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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-12 · Heft 37 (12.9.1919) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 37 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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Lichtu n d Schattenseiten. theoretische Lichtseiten: In den Komödien köstlicher Witz, frischer Humor; in den Tragödien: Ernst, Elementargewalt der Leidenschaften, treu, wahr und realistisch dargestellt; in den Melodramen treten verschiedene Elemente zusammen, die durch harmonisches Verquicken des Tragischen mit dem Komischen, des Ernsten mit dem Lächerlichen sich cmszeichnen und einen großen Effekt machen. Theoretische Schattenseiten: Tragödien und Dramen oft zu weinerlich, sentimental und effekthaschend, Komödien hanswurstisch, von Plattem Humor und komischer Ekstase. Ueberall Anachronismen, Konzentrationslosigkeit, Unordnung, Verwischung der Gestalten, mehr aus den leeren Effekt berechnet und auf Pöbelgefallsncht. Praktische Lichtseiten: Das Volk bekommt durch das Theater einen größeren Gesichtskreis über die jüdische Geschichte, fängt an, "historisch zu denken unb bildet sich dabei einen guten Geschmack aus, der es befähigt, zu verstehen und alles genau zu beurteilen. Praktische Schattenseiten: Das Volk wird oft einseitig gebildet, sieht die historischen Gestalten in schrecklicher Verzerrung imd hat daher einen falschen Begriff über viele Dinge, weil das jüdische Theater (wie es noch jetzt wenigstens ist) ziemlich unvollkommen und einseitig ist, urn alle geistigen Bedürfnisse des Volkes befriedigen 51t können, es überall aufzuklären und zu bilden. Das sind so in kurzem die Hauptmerkmale des Jargontheaters. Was ich hier gesagt habe, ist zwar unvollständig, die Leser werden sich jedoch einen Begriff über die Jargondramatik bilden können, wenn sie diese kurze Abhandlung über das Jargontheater gelesen haben werden. Lrnjamins Liebrslikd. (10. Torts.) Roman von L a m it c l M e j s e l s. nd als er tags daraus in der Stadt hörte, in der vergangenen Nacht Hütten die wilden Männer die Hütte am Waldesrand überfallen und dort keine Seele am Lebengelassen, da dachte wieder der Arendar bei sich: .Wie gut, daß der Bauer kein Erbarmen mit mir hatte und mir keine Rast in seiner Hütte gewährte: hätte er Erbarmen mit mir gehabt und mirdie Rast in seiner Hütte gewährt, ich wäre wohl mit ihm mitsamt seinem Hausgesinde ermordet worden/ „Daraus kann man ersehen" — so schloß der Rabbi seine Erzählung — „auf welch wunderbare Weise der Fromme der Gefahr entgeht. Mögen alle Gerechten und Frommen vor allem Bösen behütet werden, und möge nach Zion der Erlöser kommen." Und mm befiehlt der Rabbi, einen lustigen Gesang anzustinnnen, ein „Fröhlichs", wie er sich ausdrückt. f * Sara-Lea lachte hellauf, als ihr Benjamin von dem Zwischenfall bei Rabbis dritter Mahlzeit erzählte. „Du bist gerade derjenige, welcher auf die Worte des Rabbi viel gibt," sagte sie. „Das nicht," erwiderte Benjamin, „aber seine Worte haben ein starkes Heimweh in mir geweckt," Sie drohte schelmisch mit dem Finger. „Na, na, nimm dich in acht! Du scheinst mir auf dem besten Wege, ein abergläubischer Chassid zu werden," Obgleich Sara-Lea diese Bemerkung wie einen harmlosen Scherz hinwarf, so berührte sie dennoch Benjamin sehr unangenehm. Es war ihm, als hatte Sara-Leas klares Auge ihn durchschallt llnd ihn bei einem Verschleierungskunststückchen ertappt. War es denn wirklich Heimweh, was des Rabbi Ermahnung -- die in der Dunkelheit gesprochene und