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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-12 · Heft 37 (12.9.1919) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 37 (12.9.1919)
Date
1919-09-12
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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413* Rabbiwerkonserenz in PalListina. Der palästinensische Korrespondent der „Jüdischen Preßzentrale Zürich." berichtet: xa* von der Palästinakommisston gegründete und unterstützte Vereinigte Rabbinat zu Jerusalem hielt kürzlich eine Korv serenz ab, in der außer den Delegierten auch Vertreter der Palästinakommisston und der Regierungsbehörden anwesend waren. In den Resolutionen wurde den Alliierten der Dank ausgesprochen jik deren Versprechen, „eine nationale Heimstätte für Las jüdische Volk in Palästina zu gründen und die vürgerlichen und religiösen Rechte der Juden in allen Ländern zu verteidigen", und im Namen der Tradition -erklärt, „das Ideal des jüdischen Volkes ist, eine gesicherte Heimstätte, ein nationales Heim und ein geistig-religiöses Zentrum in Palästina zu schassen, dort von neuem, sein nationales und religiöses Leben zu führen und sein brachliegenides Land zu beleben". Die Konferenz fordert die Anerkennung des Sabbat und der jüdischen Festtage als offizielle Ruhetage für die Juden Palästinas, die Anerkennung des Rabbi na tes und der Rabbinergerichte als autonom und autorativ für alle Fragen der Religion und samt'(iicheIragen des bürgerl i ch e n Rechtes u n d d e s F a m i l i e n r e ch t e s f ii r d> i e I u d>e n untere i n a n d e r. Schli eßlich drückte die Konferenz ihren Protest gegen -die Pogrome in Rußland, Galigien und- Polen aus und forderte die Friedenskonserenz auf, diesen Schandtaten ein Ende zu bereiten. Hauptsächlich beschäftigte sich die Konferenz mit der Autononvie des Gerichtswesens, welches manche Kreise der Orthodoxie zu einem Reservat der Rabbiner zu gestalten beabsichtigen. Die Tätigkeit des 'bisherigen „Müschpat Haschalom" wurde von dem Msrachisten Rabbiner Ostrowski aus Ekron einer scharfen Kritik unterzogen. Der Ehacham Baschi aus Jaffa forderte die Orthodoxie aus, mehr THieran Z zu zeigen und die Interessen der gesamten Judenheit Palästinas im Auge zu behalten. Außerdem wurden noch die Erzieh ungs- und Sprachenfrage ausführlich behandelt. Lur Mjudenkrage). (Posen als Siedlungsland.) Aon Landgerichtsrnt Cello (Posen). ie Provinz Posen ist ein überwiegend agrarisches Land. Bon ihrer Gesamtfläche von 28992 Quadratkilometer werden'75 Prozent landwirtschaftlich genutzt. Sie «ist Ueberschußgebiet, besonders' für Brotgetreide. Futtermittel, Kartoffeln und Zucker. Der Großgrundbesitz, worunter Betriebe mit mehr als 100 Hektar Anbaufläche verstanden werden, nimmt noch heute fast die Hälfte her gesamten Wirtschaftsstäche ein. Seine Verringerung durch Schaffung von deutschem Bauernland war das Ziel der preußischen Ansiedlungspotitik. Bis Ende 1918 hat die Ansiedlungskommission S27 Güter erworben, davon etwa zwei Drittel aus deutscher Hand. Sie hat von der erworbenen Gesamtfläche von 468 323 Hektar 403 837 Hektar aufgeteilt und hieraus 21784 Ansiedlungsstellen geschaffen; davon die größere Hälfte mittlere Bauernwirtschaften -von 10 bis 20 Hektar. Die Auswahl der Ansiedler erfolgte lediglich nach dem von Bismarck bei der Begründung des Entwurfs des Ansiedlungsgesetzes hervo-rgehobenen Leitgedanken, die Berhältniszahl der polnischen und deutschen Bevölkerung zum Vorteil der Deutschen zu bessern. Dieser Grundsatz führte u. a. dazu, die Ansetzung von Ansiedlern aus Posen und Westpreußen dauernd einzuschränken. Man fürchtete, wie der Bericht der Ansiedlungstommission besagt, „durch die Zulassung von Einheimischen zu der aussichtsvollen Ansiedlung den Verkauf alter deutscher Wirtschaften an Polen zu begünstigen und den Stamm der deutschen Bauern in den Ansiedlungsprovinzen zu lockern". Es stammt daher nur wenig mehr als ein Viertel der Ansiedler aus Posen und