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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-12 · Heft 37 (12.9.1919) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 37 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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fieto-tcj. Dieser Schriftsteller hat zuerst nur Romane geschrieben, hat sich-dann aber eines Besseren besonnen und begann auch Dramen zu schreiben. Seine Romane zeichnen, sich Zwar durch Buntheit.der Form aus, durch schönen Stil und hübsche Phantasie, dagegen sind sie recht flach, unreif und enthalten wenig Seelenanaly'se und Ideenreichtum. Noch eines hat er, was seine literarische Arbeit verunziert und in den Hintergrund stellt, nämlich sein Suchen und Haschen nach Modernität. Um aber dieses Streben recht gut zu verstehen, nntijj man eines ins Auge fassen, und zwar, daß bei jeder Sache und noch mehr bei einem jeden Kunststück'das „Wie" eine weit größere Rolle spielt als das „Was", denn man kann dem unansehnlichsten Stoff, wenn man nur etwas Künstlerblut in den Adern hat, dem kleinsten Dinge die schönste und anmutigste Poesie entlocken. Darauf achtete Schajkiewiez in all seinen Romanen nicht und trachtete, nur modern klingende Personennamen in seinem Kopfe zu kombinieren, um dann vom Lesepublikum als moderner, weitschauender Schriftsteller betrachtet zu werden. Zwar hatte er einen großen Erfolg beim ungebildeten- Publikum, doch die besseren Klassen haben sogleich seinen Hang und sein Haschen nach Sensationen erkannt und stellten ihn-oft mit Recht in den dritten Rang der Schriftsteller. Fast in all seinen Romanen führt er uns Abenteurer vor, die von Land zu Land fahren, uni Glück zu suchen. Sogar dort, wo er die arme Bevölkerung beschreibt, die nach Amerika emigriert, um dort ihr Leben fristen zu können, stellt er in grellen Farben das Unglück, die Verzweiflung und Ratlosigkeit einiger Leute dar, die dann ihr Glück erreichen, und da sie meistens Jünglinge oder Mädchen sind, -endet selbstverständlich die ganze Geschichte mit gegenseitiger Liebe, und es wird nicht selten geheiratet, wenn selbstverständlich keine unglückliche Kollision kommt. Solche Erzählungen und Dramen mußten daher der jungen Generation beider Geschlechter gefallen, da sie zweifelsohne einen Verteidiger, Schirmer, Befürworter und Vertreter ihrer im Innern gärenden, revolutionären Ideen und Weltanschauung in ihm zu finden vermeinten. Er glaubt dadurch einen großen Eindruck ausüben zu können, da er in seinen Romanen -arme Jungen darstellt, die, von der größten Gettosinsternis und ihren hartnäckigen, steif orthodoxen Eltern sich befreiend, dann durch ihre Talente und Fähigkeiten, dabei noch bei günstiger Gelegenheit, berühmte Maler, Musiker und Größen überhaupt wurden. Wie peinlich sind aber in seinen Werken die unzähligen Fadaisen und Absurditäten. Nie wird er auch dadurch das Herz eines Geschmack besitzenden Menschen gefangennehmen, daß er statt echt jüdischer Namen diese in deutscher oder französischer Sprache bietet, und dadurch, daß er den Helden seines Werkes immer von Land zu Lande führt, statt, wie große Schriftsteller, ihn in einem Orte bleiben zu lassen, um so ihn gründlich charakterisieren zu können. Wozu alt diese unnütze Buntheit, die er umsonst anwendet und die er uns in großem Reichtum darbietet? Wozp all die Phantasie und Verschwendung der manigsaltigsien Farben, die den Leser verwirren und ohne jedweden Nutzen berauschen und narkotisieren? Als er in Rußland wohnte, hat er viel weniger geschrieben, als seit er in Amerika feinen Wonsitz aufgeschlagen hat, denn hier hat er maschineuartig zu arbeiten angefangen. Zwar finden sich in seinen Romanen Gestalten, die berühmt charakterisiert sind, denen es sogar nicht an feiner Psychologie gebricht, -aber wie selten sind die wahren, künstlerischen Seiten in seinen so sehr zahlreichen Romanen! Vielleicht, wenn er weniger geschrieben hätte, so würde er weit Schöneres and Tüchtigeres geleistet