Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
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424 jüdischer Konfession in unsere Waisenpflege zu übernehmen, was bisher nicht der Fall war. Die Bedingungen sind dieselben wie bei den evangelischen b-M. katholischen Waisen, insbesondere muß die satzungsmäßige Voraussetzung erfüllt sein, daß der Vater bis zu seinem Tode einem Kriegerverein des Bundes angehört hat bzw. noch angehört, falls er noch am Leben ist. Unseren Verbänden und Vereinen geben wir hiervon Kenntnis mit dem Anheimstellen, uns bezügliche Anträge vorzulegen." # Hintermänner der Pogromhetze. Auf Veranlassung des Staatskommissars für die Ueberwachung der öffentlichen Ordnung ist in letzter Zeit gegen eine Anzahl von Stellen vorgegangen worden, die als die Ausgangspunkte einer systematischen Pogromhetze anzusehen sind: den „Ausschuß für Volksausklärung", Berlin, Köthener Straße 45 (Vorsitzender Richard Kunze), den „Volksbund", Berlin, Potsdamer Straße 1 (im Vorstand gleichfalls Richard Kunze), den „Großdeutschen Volksbund", Berlin, Köthener Straße 19 (im Vorstand Ingenieur Josef Pelzer). Der „Vorwärts" vom 10. d. M., bringt hierüber folgenden Bericht: Bei einer Durchsuchung der Bllreauräunllichkeiten wurden etwa 127 000 Flugblätter beschlagnahmt, die reiches Material über die aufhetzerische Tätigkeit der genannten Verbände enthielten. Sie sind außer von diesen noch verbreitet worden vorn „Deutsch-Völkischen Bund" (Hamburg), vom „Deutschen Schutz- und Trutzbund" (Hamburg), von der „Deutschen Erneuerungsgemeinschaft" (Leipzig), von der „Deutschen Vereinigung für Wahrheit, Volksausklärung und Volksgesundung" (Leipzig), vom „Hammerverlag" (Leipzig). Besonders hervorgetan hat sich bei der Verbreitung ein Robert Christ, Berlin, Linkstraße 26, der auch die Verteilungsstelle für Flugblätter des „Deutsch-Völkischen Bundes" unter sich hat. Ferner wurden auch einige Kisten mit Gummiknüppeln vorgefunden. Gegen Kunze ist wegen seiner Propaganda für die Verwendung von Gummiknüppeln ein Strafverfahren eingeleitet worden. Er hat die Knüppel als geistige Waffe sowohl in einer Versammlung im Askanischen Gynmastum mündlich empfohlen, wobei er Muster vorzeigte, als auch durch eine Annonce, die sich dauernd im „Deutschen Wochenblatt" befand. Schließlich sind auch Briese von ihm im Besitz der Anklagebehörde, durch die er persönlich seinen Gesinnungsgenossen die Knüppel anbietet. Kunze behauptet jetzt, erhöbe die Benutzung der Knüppel „nur zu Verteidigungszwecken" empfohlen, was aber durch Ohrenzeugen der Versammlung, tm Askanischen Gymnasium widerlegt wird. Es dürfte nun interessieren zu erfahren, wer eigentlich hinter Richard Kunze, dem ehemaligen Generalsekretär der Konservativen Partei, und seinem „Ausschuß für Volksausklärung" steht. Dies ist keineswegs das angeblich elementar erregte deutsche Volk, sondern es sind — mit Ausnahme einiger Renommierarbeiter — Herren von wahrhaft feudalen: Ursprung, die früher mit dem Volk nicht viel zu tun haben wollten. Mit dem Ausschuß für Bolksaufklärung verbunden ist nämlich eine „Hauptstelle für Aufklärung", die ihren Sitz im gleichen Hause hat und der das Sammeln von Geldmitteln im großen obliegt. Ihre Hauptmacher sind der Rittergutsbesitzer Karl Förster, zurzeit Berlin, Bernburger Straße 19, Korvettenkapitän a. D. Georg v. Zitzewitz, Bertin-Halenfee, Zoachim-Friedrich-Straße 50, Hauptmann a. D. Christoph v. Krogh, Friedenau, Stubenrauchstraße 17, Arbeiter Kurt Hinz, Berlin, Göbenstraße 12, Faktor Joses Gläser, Berlin, Claudiusstraße 6. Diese Hauptstelle wendet sich - meist durch Vermittlung des Rittergutsbesitzers Förster — an die Rittergutsbesitzer in Ostelbien mit der Bitte um Geldspenden. Im westlichen Teil geht man dagegen die Großindustrie an. Interessant ist in dieser Beziehung die Mitteilung des Direktors einer großen chemischen Fabrik, wonach der gesamten Großindustrie ein Rundschreiben zugegangen ist, in dem die Inden als die Schuldigen am Unglück des Vaterlandes bezeichnet werden. Deshalb werde zum Kampf gegen das Judentum aufgejvrdert; jeder Industrielle sollte der Höhe seines' Einkommens ent-! sprechend herangezogen werden. Der betreffende Großindustrielle 