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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-12 · Heft 37 (12.9.1919) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 37 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
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41 (> Kissingen und daneben befindet sich, ein recht eindrucksvolles Kilnstblatt, betitelt: „Das Morgengebet". Bor einem Tor hält ein älterer Mann allein die Morgenandacht ab. Er hat den Tallis umgeschl.aig.en und die Tefillin umgelegt urrd in tiefer Altdacht liest er die Gebete ans dein aufgeschlagenen Buch. Mir fiel auf, -das; neben dem Titel des Bildes von dem Maler ein u? hiugezeichnet lvordeu loar. Ich glaube nicht fehlzugehen, daß es eine Abkürzung des Namens Labo sch i n bedeuten -soll. - Bei einem befamitcn Ait tigll i täte nh ändler sah ich einen Zinnteller, auf dem hebräische Buchstaben und jüdische Figuren eingraviert sind. Dieser einfache Teller kostet hellte 44) Mark! Wie wertvoll sind dann die reizenden Teller geworden, die in der Wolfscheu 'Kunstsammlung in Berlin (Oranienburger -Straße 28) in großer Anzahl sich befinden. Es ist bedauerlich, daß diese Sammlung so lvenig besucht wird. Ein selten schon veranstaltetes Wohltütigkeitsfest fand hier am 1. September zum Besten von Kriegsbeschädigten in allen Sälen des herrlichen Regeutenbaues statt. Indische Kurgäste und Aerzte sonne hiesige jüdische Bürger beteiligten sich daran in hervorragendem Maße. Dank ihrer opferwilligen Mitwirkung ist das Fest glänzend gelungen und brachte für den guten Zweck einen Ueberschuß von mehr als 30 000 Mark. In Bad Kissingen vereinen sich Kunst und Stettin', um dein Badegast den Aufenthalt angenehm zu gestalten. Heilsam aber ist nur die herrliche Statur, die den Gesundheit bringenden Rakoczy-Brunnen sowie die kräftigenden Solbäder aus den: Erdboden emporsteigen läßt. Wenn nach dem oft hier einrretenden Regen die Sonne immer wieder emporsteigt und in ihrer strahlenden Schönheit Licht und Wärme der leidenden Menschheit spendet, dann erfüllt auch neue Hoffnung unsere Seriell: die .Hoffnung, daß nach den jetzigen trüben Tagen eine schönere und bessere Zukunft uns allen beschieden sein ulöge. Das jüdische Drama. Von W. Menke 8. (Schluß.) n der Tragödie, nein im wirklichen Drama gibt es mehr Kollisionen als bei der Komödie, und ein gutes Drama oder Trauerspiel zu schreiben, ist sicherlich schwerer, als eine gute, von köstlichem Humor durchwirkte Komödie oder Lustspiel zu bieten. Der Jargondichter hat Humor, Witz und Satire in Hülle und Fülle, aus welchem Material er bereits ein gutes Lustspiel niederschreiben kann, während er die nötigsten Dinge, um-eine gllte Tragödie oder ein gutes Drama zu schreiben, nicht hat. Denn um eilt Drama zu schreiben, muß man unbedingt ein schönes Blaß von Bildung haben, eine gewisse Fähigkeit zur Handlnngskombination und zugleich ein subjektives und objektives Wesen besitzen. Dazu konrmt noch der hohe Ernst, die kühne Phantasie und der allmähliche Uebergang von größter Trauer zur Hoffnung, loo alles wenig kompliziert sein soll und wo eine Einfachheit bei aller Mannigfaltigkeit und Buntheit herrschen darf. Aber das geschieht dort bei w-eitem nicht. Da das jüdische Theater ein Volkstheater ist und ein solches, das sich immer zum Volke herabläßt, ohne es wieder zu sich zu erheben, deshalb sehen wir oft, daß der Alltor, um dem Publinun zu gefallen, die Handlung zerstückelt und verhunzt und daß er einen plötzlichen Uebergang von der größten Trauer und Verzweiflung zum wahren Jubel, Jauchzen und Freude macht. Dazu sind die Dramen Qnd Tragödien so gestaltet, daß dieselben fast immer von Komik und crzentrischem Humor überquellen. Was die Folgen davon sind, versteht sich von selbst. Die Dramaturgie wird verkrüppelt und sinkt so weit, daß sie kein einziges tüchtiges Drama oder Trauerspiel aufzuweisen vermag, da alles