Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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.425 Herr Justizrat Dr. KaemPfer, der Führer der Liberalen Partei, in seinen Begrüßungs-w-orten auf die schweren Sorgen der Posener Judenschaft hinsichtlich der zukünftigen Gestaltung ihres politischen und wirtschaftlichen Loses hin. Herr Botschafter M o r g e n t h a u sprach über die Aufgaben der von ihm geleiteten, nach Posen entsandten amerikanischen Mission, gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß unter der Kontrolle des Völkerbundes beiderseitiges Verstehen die Polen und die Juden näher zueinander bringen werde, und sprach schließlich die Hoffnung aus, daß die Juden es verstehen würden, die ihnen durch den Pariser Friedensvertrag erkämpften Rechte zu verwirklichen. Ein führendes Mitglied der Gemeindevertretung dankte dem Botschafter für seine Mitteilungen, konnte aber unter Hinweis auf die Erfahrungen der Vergangenheit die Befürchtung nicht.unterdrücken, daß trotz der Verheißungen und Versprechungen die wahre Gleichberechtigung der Juden in Polen sehr schwer werde erkämpft werden müssen. Botschafter Morgenthau beruhigte die Versammlung, verabschiedete sich hierauf von den einzelnen Mitgliedern der Gemeindebchörden und reiste mittags nach Marschau zurück. Gestern abend hatte er der hiesigen Amicitia-L>oge und heute vormittag dem Jüdischen Volksrat einen Besuch abgestattet. Der Empfang von Morgenthau in Lublin. Das Jüdische Preßbureau aus Stockholm teilt mit: Die polnische Tageszeitung „Tziennik Nowh" berichtet über den eigenartigen Empfang, der dem Leiter der von Wilson geschickten amerikanischen Untersuchungskommission Ambassadeur Morgenthau in Lublin bereitet wurde. Kein einziges Hotel wollte dem Ambassadeur Raum gewähren. Das Auto wurde von Straßenjungen umzingelt, die ihm antisemitische Schimpsworte zuriesen. Morgenthau war ge-- zwungen, ohne die Untersuchungsarbeit unternommen zu haben, Lublin zu verlassen. Morgenthau in Galizien. Nach seiner Rückkehr aus Pinsk begab sich Morgenthau mit einigen Mitgliedern seiner Kommission nach Czenstochau und Krakau, von wo die Kommission sich nach Ostgalizien begibt. In Krakau empfing Morgenthau die jüdischen Pressevertreter zum erstenmal zugleich mit den Vertretern der polnischen Presse. Es ist interessant, daß Morgenthau die Beantwortung gewisser an ihn gestellten Fragen direkt ablehnte. Auf die Frage des polnischen Journalisten Dr. Tarlinski, ob Morgenthau die Juden als Nation oder als Religionsgemeinschaft ansehe, erklärte Morgenthau, daß er in dieser Beziehung keine Instruktionen erhalten und die Kommission bei ihrer Untersuchung sich mit dieser Frage nicht zu befassen habe. Er lehnte auch ab, seine persönliche Meinung zu äußern, und überdies sei dies eine Frage der inneren polnischen Politik. Ans die weitere Frage Tarlinskis, als was der Friedensvertrag die Juden ansehe, erklärte Morgenthau, daß er nicht zu den Verfassern des Vertrages gehöre und daß die Liga der Nationen in Genf diese Frage mit der Zeit entscheiden werde. Im weiteren Gespräche erklärte Morgenthau noch, es ereigneten sich in Polen schauderhafte Vorfälle, die die Polen selbst bedauern. „Im Zusammenhänge damit muß ich, nachdem die Vertreter der jüdischen Presse .diese Frage nicht stellen, von selbst betonen, daß die Juden nicht übertrieben haben. Pinsk war etwas.Furchtbares. 34 Juden, die Besten und Intelligentesten der dortigen jüdischen Bevölkerung, die vollkommen unschuldig waren, wurden kalten Blutes an die Wand gestellt und erschossen. Dies erinnere an das finstere Mittelalter." Morgenthau Wer die Lösung der polnischen Jndenfrage. Morgenthau besuchte nach seiner Rückkehr aus Pinsk die in Warschau tagende zionistische Landeskonferenz, wvbei er folgende Begrüßungsrede hielt: „Es naht die Zeit, wo wir Juden unser Recht erhalten werden, aber wir müssen noch viel arbeiten, um die ganze Judenfrage zu lösen. Ich bin kein Zionist, aber auch kein Gegner des Zionismus. Ganz Amerika ist dafür, daß den Juden die Möglichkeit geboten wird, in Palästina ihr Heim zu gründen und dort ihre Sprache, Literatur und Tradition zu entwickeln. Die Juden Amerikas, die alle Rechte genießen, können den Zionismus nicht so gut begreifen wie ihre osteuropäischen Brüder. Wir