'wurde selber mit 900 Mark „besteuert"; er hat energisch protestiert, weiß aber bestimmt, daß dem Aufruf von der Masse der Großindustriellen Folge gegeben worden ist. Eine weitere Filiale der Bewegung befand sich in Frankfurt a. M., gegen deren Hauptführer, einen Oberpostsekretär Reimuth, jetzt ein Strafverfahren schwebt, weil er den Führer des dortigen Marinesicherheitsdienstes durch Anbiet: n von Geld zu Pogromen zu veranlassen gesucht hat. Das ist nicht überraschend, haben doch die oben genannten Stellen trotz aller Verbote und Gegenerlasse immer wieder Versuche gemacht, die Pogromhetze auch in die Reichswehr zu tragen. Jedenfalls steht das eine fest: Gespeist wird die Bewegung vom Geld der Großagrarier und Schwerin,dustriellen. Danach weiß das -deutsche Volk zur Genüge, was es davon zu halten hat und was letzten Endes Ziel und Zweck der ganzen Bewegung ist: auf dem Wege über Judenpogrom Sturz der Republik und Wiederherstellung der reaktionären Herrschaft. * Eine zeitgemäße Erinnerung. Aus Kassel wird unsgeschrieben: Einen Erlaß, der en. Jahrhundert -alt ist, aber nichts an Aktuellität eingebüßt hat, enthält das „Großherzoglich Hessische Regierungsblatt" Nr. 10 vom 8. September 1819: „Polizeiwidrige Angriffe gegen Israeliten betressend. Eine schmerzliche Erfahrung hat gelehrt, daß die unwürdigen u-nd strafbaren Unternehmungen, welche sich der Pöbel in einem deutschen Orte gegen die Rechtssicherheit der Israeliten erlaubt hat, als ansteckendes Beispiel auch auf andere deutsche Orte zu wirken vermochte, so wenig man auch dieses in einem Zeitalter hätte erwarten sollen, in welchem man mit Aufklärung und liberalen Gesinnungen so gern zu prunken pflegt. In dem Umfange des Großherzogtums haben zwar bisher nur noch wenige und unbedeutende Unordnungen dieser Art stattgesunden, und bei den stattgesu irdenen hat man die angenehme Bemerkung zu machen Gelegenheit gehabt, daß kein solider rechtlicher Bürger und kein achtbarer Familienvater Anteil genommen hat; es bleibt aber immer heilige Pflicht der höchsten Staatsregierung, durch kräftige Maßregeln dem ferneren Entstehen aller solcher Unordnungen vorzubeugen und dadurch den Schutz der Rechte zu gewähren, -aus welchen jeder Angehörige des, Staates, ohne Unterschied der Religion und des Standes, gleichen Anspruch hat. Aus dieser Rücksicht haben Seine Königliche Hoheit der Großherzog gnädigst zu verordnen geruht, daß in Zukunft für jeden Schaden, welcher den Israeliten bei Zusammenrottungen und Aufläufen zugefügt werden würde, die Gemeinden verantwortlich sein sollen. Indem man diese Allerhöchste Entschließung hierdurch zur Kenntnis des Publikums bringt, merkt man zugleich, daß mau auch ferner daraus vorzüglich rechne, daß die Familienväter fortfahren werden, ihre Hausangehörigen, Kinder, Untergebene und Dienstboten auf das Unvernünftige und Verächtliche solcher Ausbrüche des Hasses oder eines gefährlichen Mutwillens aufmerksam zu machen, und man glaubt, daß der vernünftigere Teil des Publikums in jener Entschließung ein kräftiges Mittel zur Unterstützung der häuslichen Zucht erkennen werde, in-dem nunmehr auch der Unbesonnenste begreifen lernen wird, daß die nachteiligen Folgen der Störung der öffentlichen Ordnung nicht die ausgewählten Opfer treffen, sondern - vielmehr auf ihn selbst und aus -diejenigen zurückfallen werden, mit welchen er innig verbunden ist. Darmstadt, den 4. September 1819. Aus besonderem Allerhöchsten Aufträge. Gez.: Großherzoglich - Hessisches Geheimes Staatsministerium." * Morgenthan in Posen. Aus Posen wird uns unter dem 7. September geschrieben: Anläßlich des Besuches des anierikanischen Botschafters Vt o r g e n t h a u fand hellte eine Sitzung des Gemeindevorstandes und der R e p r ä s e n t a ntenvers a m m l u n g statt, zu welcher Morgenthau erschienen war. Der Sitz des vor wenigen Tagen verstorbenen Vorstehers der Repräsentantenversammluug, Stadtrat Schleyer, war verwaist. Namens des Gemeindevorstandes begrüßte dessen Vorsitzender, Herr Israel Fried- ■ (ti it der, Herrn Morgenthau in der Mitte der Gemeindebehörden, indem er aus die historische Bedeutung der Synagogengemeinde I Posen Bezug nahm. Namens der Repräseutantenversammlung wies