verwischt, unsicher und verschwommen herauskommt, und kann-vom Standpunkte der wahren Kunst keinen großen Eindruck auf einen europäisch gebildeten Mann ausüben. Hier alle Licht- und Schattenseiten auszuzählen, ist nicht meine Ausgabe in dieser meiner Abhandlung. Stur um vielleicht mit meinen Worten etwas Stutzen zu bringen, werde ich noch auf einige schlechte Seiten aufmerksam machen, was sicherlich besser sein wird, als wenn ich eine Lobrede alls das jüdische Drama geschrieben Hütte. Also außer diesen Fehlern, die ich erwähnt habe, gibt es noch andere, die die beste und tüchtigste Arbeit des Goldfaden und sogar aller Jargondramatiker in den Schatten stellen. Durch die Plötzlichkeiten in der Handlung entsteht eine große Unordnung, die nicht selten das ganze Stück vernichtet und verunziert. Dadnrch wird die Sensation aus Schritt und Tritt von jedermann bemerkt, eine Sensation, wo alle Kunstseiten im Keime erstickt werden. Alles wird mehr ans den Effekt berechnet und alles wird meistens vom Pöbelstandpunkte betrachtet, gesehen und beleuchtet. Hie und da kommen Anachronismen vor, die einen schlechten Eindruck machen müssen; die Gestalten kommen so weltentrückt, so wenig erklärt vor, daß man sie nicht leicht verstehen und begreifen kann. Nicht selten werden die größten Männer der jüdischen Geschichte so klein und niedrig dargestellt, daß man glauben möchte, daß die Männer gar keinen Einfluß auf die Welt ausgeübt haben. Die glänzendsten, brillantesten Epochen der jüdischen- Historie erscheinen so winzig, so unansehnlich und erbärmlich klein, so daß, wenn mau sie mit der Originalgeschichte vergleicht, sie als lächerliche, groteske Gestalten erscheinen müssen. Wie klein, gering und unansehnlich ist Bar Kochba bei Goldfaden im Vergleich, wie wir ihn bei den jüdischen Historikern sehen! Wie sehr fehlt die innere Konzentrierung, das Jns-Auge-Fassen der wichtigsten Geisteseigensch asten dieses so glanzvollen und kraftstrotzenden Heroerck Wie geringfüig ist auch die dürftige Darstellung des Abraham, wie wenig wird sein Seelenkampf berücksichtigt, wie fehlt es an einheitlicher Schließung der Aktion und an einem sicheren, dramatischen Griffe! Dazu kommt noch, daß es keine Heldeukonzcntrativn gibt, und es geschieht nicht selten, daß ein Held (in welcher Form §s auch sein mag) neben sich lauter Zwerge, Epigonen hat, statt, um die Handlung zu gestalten, um nicht einen einzigen Helden in einem Stücke walten zu lassen, bei diesem auch solche Nebenpersonen aufzustellen, die größtenteils dem Helden zur Ehre gereichen und auch selbst als solche tatkräftig sein sollen. Bon all dem keine Spur. Was Goethe in seinen Dramen zeigte, um das Stück mit tüchtigen Nebenpersonen zu füllen, und was, lvie es mich dünkt/schon Lcssiug in seiner „Hambllrgischen Dramaturgie" erwähnt hat, scheinen die Jargondramatiker noch nicht zu wissen und wiegen sich noch heute meistens in dieser ihrer Unwissenheit. Auch um die Moral des jüdischen Volkes zu heben, kümmern sich die Jargondramatiker blutwenig. Nehmen wir z. B. das Goldfadensche Schauspiel „Das zehnte Gebot" (Lo tachmod), und was bemerken wir an demselben? An den Stellen, wo der Dichter Gelegenheit hätte, dieses Gebot so aufzufassen, als ob er moralisch gezwungen wäre, es dem Volke in ethischer Form darzubieten, geht er aus Abwege und vergißt das Wichtigste und bemüht sich, nur dem Publikum schöne Witze und Späße in Hülle und Fülle zu bieten, als ob das die ganze Tendenz des Stückes wäre. Auch in anderen Schauspielen, Komödien und Dramen tritt dieser Hauptfehler sofort zutage. Doch die Produktivität Goldfadens ist bewunderungswürdig, wenn er auch viel Flaches und Unreifes herausgab, das sicherlich keinen großen literarischen Wert hat. Der zweite Jargondramatiker, der erwähnt zu werden verdient, ist der staunenerregende Vielschreiber M. N. S ch a j -

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