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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-12 · Heft 37 (12.9.1919) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 37 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
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414 Osten" zu bleiben, als es seinen Wünschen im allgemeinen entsprach. To blieb ihm mit der Sprache auch das Empfinden des einfachen polnischen Mannes fremd. Eine neue Zeit -ist angebrochen. Sie muß aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Keine Regierung kann heute die Stimme des Bolkes überhören und die engste Fühlung mit den breiten Volksschichten entbehren. Das polnische Reich, dem die Provinz Posen nach den jetzt veröffentlichten Friedensbedimgnngen einverleibt werden soll, hat aus der eigenen Geschichte die verhängnisvolle Wirkung, aber auch die Erfolglosigkeit von Ausnahmegesetzen kennengelernt. Es wird als Grundsatz für seine Ansiedlungspolitik nur die Freiheit des einzelnen, soweit mit dem Gemeinwohl vereinbar, und die gleichmäßige Berücksichtigung sämtlicher einheimischer Bevölkerungsgrnppen gelten lassen können/ Etz hat es auch nicht nötig, für die Stärkung des zahlenmäßig an sich schon weit überlegenen polnischen Elements zu arbeiten, wohl aber wird es dafür zu sorgen haben, daß die mit der Posener Heimat verwachsene deutsche Minderheit und die jüdische Einwohnerschaft ihren Wünschen und Fähigkeiten entsprechend Zugang zum Boden erhalten. Hier soll nun in Kürze untersucht werden, ob die ans dem Osten etwa nach Posen eiuwanderndeu Juden fähig und willens sind, sich landwirtschaftlich zu betätigen, und ferner in Posen geeignete Gelegenheit hierzu finden. Seit zwei Iah r ta n s en d e n sind die Juden der Landwirtschaft entfremdet. Wenn die österreichische Statistik von 1900 zur Landwirtschaft ll,l Prozent aller Inden rechnet, so ist hieraus nicht zu entnehmen, daß es in Oesterreich einen jüdischen Bauernstand gibr. Die Juden sind dort Gutsbesitzer oder Pächter oder betreiben neben dem Handel aus dem Lande noch etwas Garten- oder Landwirtschaft. Die fernere Arbeit aber Leisten fast stets nichtjüdische Rachbarn oder Arbeiter. In Kongreßpolen machen die Juden etwa 2,6 Prozent der Dorfbevölkerung aus, wogegen sie in etwa 1 r>0 Städten die Mehrheit, in fast allen Städten mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkernng bilden. Trotzdem wäre es unrichtig anznnehmen, daß der Jude nur iw Handelsbernf und nur in städtischer Umgebung sich wohlfühlen kann. Der einseitig ansgebildete Erwerbssinn ist gerade durch die Abdrängung von der Scholle hervorgerufen. Das Geschäft ist dem einfachen Ostjuden nicht Hauptzweck, sondern soll ihm nur die Mittel einbringen, um seinen Unterhalt zu bestreiten, seinen religiösen Bedürfnissen nachzugehen und seinen Kindern eine gute Erziehung zu geben. Aus diesen Gründen bevorzugt er die Stadt. Wird ihm aber die Möglichkeit geboten, diese Absichten in -rein oder überwiegend jüdischer Umgebung auf dem Lande zu erreichen, so würde er die körperliche und geistige Eignung für den land- Das Altersheim für jüdische Taubstumme zu Lerlin-Niederschönhausen. wirtschaftlichen Beruf bei sachgemäßer Anleitung wiedererlangen. Einen Beweis hierfür bilden, selbst wenn man von den Baron Hirschschen Kolonien in Argentinien und den jüdischen Siedlungen in Palästina absieht, die jüdischen Ackerballkolonien in Südrußland. Alexander I. von Rußland stellte 1806 den Juden, die sich dem Ackerbau zuwenden wollten und ein Vermögen von mindestens 400 Rubeln besaßen, die Zuteilung geeigneten Bodens in Aussicht. Es erfolgten zahlreiche Meldungen, so daß alsbald neun Kolonien im Gouverneulent Cherson angelegt werden konnten, deren Zahl bis 1899 ans 22 gestiegen ist. Es folgten Gründlingen in Ekaterinoslaw und Beßarabien. Ein großer Teil der jüdischen Dorfbewoh-! ner bebaut dort auch heute noch selbst das Feld. Die Anzahl j der wirklich Landwirtschaft betreibenden Juden in Rußland ilnd in den bisher russischen Teilen Polens wird auf etwa 5000 Familien lind 30 000 Seelen geschätzt. (Schluß folgt.) Das Altersheim kür Milche Taubltumme iw Lerlin- Mederlchönhaulen. % as Altersheim für y jüdische Taubstumme wurde im Jahre 1906 vom H i l f s v e r e i n für d i e j ü d i s ch e n T a u b st u m m e n in Deuts ch l und E. 33. begründet. Zunächst in gemieteten Räumen in Berlin - Pankow lintergebracht, siedelte es nach zweimaliger Erweiterung im September 1912 in das zu Berlin - Niederschönhansen, Kaiserin - Allgusta - Straße 37, errichtete eigene Anstaltsgebäude über. Der zweckmäßige nutz schöne Balr bietet Raum für 60 Pfleglinge. Gegenwärtig ist das Heim mit 30 Insassen — 16 männlichen und 14 weiblichen — aus allen Teilen Deutschlands belegt. Die Pfleglinge werden, soweit sie nicht vollkommen arbeitsunfähig sind, teils mit häuslichen Arbeiten, teils mit Arbeiten im gelernten Berufe in der dem Hause angegliederten Arbeitsstätte beschäftigt. An jedem Freitagabend und je am zweiten Sabbat sowie an allen Festtagen finden in der schönen Anstaltssynagoge Gottesdienste in einer den Insassen angepaßten und verständlichen Weise statt. M. . Mkmger löadrbrikk. Bon B e n a s Levy (Berlin). Kissingen war im Juni und Juli überfüllt. Ich ^7 entschloß mich daher, diesmal im Spätsommer meine Badekur zu machen. Ich hoffte, daß Ende August der Menschenstrom sich verlaufen haben würde, und war überrascht, das Gegenteil zu finden. Noch wimmelt es auf der Promenade von Gästen, noch drängen sich an den Billettschaltern diejenigen, die Badekarten haben wollen, und vor dem Reisebureau stehen Dutzende, um Platz-und Fahrkarten zu erlangen.

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