellt wird — allein der Verfalltag dürfte keineswegs^ einen - Festtag für das Reich bedeuten.; .; v, : : r v,r .v Leider ist eine wohlmeinende, jedach an Mitteln, schwache Regierung nicht imstande, dieses Fiasko, ,$uverhindern.'-:::: Ob Sieg oder Niederlage, ganz gleich — der Antisemitismus sucht daraus Nutzen zu ziehen.- Schon 1871, wo nach siegreichem Feldzuge gegen Frankreich sich ein Freudenrausch der deutschen Bevölkerung bemächtigte, entstand em .Kesseltreiben gegen die Juden. Raphael Löwenseld, der spätere Begründer des Berliner Schiller-Theaters, ließ eine Bryschüre km Druck erscheinen: „ H e l f e n wir uns s e l b st.!. Auch gegenwärtig, wo uns anscheinend von keiner Seite irgendwelche Hilfe zuteil wird, müssen wir Mittel und . Wege finden, das Unheil, welches sich mit jedem Tage mehr verdichtet, von uns abzuwenden. Vielleicht tut sich eine Gasse auf: vielleicht wandern wir Juden ungefährdet durch ein neues Rotes Meer — und unsere Verfolger vermögen uns nichts anzuhaben. — Niemals wird das jüdische Volk zugrunde gehen; es ist ewig wie die Naturgesetze, und es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels! Die ernsten Festtage, denen wir nun entgegengehen, sind ganz dazu angetan, unseren Blick nach oben zu richten. Wir stehen wiederum an der Jahreswende. Die vorhergehenden Kriegsjahre haben schweres Leid über die Menschheit gebracht, und nun, während des Ueberganges. herrschen noch Unsicherheit und ungeklärte Zustände vor. Damit muß man rechnen. Aufrecht bleiben, Unrecht abwehren, treu dem angestammten Glauben und solidarisch Hände l n. Das konrmende Jahr wird dann manches heilen. Lur Mtjudrnkragr). (Posen als Siedlungsland.) Don Landgerichtsrat S e l l o .(Posen). . (Schluß.) . , nt engen Zusammenhang mit der Fähigkeit -.steht 1 die B erei tsch a f t zur landlvwtschaftlichen, .Täiig- . feit. : Der Mensch wird stets den. Berns - - MtzoK-' zugen. für den er : die - größte Begabung~ besitzt^. ifefe*« nicht wichtige Gegenvorstellungen seinen WMn-beeinflussen, Zu -diesen Borstellungen gehört aber für euren großen Teil der Juden neuerdings verstärkt'diePalLsti-na-Hofsnnng.'.--.Auch) der Zionist ist überzeugt, daß fürdig- Berwirktichnüg. sstiW.r Wünsche die Vorbereitung des - Volkes- > gbenso wichtig- W wie die Vorbereitung des Landes. Und mancher-Freund, der-, Regeneration des jüdischen' Volkes halt es für. nötig» daß die. Frage, ob die Juden geeignet) sind in,-größeren Massen Pa-, lästina zu besiedeln, von Menschen entschieden -wird-- dieansich selbst oder ihren Kindern die Eignung zur-(landwirtschasd. lichen Tätigkeit erprobt haben. Dieses Ziel allein-wird -für viele Juden genügen, um auf den, ihnen mehr zusagenden Handelsberus zugunsten der mühevolleren, L-andwirtschaftzu. verzichten, Eskommt nun aber hinzu, daß sich.in den letzten) Jahren die Gewinnaussicht des Landwirts gegenüber., hrr-- jenigen verbessert hgt- und, daß, ■ TTrr~^.y-,?»')m••,.;l-st:i* a h 1f b/ :£/•;i-.‘o; v,*) -tt;- Nr. 4/5, Mai/Jun'i 1919. 1, Jahrgang.

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