Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 4× ep/1000754
- Vilnius 2× ep/1000947
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412 Unterzeichnet von i>cm Vertreter des polnischen Militärkommandos für den Distrikt Chardin: Kazi -m ierz Zarski, nnd von dein Vertreter des Delegierten des Polnischen Militärkommandos für den Distrikt Chabarowsk: Josef Kalat a." Trotzdem in der Proklanmtion nicht gesagt ist, wer die Personen semitischer Abstammung sind, ist es selbstverständlich — in Anbetracht der allgemein bekannten Lage —, das; die Proklamation speziell mit Hinsicht ans die jüdischen Kriegsgefangenen erlassen worden ist. Deshalb wiederholen wir unsere Bitte um Ihre Intervention, in der Ueberzengnng. das; Sie uns helfen wollen und können in dieser für unser Schicksal und dasjenige unserer Familien so nächtigen Sache Untersuchnngskommissi^n der britischen Regierung. Die von der britischen Negierung im englischen Parlament wiederholt anaekündigte britische Kommission zur Untersuchung der Pogrome in Polen wird aus den Herren Sir Stuart Samuel, Präsident des Jewisb Board of Deputies, und Kapitän Philipp Wright bestehen. Die Kommission reiste am 1. September nach Polen ab. Die britische Negierung kündigte die bevorstehende Herausgabe eines Blaubuches über die Pogrome in Polen an. m, Dir Rumänen in Ostgalizlen. Die „Jüdische Preß^entrale Zürich" meldet: Einem uns zur Verfügung gestellten Brief entnehmen nur über die Anstände in den von den Rumänen besetzten Gebieten Ostgaliziens ßba überhaste Dinge. Nach den Drangsalierungen seitens der Ukrainer, die die Bevölkerung mit Gewehrkolben zu traktieren pflegten, ihr das wertlose ukrainische Geld anszwangen und in einzelnen Städten Kontributionen speziell den Jude;; auferlegten, wurden ansänalich die Numänen als Befreier begrüßt. Bald zeigte sich jedoch, daß die rumänische Soldateska noch um vieles roher zu bau sei; v ersteh t als die Ukrainer, Alsbald wurde die Prügelstrafe eiugefühvt. Jür die geringsten Vergehen wird man zu 25 Stockhieben verurteilt. Tie Soldaten pflegen ans der Straße Ohrfeigen auszuteilen. bloß weil man Jude ist. Schreiber dieser Aeilen wurde, als man bei ihm anläßlich einer Nevision einen als Sckmltafche veno endeten Brotsack fand, geohrfeigt, und als er sich über das Vorgehen beim Kommando beschwerte. erhielt er, trotzdem er sich als ehemaliger österreichilcher Fähnrich legitimierte, neuerlich Ohrseigen. Die patrouillierenden Bürgerwachen müssen sich nur 12 Uhr nachts in den Wachstuben melden, wobei ehrwürdige graubärtige Inden von analphabetischen Aigennern mißhandelt werden, obwohl die Polizisten erklären, daß die Inden zur Meldung hinbestellt sind. Auf Schritt und Tritt 'kommt man nur mittels Bestechungen vorwärts. Mr einen Passierschein nach Ezernowitz muß man z. B. 500 Kronen bezahlen. Nach unglaublichen Mühen und Bestechungen ist es unserem Gewährsmann gelungen, nach Graz zu entkommen, von wo er den Brief, dein Nur diese Notizen entuehmen, arr seinen in Zürich lebenden Bruder gerichtet hat. * Pogrom in Minsk. Entaegeu den ursprünglichen Berichten, bei der Eroberung von Minsk seien bloß drei Inden nmgekommen, stellt sich jetzt heraus daß auch in Minsk trotz Anwesenheit General Jadwins ähnlich Vorfälle wie in Wilna, wenn auch in etwas kleinerem Umfange, sich ereignet haben. Cs gab 31 Tote, darunter fünf Kinder, und gegen 500 ausgeranbte jüdische Geschäfte. Eine große Anzahl Juden wurde verhaftet, barfuß -und halbnackt teils nach Wilna, teils nach Molodetschno verschleppt. Der Bericht General Jadwins bestätigt diese Tatsachen und erwähnt, daß laut einen; vorläufigen Bericht 376 Geschäfte ausgepü'lndert worden sind. Trotz aller Versicherung General Szeptyckis, eines Aufrufesdes Polnischen Erzbischofs wie auch des bekannten Morgenthauschen Appells und allgemeiner , Konstatierung, daß die Juden sich äußerst loyal verhalten haben — wird doch diesmal von niemandem behauptet, man habe aus den Häusern geschossen —, ging es in Minsk nicht anders zu als in den anderen vo>n den Polen