gleichsam in die Vevwicklungen einer sonderbaren Geschichte eingestreute Ermahnung — in seinem Herzen geweckt hat? Oder war es vielmehr eine innere Unruhe, die ihn seitdem verfolgte, eine abergläubische Furcht, die er sich nicht eingestand, um sich nicht vor sich selbst lächerlich zu machen? Er empfand die Bemerkung Sara-Leas wie einen stillen Vorwurf, und er glaubte es feiner Aufgeklärtheit schuldig zu sein, diesen Vorwurf zu entkräften. Sie könne ganz beruhigt sein, sagte er in ernstem Tone, er sei gegen jeden Aberglauben hermetisch abgeschlossen. Er wisse wohl, wie bedeutungslos des Rabbi Worte seren, er kenne ja den ganzen Hokuspokus,'das Thorasagen im Dunkeln, die Wundergeschichten, die Schleier der Geheimnisse, das orakelhafte Frag- und Antwortspieü und er müßte doch ein Tor sein, um darauf etwas zu geben. Aber — Heimweh habe er, starkes Heimweh, und das sei ja auch ganz natürlich, wenn man bedenkt, daß er über ein Jahr 'lang seine Eltern nicht gesehen habe. Schließlich' bat er Sara-Lea um die Erlaubnis, ihr 31t schreiben, falls er auf einige Zeit ins Heimatsdorf reisen sollte. Sie gab ihm die Erlaubnis nicht nur, sondern zerstreute auch noch seine Bedenken, die Briese könnten in fremde Hände geraten. Da sei, meinte sie, keine besondere Vorsicht vonnöten, denn niemand im Hause würde es anffallen, wenn sie einen Brief bekäme, ^urnal da sie auch sonst fast wöchentlich Briese erhalte, bald von der Tante in Krakau, bald vom Vetter in Lemberg, mitunter auch vom Onkel in Wien. — Einige Tage später, kurz vor dem Lichtfeste, trat Benjamin die Heimreise an. An der Bahnstation erwartete ihn Pawel mit dem Wägelchen. Benjamin erkundigte sich bei ihm nach dem Wohlbefinden seiner Eltern, und er fühlte sich erleichtert und beruhigt, als er hörte, daß zu Hause alles in bester Ordnung sei. Und als er aus der Landstraße fuhr imd sich dem Heimatsdorfe näherte, überkam ihn ein Gefühl des Stolzes, als hätte er mit seiner Heimreise ein gutes Werk vollbracht. Klug war es auch, daß er wieder einmal, nach längerer Zeit, das Vaterhaus besuchte — das sagte ihm auch seine Mutter schon am ersten Tage nach seiner Ankunft. „Es ist sehr gescheit von dir," sagte sie, „daß du gekommen bist. Wir hatten schon solche Sehnsucht nach dir, wir wollten schon mal um dich schreiben; aber man entschließt sich doch nicht so leicht, ein Kind' im Lernen zu stören." Dann erkundigte sie sich zum soundsovieltenmal nach dem Befinden von Onkel und Tante imd versicherte, ebenfalls zum sounsovieltenmal, daß sie nie gezweifelt habe, «daß Onkel und Tante Benjamin wie ein eigen Kind behandeln würden, fintemai sie solche brave Leute seien, sintemal sie selbst keine Kinder hätten. Vater Glück aber verfehlte es nicht, in den Gesprächen mit seinem Söhne auf sein altes Thema zurückzukommen und die Vorzüge der Stadt zu rühmen, wo man auf ganz andere Weise ein Jude -sein könne als ans dem Lande. Benjamin mußte seinem Vater recht geben. Das Leben auf dem Lande war doch wirklich verwünscht eintönig, in ein graues Einerlei gebannt. Da gab es nichts zu sehen als schneebedeckte Wiesen, eine schneebedeckte Landstraße, in Schnee eingebettete Hütten -und einen Hügel, der wie ein kleiner Schneeberg anssah und von dessen Spitze ein mattäugiges Gemäuer, die Dorfschule, herabblickte; also Schnee und Schnee und abermals Schnee — das war das Bild, -das ihm jetzt sein Heimatsort bot. Tagsüber saß Benjamin zu Hause, gab dem Vater Proben seiner Gelehrsamkeit oder unterhielt sich mit der Mutter oder

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