Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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las in einem der Bücher, die er mitgebracht hatte. Benjamin hatte erwartet, daß die Eltern mit ihm über jene Zukunftsfragen sprechen würden, die bekanntermaßen für Eltern erwachsener Kinder weltbedeutende fragen sind; aber sie taten nichts dergleichen. Sie vermieden es sogar, die Affäre Jankel Krummholz, von der ihnen Onkel Chajim ausführlich berichtet hatte, auch nur mit einer Silbe zu erwähnen. Benjamin wunderte sich darüber und war ihnen zugleich von Herzen dankbar für diese ihre rücksichtsvolle Zurückhaltung. Eines Morgens äußerte Benjamin den Wunsch, nach dem nahegelegenen Städtchen zu fahren. Pawel wurde gerufen, der Schlitten eingespannt, und flugs ging's unter Schellen^ getaut nach dem benachbarten Städtchen. Nach etwa einstündiger Fahrt war das Ziel erreicht. Benjamin ließ mitten auf dem Ringplatz halten, stieg vom Schlitten herunter und befahl dem Pawel, an derselben Stelle auf ihn zu warten, da er sich in der Stadt nicht lange aufzuhalten und spätestens in der Mittagsstunde zurückzufahren gedenke. Er durchschritt eilig mehrere GLßchen. Vor einem Hanse, über dessen Eingang ein Schild mit der Aufschrift „Photograph" hing, machte er halt. Im Hausflur wies eine an die Wand gemalte schwarze Hand in den Hofraum, wo sich das photographische Atelier befand. (Fortsetzuna Weit. Lrsekrüchte. m 13. September 1919 sind hundert Jahre dahingerauscht, daß -eine der hervorragendsten Meisterinnen aller Zeiten ans dein -stlavier, Clara Schumann, das Licht der Welt erblickte. An der Hand des ihrem Andenken gewidmeten allsgezeichneten Werkes „Clara Schnmann"H von Berthold Lietzmann (Leipzig, Breitkopf u. Härtel), Bd. I und II 1906, Bd. HI 1908, dürfte es für den geschätzten Leserkreis dieses teuren Blattes, namentlich für die musikübenden und mnsikliebenden Leserinnen, von hohem Interesse sein, den Beziehungen -der großen Künstlerin und Frau zu bedeutenden- Juden lind Judenabkömmlingen nachzugehen. Wie ein rot-goldener Faden zieht sich durch das Leben Robert und Clara Schumanns die Freundschaft, Liebe und Verehrung für Felix Vtendelssohn'-Barcholdy während seines allzu kurzen Erdendaseins und über das Grab hinaus. Nach dem allzli frühen Heimgange ihres Gatten hat Clara bis in ihr hohes Alker jederzeit die loärnlste Anteilnahme für sich llnd ihre Kinder seitens der gesamten Familie Mendelssohn erfahren. Schon während ihres ersten Aufenthaltes in Paris 1832 trat Meyerbeer in den Gesichtskreis des dreizehnjährigen Mädchens und äußerte sich freundlich und verständnisvoll über dessen Kunst. 1839 schreibt Clara aus Paris: „Neulich sah ich die „Hugenotten", erbaute mich jedoch nicht sehr an der Musik. Diese Musik ist mir doch unausstehlich, es wird einem nicht einmal wohl dabei," und kurz darauf: „Neulich war ich bei Meyerbeer zu Tisch und traf dort Heine und Jules Janin. Ersterer ist sehr geistreich — spricht mit Bitterkeit von Deutschland: er will mich nächstens besuchen, auch Hulevy." Um jene Zeit spielte sie in einer Matinee, die Moritz August Schlesinger, der Inhaber des gleichnamigen Musikverlags in Paris und Herausgeber der „Gazette musicale", für die Abonnenten des Blattes veranstaltete. Im folgenden Jahre berichtet sie von einem opulenten Diner bei Solomon Heine in Hamburg. In der Abneigung, ja geradezu Verabscheuung für Meyerbeers Musik begegneten sich Robert und Clara Schumann; 1846 schreibt Clara ans Wien: „Meyerbeer ist ein unangenehmer, schmeichlerischer und kriechender Hofmann, der schon weiß, wie er die Leute packt," und an anderer Stelle später, nachdem sie, von dem Wunsche beseelt, eine deutsche Oper zu hören, „Robert der Teufel" gesehen hatten, fügt sie in gerechter Wesse hinzu: „In der Musik erschien uns doch manches recht geistreich und gewandt, und wirklich wurde, dadurch Robert etwas milder gegen Meyerbeer gestimmt." Schon im Sommer 1843 erwähnt Clara des zwölfjährigen Joseph Joachim aus Oesterreich, mit dein sie in der Folge eine lebenslängliche treue Freundschaft verbinden sollte. 