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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-12 · Heft 37 (12.9.1919) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 37 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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416 Die Badezeit ist eingeschränkt worden, denn die Badediener dürfen nicht länger als acht Stunden arbeiten. Die Angestellten sollen nur nicht zu sehr angestrengt werden — denn fleißig arbeiten ist seit dem Tage der Revolution, seit dem 9. November v. I., streng verpönt —, und darum bleiben in diesem Jahre die Badeanstalten an den Sonntagen fest geschlossen. Hierdurch ist eine nicht zu unterschätzende Unbequemlichkeit für sämtliche Badegäste entstanden, die sich aber doppelt fühlbar für unsere strenggläubigen Glaubensgenossen macht. Da diese am Sonnabend nicht baden, verlieren sie zwei Tage in der Woche und sind gezwungen, eine Woche länger hier zu bleiben, umdie vorgeschriebene Zahl von 15 oder 18 Bädern zu erhalten. Bei den jetzigen bedeutend gesteigerten Preisen ist damit eine wesentlich vergrößerte Ausgabe für ihre Kur verknüpft. Das ist die Signatur der neuen und modernen Zeit, in die wir Aelteren uns so schwer hineinfinden können — weniger Arbeit, höherer Lohn und dementsprechend viel größere Ausgaben! Selbst die Musiker haben in diesem Jahre herausgesunden, daß es zu viel Anstrengung ist, alle Tage Musik zu machen — obgleich seit 5Ö Jahren alltäglich musiziert worden ist. Der Freitag ist infolgedessen zum Ruhetag für das Orchester bestimmt worden. An diesem Tage wird keine Musik gemacht. Am Freitagabend wird der Besuch des rituellen Restaurants nicht mehr gestört, denn die musikalischen Genüsse haben aufgeh ört, w ährend früher gerade an den Freitaga b enden altjüd i s che M elodi en gespielt wurden. Dafür lockt jetzt gar viele ein anderes Spiel. Bad Kissingen ist nicht frei geblieben von der Seuche der Spielklubs, die nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Badeorten Deutschlands grassiert. Anstatt nach der anstrengenden Kur ruhig zu leben, strengen viele Badegäste, und leider auch sehr viele Glaubensgenossen, ihre Nerven allabendlich in der leichtsinnigsten Weise an und huldigen „den Reizen des Spieles". Die Spielklubs werden, von der baherischen Regierung geduldet, und darum kann selbst der hier zur Kur weilende neue Reichskanzler Bauer dagegen nicht einschreiten. Diese Spielklnbs sind ebenfalls eine Errungenschaft der neuen Zeit, die für uns Juden bisher nicht viel Gutes gebracht hat. Ueberall wuchs der Judenhaß mächtig empor und das Treiben der Antisemiten nahm einen, beängstigenden Umfang an. In Berlin, an der Ecke der Joachimsthaler Straße, fanden allabendlich die wüstesten Skandale statt, die von antisemitischen Zeitungsverkänfern hervorgerufen wurden. Einer von ihnen brüllte mit Stentorstimme fortwährend allen Passanten entgegen: „Die Macht des Judentums"; ein zweiter schrie aus: „Warum muß Berlin hungern?" Ich war Zeuge, *wie eine neiden dem Zeitungsiverkäufer stehende Obstfrau ihm znries: „Oller Quatschmichel, hör' schon uff, hier brauch' Die Synagoge im Altersheim. keener nich zu hungern, hier jibt's Obst jenug zu koosen!" Tatsächlich ist es in Berlin so, es gibt jetzt fast alles wieder zu kaufen, und das trifft noch viel mehr für Kissingen zu. Hier braucht niemand zu hungern, es gibt reichlich Fleisch und Brot, Obst >und Kuchen, aiber es ist alles sehr teuer geworden. „Tu Geld in deinen Beutel", heißt es auch hier. Wer aber das liebe Geld besitzt, der kann sich alles verschaffen, was sein Herz und sein Magen begehrt. Ein Aufkäufen und Hamstern ist nicht mehr nötig, und trotzdem werden die Vorschriften der Behörde, nicht zu hamstern, leider nicht befolgt. Vor einigen Tagen wurden zwei jüdische Badegäste dabei ertappt, als sie zwei bzw. fünf Pfund Butter von einer Bäuerin am fla usten, und «sie wurden streng bestraft. Sie mußten Kissingen sofort verlassen, und' die Bestrafung der beiden Badegäste wurde in der Kissinger „Saale-Zeitung" mit Nennung der. Namen veröffentlicht. Der Stadtrat hatte \ ' außerdem ein Plakat in den Kolonnaden anschlagen lassen, ans dem zu lesen war, daß 1. Frau Rebekka L. aus M., 2. die Eheleute Moses Israel und Klara, L. aus L. allsgewiesen worden sind, weil sie Butter bei Erzeugern ausgekauft haben. Die gleiche Maßnahme wird unnachfichtlich gegen Gäste verfügt, die u>nbefllgt Lebensmittel hier oder in der Umgebung aufkaufeu. Dieses Plakat wurde umlagert von Neugierigen und wurde von unseren Glaubensgenossen mit Entrüstung ausgenommen, zumal der Handel mit Lebensmitteln hier öffentlich und unbestraft betrieben wird. Unpassende Bemerkungen wurden beim Lesen des Plakats gegen die Juden gemacht, und so diente der Anschlag bei der jetzi gen j.ud enfeindli chen Strömung lediglich zur Aufreizung. Das gab mir Veranlassung, 'deswegen an zuständiger Stelle vorstellig zu werden, und ich stellte mit Genugtuung feft, daß das " Plakat nach wenigen Stunden wieder entfernt worden ist. Das gegenseitige Verhältnis zwischen Christen und Juden ist hier stets gut gewesen, und darum sollte alles vermieden werden, was eine Störung hervorzurusen geeignet ist. In diesem Jahre sind seit Kriegsbeginn zum erstenmal wieder Glaubensgenossen aus Rußland und Polen hier zu sehen. Noch fehlen die früher viel vertretenen polnischen Juden mit Kaftan, aber zahlreiche Rigaer 'Glaubensgenossen weilen hier zur Kur. Sie erzählen, daß sie froh sind, für einige Zeit von den bolschewistischen Gefahren befreit zu sein. Die vielen noch hier weilenden Badegäste machen täglich die gewohnten Spaziergänge und mnstern aufmerksam die Schaufenster und die Auslagen. Manches befindet sich dabei, das Bezug hat auf Juden und Judentum. In der Hauptbuchhandlnng sah ich eine Anzahl von prächtigen Kupferstichen des Malers S. Läboschin in Breslau. Im Schaufenster Hängt ein wohlgelungenes Bild des Marktplatzes in Bad

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