Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*5&rfcmnte. Erst die Ta u f e sprengte die Pforten zu dem Prvfessorenparadies einer deutschen Universität. J s ' Und das blieb so bis in die Neuzeit.hinein.'_ Und all die Jahrzehnte hindurch billigten. die. deutschen. Universitäten als die „Hüterinnen Ewiger Werte..dser.Zivjli-s sation und Moral" den denkbar unmoralischsten Zustand, nämlich, daß zum Universitätsberus qualifizierte Männer erst i Treubruch und Verrat an ihrer Glaubensgemeinschaft be-? gehen und die Taufe annehmen mußten, bevor sie geeignet befunden wurden, alle Würden, Ehren und Aemter zu erlangen, welche die Universität ihren Angehörigen zuteil' werden lassen kann. Wenn nun die deutschen Universitäten wirklich Hüte-, rinnen der Zivilisation und Moral, von Wahrheit und Gerechtigkeit, deutscher Geschichte und Kultur sind und waren—; wie dursten sie innerhalb ihrer eigenen Mauern und engeren Kreise, in denen sie doch souverän wären,? solche unerhörten, jeder Gesittung und Moral hohnsprechenden Vergewaltigungen an Männern dulden, die doch beruflich ihresgleichen, moralisch, sittlich und wohl, auch wissen-s schastlich ihnen ebenbürtig und nur konfessionell von.ihnen getrennt waren? Von jeher galten, selbst in. Preußen-Deutschland, die Universitäten als die sreieste Körperschaft eines Kulturstaates, unabhängig selbst gegenüber den höchsten Staatsgewalten. Um so mehr hätten sie eine Ungerechtigkeit gegen ihre Standesgenossen jüdischen Glaubens beseitigen müssen, die zum System evyoben worden war und jeder „Zivilisation und Moral, Wahrheit und Gerechtigkeit" ins Gesicht schlägt. So lange man in seinem eigenen, engsten Kreis noch so vieles Unrecht duldet und sogar hegt, ist man nicht berechtigt, sich als Hüter der höchsten Menschheitsgüter der Welt gegenüber zu bezeichnen. Und nun eine Reminiszenz. Im Sommer 1870 leerten sich die Hörsäle der deutschen Universitäten, weil die Studenten zu Tausenden freiwillig in den uns ausgezwungenen Krieg gegen Frankreich zogen. Auch damals gab es urplötzlich keine Parteien, keine Juden und Christen, also auch keine Germanen und Semiten mehr, nur noch Deutsche. Und so zogen wir jungen Juden mit hinaus in den Krieg, wie 1914 unsere Söhne. Fünf Jahre später, nachdem die Sozialdemokraten das Ausweisungsgesetz und dann die Katholiken den „Kulturkampf" hatten zu spüren bekommen, begann es gegen die Juden zu kriseln; genau so wie heute. Erst in der Tagespresse, wo zum erstenmal das Wort Semit für Jude geprägt und angewandt wurde, dann in Versammlungen, im Reichstag, im Abgeordneten- und Herrenhaus und nicht zuletzt in den Universitäten, wo überall der Antisemitismus als „Weltanschauung" (!) und patriotische Pflicht angepriesen wurde. Die Bänke der Hörsäle deutscher Universitäten wurden mit unzähligen, unflätigen, die Juden beschimpfenden Inschriften, Karikaturen und Reimen verschmutzt und auf solche Weise dauerhafte Lehrmittel des Antisemitismus für Jahrzehnte hinaus und für noch kommende Generationen von Studierenden. Uns jüdischen Studenten von damals erwuchsen schlimme Zeiten mit noch schlimmeren Feinde»; unsere früheren Kriegskameraden waren haßerfüllte Judenfeinde geworden, gegen die wir keinen Schutz bei den Hüterinnen von Moral, Wahrheit und Gerechtigkeitfanden, nicht einmal gegen tätliche Mißhandlungen! -Proteste und Beschwerden an Dekane, Rektoren und Senat hatten keinen Erfolg, wurden öfter sogar von diesen mißbilligend zurüctgewiesen. Und in der Reichshauptstadt Berrlin wurden fast tagtäglich, an derselben Stelle, an der Heute .das Standbild Treitschkes steht, jüdische Studenten-von