1856 wandelte sie auf seinem Heimatboden. Sie lernte in Post seine Eltern und Geschwister l) Ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen. kennen und ging öfters bei den „herzensguten Menschen aus und ein". Am 13. Februar 1861 schreibt sie: „Heute ist der goldene Hochzeitstag von Joachims Eltern — ich habe schon recht viel,daran gedacht." Schumanns blieben den Dresdener Schriststellerkreisen eigentlich fremd. Nur Auerbach machte in den letzten Jahren eine Ausnahme, aber auch hier beschränkte sich der Verkehr aus gelegentliche Besuche und Einladungen. Er hatte ihnen gleich beim ersten Sehen 1846 mit seinen „heiteren, lebendigen Augen", die aus ein „glückliches Gemüt" schließen ließen, einen shmpathischen Eindruck gemacht, der dann allerdings durch eine wenige Monate darauf erfolgende Vorlesung seiner „Frau Professorin" trotz „Geist und Gemüt", die Clara auch hierin fand, etwas abgeschwächt wurde, denn sie dauerte vier Stunden, und Clara ging vorm Schluß weg, während Robert in Vorahnung der Strapazen ihr überhaupt fern geblieben war. „In Wien", schreibt Clara zu Anfang des Jahres 1841, „soll jetzt ein elfjähriger Knabe sein; der soll das größte Genie sein, was seit langer Zeit geboren ist. Der Knabe heißt Rubinstein und ist Klavierspieler, soll ein tiefes Gemüt haben." Vis zu seinem 1894 erfolgten Tode hat Clara Schumann den Menschen Rubinstein stets noch bei weitem über den Klaviertitanen und Komponisten gestellt, wenngleich seine Tondichtungen um des Talentes willen, das sie verrieten, sie auch oft lebhaft interessierten. Wiederholt begegnen uns die Familien Behrens in Berlin, Bohrend in Hamburg, Seligmann in Koblenz, Landau in Bonn, Ladenburg in Mannheim3), mit denen Clara freundschaftlichen Berkehr pflegte und deren gastliche Aufnahme sie oft und gern genoß. Sophie Kastel in Dresden, die spätere Gräfin Baudifsin, einst eine gefeierte Klavierspielerin, zählte zu ihren Jugendfreundinnen. Die Bekanntschaft mit Moritz Hartmann empfand Clara stets als eine Bereicherung, besonders ward er ihr ein treuer Ratgeber bei der immer schwieriger werdenden Erziehung ihres Sohnes Ludwig. Schon 1859 schreibt sie: „Hartmann erzählte mir so Interessantes — er kennt Menschen und Länder genau und erzählt mit vielem Geiste von allem." Otto Goldscfymibt3), der in der Folge gemeinsam mit seiner Gattin Jenny Lind jahrzehntelang einen so hohen Einfluß auf das englische Musikleben ausübte, zählte in Dresden zu Claras Schülern und bewahrte ihr bis zu ihrem Ende dn treueste Anhänglichkeit, die er ihr bei wiederholtem Aufenthalte in London stets betätigte. Ungeachtet ihrer verschiedenen Kunstrichtung durfte Clara den Kapellmeister Hermann Levi zu ihren ergebensten Freunden, zählen, wovon ein reger Briefwechsel durch Jahrzehnte Zeugnis ablegt. Mehrfach hat Clara Schumann in Konzerten des Sternschen Gesangvereins in Berlin und unter Leitung Julius Sterns ihre reife und reiche Kunst entfaltet und ist diesem auch freundschaftlich nahegetreten. Zu den Gästen ihres Hauses gehörten Fanny Lewald, Frau v. Rothschild, Professor M. Bernays u. v. a. Am Abend ihres Lebens, 1890, schreibt sie: „Heute hatten wir durch Sonnenthal („Ein Glas Wasser") einen hohen Genuß. Das ist mal wieder ein genialer Schauspieler; welche Vornehmheit im Wessen, jede seiner Bewegungen Humor, Gemüt, Kraft, die aber nie über das Maß geht*). Zu. den willkommenen Bekanntschaften des Sommers 1862 in Rigi-Kalkbad gehörten Professor Lazarus und Frau aus Bern, mit denen schnell Freundschaft geschlossen wurde. Zwei Jahre später hatte Clara dort Professor Lazarus von ihrer Sorge um ihren Sohr« Ludwigerzählt. Dieser wünschte ihn zu beobachten, und Clara ließ deshalb Ludwig auf den Rigi -kommen; ein Beweis, wie nahe 'sie sich getreten waren. Zu Anfang des neuen Jahres (1865) mit Professor Lazarus im Tiergarten gehend, glitt Clara aus und siel auf die rechte Hand, so daß sie bis Ende Februar ihren Konzerwerpftichtirngen nicht Nachkommen konnte. Im Sommer 1868 besuchte sie Lazarnsiens in Jnterlaken und reiste dann mit ihnen zurück. In ihrem Tagebuch heißt es: „Am 29. November 1870 erfreute mich ein lieber Brief des Professors Lazarus aufs innigste; er war von dem Konzert so ergriffen, daß er mir noch am Abend schrieb. Solche Freuden gehören doch zu den schönsten und erheben den Künstler." In: September 1871 besuchten Lazarusens sie in Baden-Baden. Im Juli 1872 schreibt sie: „Am 7. kamen Lazarus' und redeten mir 2) In späteren Jahren die Familie Martin Levy in Berlin. 3) Sohn der ersten jüdischen Vorkämpferin der deutschen Frauenbewegung, Johanna Goldschmidt in Hamburg. •) Während seines Gastspiels war sie sechsmal im Theater.