haben, als er tatsächlich geleistet hat. Denn wer sicht und beobachtet nicht in den schönen und soelentiefen Erzählungen „Bar Kochba", „Der Katorschnik" (Sträfling), „Die amerikanischen Glücken" viel Talent, Jntutton and tiefe Wahrnehmung. Wie wenig fehlt ihnen, um sie den Werken anderer europäisch-belletristischer Vielschreiber, die sehr tüchtig sind, anreihen zu können! In diesen Erzählungen und Romanen kommen solche formvollendeten Gestalten vor, daß man sie mit den trefflichen, psychologisch feinen Gestalten der Werke eines I. I. Kraszewski, eines Paul de Kock, eines Maurus Jokai vergleichen'kann. Sein „Bar Kochba" ist in vielen Hinsichten großartig, brillant und gediegen. — Von diesen meinen Bemerkungen -ausgehend, wird es mir nicht schwer fallen, auch die dramatischen Fähigkeiten dieses Schriftstellers mit einigen Strichen und Andeutungen erfläreu zu können. Er hat zwei wichtige Dramen geschrieben, die dem jüdischen Theater sicher zur Zierde gereichen, nämlich „Ter zweite Haman" und „Rebekka", wo er seine Fehler, die er sich in den Romanen zuschulden kommen ließ, merklich ausbesserte. Es gibt -hier fast nicht die müdeste Ahnung von Weitschweifigkeit, Unsicherheit der Züge, von Flattern und unnützen Phantasien. Alles wird genau motiviert; die Personen kommen sehr plastisch vor, wie von Meißel bearbeitet, und es mutet uns eine träumerische und . zugleich realistische Umgebung an, die von großem, unaussprechlichem Effekt ist. Im „Zweiten Haman" stellt er manche Typen vor, die sehr interessant und dabei doch künstlerisch tief empfunden find. Das Verhältnis der polnischen Grafen und Fürsten zu der jüdischen Umgebung malt er vortrefflich, gewandt und anmutsvoll. Auch die Witze, die er hier streut, sind ungemein köstlich und wirken erfreulich auf jedermann. Noch eine kleine Komödie hat Schajkiewicz veröffentlicht, und das ist ein ins Drama umgesetzter Roman. Aber er täte daran besser, wenn er es nicht 'unternommen hätte, denn er hat all diese faden Elemente, die das Gros seiner schwachen Romane ausmachen, in die Komödie hineingebracht -und so. ein Schauspiel verfaßt, das keinen literarischen Geschmack verrät, das den „Revisor" des Nikolaus Gogol nachahmt, aber so dem „Revisor" ähnlich ist wie ein Orang-Utan einem Kulturmenschen oder überhaupt wie ein absurdes, nichtiges Werk eines Stümpers -einem großen, erhabenen -und po-esievollen Werke eines wahren Genies, eines von Natur begnadeten, hellsehenden Dichters. Der dritte dramatische Jargonschriftsteller ist Lateiner, der gegenwärtig ebenfalls in New Uork wohnt. Seine Dramen und Tragödien sind oft weit besser, psychologischer und künstlerischer gestalte^ als die Schauspiele des Goldfaden oder Schajkiewicz. Ein so tief durchdachtes, ideenreiches und anmutiges Schauspiel wie der „Ewige Jude" haben diese beider! nicht schreiben können. Welche Formvollendung, welche Elastizität und dramatische Schmiegsamkeit walten in diesem Stücke und wie sehr verschönern sie dasselbe! Wie frisch sind die Gestalten, Charaktere und Typen in diesem Drama gemalt, das sehr von Talent und hoher Auffassung zeugt. Auch seine „Sulamith" ist bedeutend schöner, künstlerischer und vom historischen Standpunkte wahrer als die „Sülamith" des Goldfaden. Ueberhaupt hat Lateiner solche Eigenschaften, die ihn vorzüglich befähigen, ein tüchtiger Dramatiker im Sinne des Wortes zu sein und mit seinen Schauspielen das Volk zu bilden. Er besitzt das Schönste und Beste, was ein Dramatiker braucht: eine kühne Phantasie, eine Reslexionsgabe und eine mosaikartige Bilderentfaltung. Das ist in kurzen Zügen die Charakteristik der wichtigsten Jargondramatiker, die bei all ihren Fehlern wirklich viel geleistet haben und das Volk auf ein höheres Bildungsniveau brachten. Um ein genaues Bild zu geben, werde ich die Licht- und Schattenseiten als ein Generalresümee des jüdischen Dramas aufzählen, um dann selbst auf den Rest schließen zu können.

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