glauben, daß die Judenfrage im allgemeinen nicht nicht gelöst werden kann, bevor nicht die.Frage der acht Millionen Juden Osteuropas ihre Lösung gefunden hat. Es war ein Fehler, daß die reichen amerikanischen Juden dem Zionismus nicht näher standen. Ich möchte die Plattform finden, auf der sich alle Juden vereinigen könnten. Nur derjenige, der das große Elend, das hier herrscht, steht, kann es verstehen, wie notwendig so eine Plattform ist. Man muß in Amerika begreifen, daß nach Palästina höchstens drei Millionen Juden auswandern können. Es bleibt also die Frage, was man mit den übrigen Millionen machen soll, die in Polen und Rußland verbleiben. Nur die reichen Juden Amerikas, Englands und Frankreichs können und müssen dem osteuropäischen Judentume Helsen. Nur durch ein genaues Studium kann die Judenfrage gelöst werden. Wenn eine spezielle Kommission ein Jahr lang die Verhältnisse studieren und dann mit der polnischen Negierung einen Plan ausarbeiten wird, werden wir sicherlich die Früchte dieser Arbeit genießen. Nur dann, wenn eine Plattform geschaffen wird, die ein Zusammengehn aller Parteien ermöglicht, wird die jüdische Frage gelöst sein." * Juristische Betrachtungen zur Entsendung der Pogrom-Untersuchungskornmiisiorren. . Nachdem bereits Amerika einen Juden, den Botschafter Henry Morgenthau, zum Vorsitzenden der nach dem Osten entsendeten Pogrom-Untersuchungskommission ernannt hatte, betraute dieser Tage auch England in der Person Sir Stuart S a m u e l s ebenfalls einen Juden mit einer ähnlichen Mission. Der juristische Fachreferent der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" knüpft hieran folgende Betrachtungen: In der Gesetzgebung aller Staaten findet sich ohne Ausnahme der Grundsatz, daß in einer Sache kein Richter urteilen darf, dessen absolute Objektivität angezweifelt werden könnte. Der Richter darf also mit keiner der Parteien irgendwie verwandt sein. Würde es sich nun bei den Untersuchungen über die Pogrome um eine richterliche Tätigkeit handeln, so hätte sicherlich weder Amerika noch England einen Juden zur Untersuchung nach Polen entsandt. Die Ernennung von Juden beweist daher, daß die westlichen Demokratien die Polen und Juden nicht als prozessierende Parteien betrachten. Es handelt sich hier nicht um Feststellen der Schuld, auch nicht um Fällung eines vermittelnden und ausgleichenden Schiedsspruches, sondern lediglich um die in das Gebiet der Verwaltung einschlagende Tätigkeit der Feststellung der Tatsachen, Art der Behandlung, Höhe der eventuellen Gutmachung des Schadens und last not least um die Beruhigung der unglücklichen und mutlosen jüdischen Massen. Während beim Fällen eines Urteils auch bei größter Objektivität und Charakterstärke des Richters dessen Subjektivität, seiner Stammesverwandtschaft wegen, im Unterbewußtsein sich nicht ganz unterdrücken ließe, ist es bei der rein administrativen Tätigkeit der Pvgrom-Untersuchungskommisstonen für die auftraggebenden Staaten ausreichend, von der Wahrheitsliebe, Gewissenhaftigkeit und, wenn man so sagen darf, Beamtentreue ihrer Beauftragten überzeugt zu sein. Uyd diese wird kein Amerikaner oder Engländer bei Morgenthau oder Samuel anzweifeln. Die Tatsache des Schlagens, ferner wer Schläger und Geschlagener ist, steht eben fest, bedarf keines Urteils. Daß die Schuld nickst auf seiten der Juden liegt, nehmen England und Amerika als feststehend an. Alle übrigen Erhebungen sind nur administrativer Natur. Dieses Gefühl herrscht bei allen ausnahmslos vor. Auch ein Nichtjnde dürfte sich kaum vorstellen können, daß ein amerikanischer oder ein englischer Pole zum Vorsitzenden dieser Kommission hätte ernannt werden können. Ein solcher würde eben versuchen, an Stelle des bereits rechtskräftigen Urteils, ein neues Urteil zu füllen, und dies ist nicht Zweck dieser Kommissionen. Die Westmächte entsenden also keine Richter oder Vermittler, sondern lediglich beglaubigte Notare nach Polen. Die judenfeinpliche Propaganda der Weitzen Garde in Rmtzland. Der Führer des dänischen Freiwilligenkorps in Rußland, Kapitän Niehols, der in der Weißen Garde jetzt im Kampf gegen die Bolschewiki steht, gewährte in Kopenhagen einem jüdischen Korrespondettten ein Interview, in dem er unter anderem auch über die Gefahren sprach.