Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 37 Berlin, 12. September 1919 Ver Gemetndevore. Vellage zur „Allyemelnen Leitung deK Judentums". lkarresponden?en unÄ Sachnchtru. SrutlchisnL. 2£2 Berlin, 9. Septentber. Auf Bemühen der G r o ß l v ge f ft r X e u t f ch l n n d VIII. U. O. B. B. hak sich die D a it nt a rk- & og c in Kopenhagen in hochherziger Weise bereit erklärt, 100 rituell lebenden Kindern, und zwar 50 -aus Deutschland und 50 aus Oesterreich, einen vierwöchigen Ferienaufenthalt ini Ferienheim Höjstrup in der Nähe von Kopenhagen zu gewähren. Bei der Auswahl der deutschen Kinder hat der Verein für Ferienkolonien jüdischer Kinder, gegründet von den Berliner Logen U. O.B. B., bei den österreichischen die „Soziale Hilfsgerneinschaft Anitta Müller (Wien)" mitgewirkt. Der Transport der deutschen Kinder wurde in Warnemünde von Delegierten der Esra-Loge Lübeck und einigen-Damen aus Rostock in Empfaitg genommen. Der österreichische Transport, der Dresden berührte, wurde von dem Ferienansschuß der Fraternitas-Loge empfangen ttnd detoirtet. Die Kinder, die spät abends in Berlin eintraien, wurden am Bahnhof im Aufträge der Großloge von den Herren Dr. Fi nkel und Eugen Caspary erwartet und mit Omnibussen in die für sie bestimmten Quartiere gebracht. Am anderen Tag, morgens, ging die Reise nach Kopenhagen weiter. In Berlin wurden die österreichischen Kinder von den Logendatnen mit Wegzehrung und, Erfrischungen versehen. Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher hat sich dieser Aufgabe mit der ihr bekannten Liebetrswürdigkeit unterzogen. Für dieses soziale Unternehmen hat sich ein Mitglied der Danmark-Loge, Herr Direktor R othenberg, besonders eingesetzt und für diesen Zweck auch einen namhaften Betrag zur Verfügung gestellt. Nachdem der erste Versuch nrit der Versendung von, Ferienkindern nach dem Auslände .gelungen ist, gedenkt die Großloge diese nette Ausrüstung von Ferienkolonien ztt einer dauernden Einrichtung zu tünchen und die nötigen Borbereilungen in den Wiuterm-onaten rechtzeitig zu treffen, so daß von Mai dis Septeruber jedes Jahres mehrere Gruppen von Ferienkindern entsandt werden tonnen. E. M. Berlin, 9. September. Ein Protest gegen die B e r to e i ge r tt n >g d -e A W a h l r e ch. ts der K r i e g s t e i I n e h tu e r ztt den Wahlen der Repräsentantenversam'tnlttn.g der .Vtl'di'schen Gentei nde -beschädigte eine große Berea-tnutlun-g, die der N e tt e I ü b t f che Gerneindeve r e i n nach dem Musikervereinsbaus einberufen hatte. Noch einleitendem Referat von Dr. Witkvwski, der darauf lnnwies, daß mehr als zehntausend Kriegsteilnehmer von der Wahl ausgeschlossen sind, vertrat Dr. Zwirn energisch die Forderungen. der K riegs teilnehnter. Rechtsantoalt Dr. Klee teilte mit, daß der Nene Jüdische Gemeindeverein und die national-jüdischen Kreise als „Jüdische Bolkspartei" sich an der Wahl beteMgen werden. Am Schlüsse der Versammlung wurde folgende Resolution angenommen: „Die am 1. September 1919 in den Musikerststsiilen -tagende Versammlung jüdischer Kriegsteilnehmer nimmt mit Entrülstu.ngdavon Kenntnis, daß Ta tt sende jüdischer Krte^steilnehnter ihres! Wahlrechts ztt den R ep räfen tau tentvahlen der Berliner Jüdischen Gemeinde verlustig gegangen sind, tiH'il das Preußische Judengesetz von 1847 das Wahlrecht au eiue dreijährige Entrichtung der jüdiischeu Gemeindestettern knüpft, die Soldaten aber,' während sie vor dem Feinde standen, stetterirei untren. Die Bersammltmg stellt mit Erbittevttng fest, daß die Derwaltnng der Berliner Jüdischen Gemeinde keine ernsten Schritte untern-o mimen, tt-m diesen 'unerhörten, ttnfozialen, das Politische Empfinden anfs schwerste verletzenden Zustand ztt beseitigen. Die Bersamm-lung. erachtet es' als unerträglich, daß die Preußischen ouden auf Grund einer veralteten Gesetzesbestimmung gezwungen werden, das Wahlrecht ztt. ihren Gemetndevertret'U.ngen von der- S teuer leisttmg aöh>ängig ztt tnachen. Tie Versammlung richtet des- Imlb an den preußischen. Minister des Innern die -dringende Bitte, ttnverzüglich der' preußischen Landesversammlung einen Gesetzentwurf ztt unterbreiten, der diese Bestimmung des 8 41 des