eroberten Städten. Der jetzige Gouverneur I Raczkiewicz macht den Eindruck einer energischen Persönlichkeit, von dem. zu hoffen ist, daß er weiteren Aus schreit il-ngen Einhalt gebieten wird. Bisher wurden in den Warschauer Zeitungen bloß die Namen von 19 Erschossenen angegeben, während die Namen der zwölf anderen noch nicht festgestellt werden konnten. Den Sonntag über durchquerten die Mitglieder der Morgenthau- Kommission in ihren Alllos mit wehendem Sternenbanner die Straßen, was zweifellos zur Beruhigung der Juden beigetragen bat. Gegen Abend hielt General Jadwin in der überfüllten großeu Chorsynagoge den Juden eine Trostrede und erklärte, daß die Morde und Plünderungen abgestellt worden sind. Professor Gothard versprach den Juden, so lange in Minsk zu verbleiben, bis Margenthau selbst hinkomule, und er werde während dieser Zeit ilicht zulasten. daß imschuldiges jüdisches Blut vergossen und jüdisches Hab und Gut geplündert werde. Die Ermordeten und Deportierten in Minsk. Das Jmdische Preßbureau in Stockholm berichtet: Einer jüdischn Zeitung in Warschau gelang es, folgende authentische Liste jüdischer Ermordeter während des polnischen Militär- Pogroms in Minsk zu erhalten: Aba- Levin, Dr. Jreuda. Rachel Jaeidmann, Mosche Freidmann, Mosche Malawihki, Nie Schulmann, Mordecbai Levinson, Lea Horwiß, Hinde Horwitz, Mosche Scheftenwall. Koppel Romanow. Leb Nosin, Jeiwel Ochsenkrllck, Perl Pricklad, Rachel Marschack, Schepsel Boaatnrski. Jacob Liebmann und Levin. Außerdem wurden noch zwölf Personen, darunter fünf Kinder, erschossen, deren Namen noch nicht festgestellt sind. Eine Reihe angesehener Juden wurde am Tage der Eroberung verhaftet und nach Molodetschno und Wilna deportiert. Die Deportierten wurden dem Hunger und den foltern ausgesetzt. Ein Kausmann Levin starb unterwegs vor Hunger. In Molodetschno trafen 65 jüdische Deportierte ein: in Wilna reichte die Zahl der aus Minsk Verschleppten bis 500. Von Wilna nmrden sie ohne Angabe des Bestinln;nngso r tes sortqeführt. * Aus Rom wird berichtet: * CommendatoreSereni, Pros. Colombo und Rabbiner Dante Lattes überreichten nanlens des Komitees der zionistischen und rabbinischen Föderation und der jüdischen Gemeinden dem Alinisterium des Aeußern. ein Memorandum, iil welchem sie hinwiesen auf die Judeuverfolgungen in Osteuropa und auf di^ den Juden Ungarns drohende Gefahr, die Ulan für das Regiment der abgewirtschafteten Bolschewiki ausschließlich verautwortlieb zu umchen sucht, und baten die italienische Regierung, sich tatkräftig der verfolgten Inden anzunehmen. Vom Ministerium des Aeußern langte hierauf beim Koulitee der Jüdischen Ge-meinde in Rom folgende Antlvort ein: Sehr geehrter Herr Angela Sereni! Ich erhielt Ihren Brief vom 14. d., mit dem Sie im Namen des Komitees der jüdischen Gemeinden, der zionistischen uild rnbbinischen Mderation lneine Anfmerksamkeit auf die Gefahr der Verfolgungen der Juden in einigen Ländern Europas lenken und den Wunsch allssprechen, daß die Königliche Regierung zum Schutze der bedrohten Juden ihren Einfluß geltend'mache. — Seien Sie versichert, daß ich sofort darüber verfügt habe und mir noch Vorbehalte, über die nötigen Maßnahmen zu beschließen. * Die jüdische Heimstätte. London, im August. Infolge der wachsenden Ungeduld weiter Kreise der zionistischen Oeffentlichkeit hat das ellglischc Auswärtige Amt die britifchen Okkupationsbehörden in Palästina telegraphisch angewiesen, die Tatsache zu beachten, >d a ß Pal ä st i n a national e H e i m st ä t t e der Juden werden solle. Die jüdische Bevölkerung müsse, trotzdem sie gegenwärtig lloch in der Minorität sei, doch im Einklang mit jener Tatsache behandelt werden. Ter gegenwärtig hier weilende Gründer der palästinischen Bürgerpartei, Tizengosf alls Jaffa, veröffentlicht mv „Jewish Chronlcle" einige Vorfälle, die in Palästina als unberechtigte behördliche Zurücksetzung der Juden gegenüber den Arabern lmd als Parteinahme für die letzteren gedeutet werden. Den; soll die eingangs erwähnte Regierungsversügung entgegenwirken. *