einer starken Ueberzahl christlicher „Kommilitonen"; mit uteAto-, nss'hem Mut angegriffen und verprügelt. Jüdische Pro- Moren ' über wurden von ihren christlichen Ämtskollegen mehr noch als zuvor geschnitten. Ob, die „getauften Jnden-- professören" 7 - wie,der Studentemvitz die .mehr öder weniger gelehtteir 'und getauften und selbstverständlich . alsbald 0 rd endlichen Universitätsprofessocen nannte - von den Hütern von Moral, Wahrheit und Gerechtigkeit freundlicher behandelt wurden, ist nicht bekannt. (Vielleicht kann der Phyfiologieprofesfor Na thttn Zuntz, der sich gleich- ' zeitig' mit seinem Kollegen, dem Anatomen Nuß b a u m (Bonnh beim er'sten antisemiiischen WiNd taufen'ließ, darüber Auskunft erteilen?) Diesen beiden tapferen Männern galt ja auch sicher nicht das brausende „Juden raus!", das auf verschiedenen Kommersen jüdische Akademiker begrüßte. Wir gestatten uns die Frage: „Wo waren danials, von 1875 an bis auf den heutigen Tag die „Hütebinnen von Zivilisation und Moral, Gerechtigkeit und Wäh'rheit", als Tausende jüdischer Studenten und Hunderte jüdischer Akademiker mrter antisemitischer Ruchlosigkeit litten? Und wie kam es, daß jüdische Assistenten ln verschiedenen deutschen Universitäten, an Kliniken und Laboratorien sich nicht halten konnten, überhaupt gar nicht angenommen wurden, weil die christlichen Assistenten sich weigerten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, und selbst wohlwollende und vorurteilsfreie Kliniker vor diesen: Zwang zurückweichen mußten? Und wo sind heute, 1919, die „Hüterinnen der ewigen, unvergänglichen Menschheitsgüter", wo wiederum .in den Universitätsräumen unter den Augen der akademischen Lehrer und Behörden Judenhetzen inszeniert werden? Wiederum von deutschen, mit preußischdeutsch-germanischer Weltanschauung durchtränkten Studenten! Bedenken die Hüterinnen der höchsten Menschheitsideale nicht, daß die stillschweigend geduldete Beteiligung deutscher Studenten nichtjüdischen Blutes an Antisemitenhetzen in der jetzigen Zeit allgemeiner Verwilderung und Entsittlichung nichts anderes bezweckt als Inszenierung von Pogromen und Ma ssenmordem?" Und just in derselben Zeit, in der die deutschen Universitäten Herde und sogar Sammelstätten des Antisemitismus sind, wenden sie sich an das feindliche Ausland, um gegen unerhörte Gewaltakte aller Art feierlich Protest einzulegen. Im Ausland — auch im neutralen — wird man, soweit diese Kundgebung überhaupt Beachtung finden wird, fragen, ob Körperschaften, die seit bald einem Jahrhundert gegen die im eigenen Lande begangenen Ungerechtigkeiten und Vergewaltigungen Andersgläubiger blind und untätig waren, nicht besser täten, erst einmal bei sich zu Hause die Sünden gegen Wahrheit und Moral, Gerechtigkeit und Zivilisation, zu bekämpfen und abzuschaffen. Undf 0 lcheFr a g e. n r ich t e n auchwir jüdischenAkad emi k er an di e deu tsche» Un iv erfit äten. - . Sir Woche. ' '' " B e r l i nIS. September. 3 nfolge der Besetzung ehemals . deutscher 'Mbiete' durch die Polen sind viele jüdische Lehrer gezwungen worden,. ihre bisherigen Stellungen , aüfzügeben,; teils weil sie von den neuen Herren geradezu vertrieben werden, teils weil sie eine ungewifle Zukunft dem Zwange vorzogen, für sich. und ihre Kinderauf i die Zugehörigkeit zum deutschen Volke zu verzichten. Besteht' nun auch für diejenigen Lehrer, die an öffentlichen Schüben angestellt wären — und das ist die überwiegende Mehrzahl kein eigentlicher. Notstands .da ihnen, das volle Gehalt für fünf Jahre weitergezahlt wird, fohaben sie hoch alle den. berechtigten^ Wunsch, möglichst baldwieder cmeiner