Preußiüben Judengesehes -aushebt. Die Versammlung bittet ferner, die auf den *23. November d. I. anberattmten Reprüsentantenwahlen zttr Berliner Jüdischen Gemeinde auf Grund des „5. Nachtrages zum revidierten Statut für die Jüdische Gemeinde ztt Berlin" zu vertagen, bis die Entscheidung der Preußischen Landesversattttnlttng getroffen ist." Hierauf wurde eine dreigliedrige Kommission gewählt, tvelche diese Resoltttion dem Minister des Innern -tiberreichen soll. — Zugleich mit diesem Bericht erhalten wir eine Abschrift der Eingabe, die Herr Rechtsanwalt Tr. K l ee im Aufträge des Neuen Jüdischen Gemeindovereins an den Minister des Innern gerichtet hat. Die Eingabe hat folgenden Wortlaut: Berlin, den 13. August 1910. NW, Altonaer Straße 7. * An den Herrn Minister des Innern Berlin NW 7, Unter den Linden 72/73. Dem Herrn Minister gestatten wir uns ganz ergebenst, folgendes vorzutragen: Am 23. November d. I. finden die Wahlen zttr Repräsentantenversatnmluna der Berliner Jüdischen Gemeinde statt. Die Auslegung der Wählerliste erfolat in der Zeit votn 15. August bis 15. September d. I. Diese Wählerliste ttmsaßt etwa 16 000 Namen. Demgegenüber hat die Gemeinde in Wirklichkeit nicht 16 000, sondern etwa 50 000 Zensiten von rund etwa 150 000 bis 160 000 Gesamtseelen. Es werden also bei 50 000 Zensiten nur ettoa ein Drittel der Zensiten toablberechtiat sein. Diese ungeheure Diskrepanz, die einer Wahlentrechtung von Poet Dritteln der Zensiten der Gemeinde aleichkommt. erklärt sich ans fiol-aettdem: Nach $ 41 des Gesetzes vont 23. Juli 1847 sind nttr wahlberechtigt diejenigen Wähler, die während der letzten drei Jahre ntit ihren Steuern nicht int Rückstände geblieben sind. Nunist es selbstverständlich. daß ztlnächst die große Anzahl der Kriegsteilnehmer, dann die vielen, die wirtschaftlich dttrch den Krieg gelitten haben, webt ihre Steuern entrichtet haben. Es bestände die Möglichkeit, daß ihnen die Stottern gestunden werden, und der Herr Minister des Innern bat auch In einem Erlaß vont 7. 5s-nli d. I. ans diesen Weg bingewi-esen. Die Jüdische Gemeinde betritt diesen Weg nicht. Sie hat sich zu einer Stundung, nicht bereit erklärt. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, welch ttnaeheure Erbitterung diese Tatsache namentlich m den weiten Kreisen der Kriegsteilnehttter auslöst. Anderseits läßt sich nicht verkennen, daß die Gemeinde mit einem gewissen Anschein Rechtens den von Herrn Minister gewiesenen Weg ^n betreten fürchtet. Nach dein Wortlaut de3 Gesetzes und nach der Stellung, die der Herr Polizeipräsident nun Berlin einnimmt — wie er sagt, in Uebereinstinnnnng mit dem Ministerium des Innern ntiif? an der Forderung der drenähriaen Abgabeuentrichtnua als Vorbedingung für die Ausübung der Wahlen zur Repräsentantenversammlnna festgehnlten werden. Danach scheint also eine Stundung unmöglich. Unsere ergebenste Bitte an den Herrn Minister acht tnnt dabin: 1. den Herrn Polizeipräsidenten von Berlin anznweisen, auch Wahlen-solcher Zensiten der Jüdischen Gemeinde als gültig an- ^uerkennen, denen vont Vorstand der Gemeinde die Zahlung der Stenern gestundet wird, weil, tote ia der Bescheid des Herrn Ministers vom 7. Juli d. I. erweist, eine solche Stundung dem Gesetz nicht widerspricht: 2. der Jüdischen Gemeinde Mitteilung von dieser Anweisung an den Herrn Polizeivräsideuten zu machen und sie erneut darauf hi n.m weisen, daß hier ein Weg gegeben ist. um Männern, die nnverschttldet, weil sie mit Gut und Blut dent Vaterland gedient haben, ihre Stenern nicht entrichten konnten, das Recht der Wahl zur Repräsen.tantenversänttnlttng. auf das sie moralisch unbedingten Anspruch haben, zu gewähren. Der Herr Minister wolle gütigst entschuldigen, wenn wir bitten, mit Rücksicht darauf, daß die Auslegung der Wählerliste schon übermorgen erfolgt, die Entscheidung tunlichst sofort ztt fällen. Ehrerbietigst Der Rene Jüdische Gemeindeverein. I. A.: gez. Dr. Alfred Klee, Rechtsanloalt. Wie wettig wir auch sonst ntit den Tendettzcn des Neuert Jiidischeu Genteittdevereilts nbereinsttumtetr, diese' seine Forderung utt'tssert wir gerade vont jüdisch-liberalen Standpunkt ans als eine durchaus berechtigte anerkennen.