Westpreußen, hingegen fast die Hälfte aus dem h Aus dem „Mitteilungsblatt des Jüdischen VolksratS", Posen, Nr/4/5, Mai/Ju-m 1919. I. Jahrgang.! Auslande, besonders aus Rustland. Die gleiche Verbindung jnationaler und wirtschaftlicher Zwecke führte zu der Zurücksetzung katholischer Ansiedler, „da diese in polnischer Umgebung und Kirchengemeinschaft ihre deutsche Nationalität nur schwer bewahren können". Gegenüber dieser Politik, die -bewußt den ursprünglichen Bevölkerungscharakter des Grenzlandes umzugestalten bestrebt war, hatten sich die sogleich nach Errichtung der Ansiedlungskommission gegründete Bank Ziems-ki und die später entstehenden zahlreichen polnischen Parzellierungsbanken die Ausgabe gestellt, den Grund und Boden vor dem Uebergang in „fremde" Hände zu retten. Sie wollten den einheimischen kapitalschwachen Besitzer stärken, den Zwergbauern zur Vergrößerung ihres Stückchen Landes vevhelfen, den landhungrigen polnischen Arbeiter, aber auch den Sachsengänger, der „in die Welt" ging, seßhaft machen. In welchem Maße ihnen dies gelang, ergibt das statistisch nachgewiesene Anwachsen der Kleinstellen. Während die Ansiedlungstommifsion bis 1907 nur 2416 Stellen in der Größenklasse von 5 bis 10 Hektar und 1191 Stellen von 2 bis 5 .Hektar geschaffen hatte, stieg die Zahl der Stellen von 5 bis 10 Hektar in den Ansiedlungsprovinzen von 1882 bis 1907 um 15 217, in der Größe von 2 bis 5 Hektar um 11 2V6, während die eigentlichen Arbeiterstellen in der Größe von 0 bis 2 Hektar, von denen die Ansiedlungskommission 2739 bis Ende 1918 angelegt hat, in der Zeit von 1895 bis 1907 um 22 449 abgeuommen haben. Läßt man die nationalen Gesichtspunkte einmal außer Betracht, so muß man vom allgemein-wirtschaftlichen, vom sozialpolitischen Standpunkt aus den auch aus diesen Zahlen sprechenden allmählichen Ausstieg des einheimischen Kleinbauern und die Seßhaftmachung des an seiner Heimat hängenden Wanderarbeiters als durchaus erfreulich bezeichnen. Für die Gesundheit eines jeden Volkes ist das Verhältnis des Menschen zur Scholle entscheidend. Für die Gesamtheit ist es fraglos ein Gewinn, wenn der schaffende Landmann leicht und unmittelbar Zugang zuin Grund und Boden findet, wenn der Arbeiter ein Häuschen sein eigen nennt, in dem seine Familie sicher und unabhängig wohnt, und ein Stückchen Erde, groß genug, um daraus den nötigsten Lebensunterhalt zu ziehen. Wenn ein hervorragender Bertreter der Ansiedlungskommission (vgl. „Die Ostmark" 1911, S. 75) hervorhebt, daß das polnische Element „auf einer breiten Schicht anspruchsloser, fleißiger, fruchtbarer bäuerlicher und Arbeiterbevölkerung aufgebaut ist", so sollte man meinen, der Schluß läge nahe: Diese gesamte Bevölkerungsschicht muß der Staat nach Kräften fördern, nicht aber verdrängen. Wenn einst die Geschichte, dem Streit des Tages entrückt, ihr Urteil über die 33 Jahre Ansiedlungspolitik fällen wird, so wird sie auch die Frage zu beantworten haben, ob nicht der preußische Staat das Ziel, eine zufriedene und ruhige Bevölkerung im Osten zu schassen, eher erreicht hätte, wenn er die 625 Millionen Mark -des Ansiedlnngssonds für die Befriedigung des gesunden Landbedürsnisses der gesamten einheimischen Bevölkerung, für die Schaffung von deutschen Dörfern und Schulen für deutsche Bauern und Arbeiter, von polnischen Dörfern und Schulen für Polnische Bauern und Arbeiter verwandt hätte. Mildernd wird aber stets bei diesem Urteil berücksichtigt werden müssen, daß das einfache Volk in dem Preußischen Landtag bei der Art seiner Zusammensetzung nu,r äußerst schwach vertreten war, und daß die lokalen Behörden, die die Ansiedlungspolitik durchzuführen hatten, aus -Beamten bestanden, die gleichfalls nicht zu den „Einheimischen" gehörten. Die Kenntnis der polnischen Sprache war für das Regieren -nicht nur nicht erforderlich, sondern unter Umständen hinderlich, 'indem sie -den Beamten der „Gefahr" aussetzte, länger in dem „unwirtlichen

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