Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
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411 Eine Anfrage an das württcrrrbergische Ministerium. Im Berlage von Karl Rohm in Lorch erscheint schon seit mehreren Jahren ein Blatt „Der Leuchtturm", dos „nur Leser germanisch-christlicher Nasse und Artung" wünscht und in der Tat auch mir Don ekelhafter antisemitischer Hetze lebt, dteuerdings ist in demselben Verlage eine Flugschrift „Was ist jüdischer Geist? (nach John Retcliff) erschienen, die nichts anderes darstellt als einen Abklatsch des bekannten blöden Romans des früheren „Kreuz-Zeitungs"-Redatteilrs Goedsche, „Gaetn", der id'ie bekannte verächtliche Rolle im Wäldeck- Prozest gespielt hat. Der S tu at samo-alt hat darna-ls bekanntlichden Anschlag der politischen Gegner Maldecks bezeichnet als „ein Bubenstück, einen. Alaun gatverderben". Goedsches Roman „Gaeta", der die angeblichen Weltherrschaftspläne des Judentums dokumentarisch beweisen will und Zu diesem Zweck einen Gespensterspuk aus dem Judenfriedhof in Prag erfindet, tvo ein „kabbalistischer Sanhedrin" von den Vertretern der zwölf Stämme Judas abgehalten losrd, steht als literarisches Machwerk an Nichtswürdigkeit seinem politischen Bubenstücke in nichts nach. Und der betriebsame Lorcher Verleger ivandelt nur in den geistigen Bahnen dieses Mannes, wenn er diese Ausgeburt eines perversen Gehirns als einen Beitrag zum „Kapitel jüdischen Geistes" zu Zwecken elendester Verhetzung der Missen verbreitet. Ein nicht minder betriebsainer und skrupelloser Herr ist der Stuttgarter Verleger Herr Robert Lutz, der das „Judenbuch des Magisters Hvsmann" durch eiuen obskisren Schriftsteller Heinrich Eonrad neu heransgibt, jene vor etwa 200 Jahren erschienene, von dem damaligen Konsistorialprediger Hosmann bearbeitete Märchensauuntung über die Juden. In seiner Anzeige dieses nur der Verhetzung dienenden Machwerkes im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" kitzelt er das Seilsationsbedürfnis der Leser durch die Anpreisung, daß iin diesem Memoirenwerk die Hauptschandtaten der Juden aus 17 Jahrhnüderten quellemnäßig erzählt werden. An das loürttembergische Ministerium des- Innern möchten wir daher die Frage richten, ob es der Verbreitung solcher schamlosen lügnerischen Flugschriften, die den Keim zu gewalttätigen Ausschreitungen der ungebildeten und urteilslosen Bevölkerung tu sich bergen, noch weiter mit verschränkten Armen Zusehen darf. * Dem Andenken des kürzlich verstorbenen Pfarrers Emmanuel .Heyn widmet der Verein zur Abwehr des Antisemitismus inseinen letzten „Mitteilungen" sotg'mden Nachruf: Mit dem Pfarrer Immanuel Hehn voF der Berliner Kaiser- Withelm-Gedächtniskirche, der am 19. Anglist in Greifswald im Lebensjahre nach längerer Krankheit gestorben ist, hat unser Verein ein besonders eifriges und rühriges Ausschustmitglied verloren. Als liberaler Theologe hatte der Verstorbene mannigfache Zurücksetzungen seitens der im Kirchenregiment sitzenden orthodoxen Richtung erfahren, und so gehörten seine besonderen Sympathien i veil vornherein Bestrebungen wie denen unseres Vereins, die den Kampf gegen die Entrechtung und Znrücksetznna deutscher Staatsbürger ans andereil Gebieten Zinn Zweck haben. Nachdem er längere Feit als Pastor in Greifswald gewirkt hatte, wurde er 1902 vom Berliner Magistrat zuni dritten Geistlichen an St. Petri in Berlin gewählt, aber infolge Einsprllchs des damaligen Propstes D. Frh. v. Goltz vom Kvnsistorillm nicht bestätigt. Nach zehn Jahren wurde er daun znm dritten Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtuiskirche gewählt, lind diese Wahl fand, trotz des sich dagegen ebenfalls geltendmachenden heftigen orthodoxen Protestes, schließlich die Zustimmung des Konsistorillms. Den eifrigen Kämpfer gegen Intoleranz mtb Ungerechtigkeit trieb es auch in die politische Arena hinaus: er wurde als fortschrittlicher Vertreter für den Wahlkreis Stralsnnd-Franzburg-Rügen in den Reichstag gewählt. Infolge Erkrankiing legte er sein Reichstagsmandat nieder. Daneben entfaltete er ei in eifrige schriftstellerische Tätigkeit im Sinne seiner Weltanschauung. Auch Misere „Mitteilungen" haben manchen Beitrag ans seiner Feder veröffentlicht, lvorin er scharf gegen die antisemitische Verhetzung und Ungerechtigkeit Stellung nahm. So brachten nur unter anderem im Jahre 1913 einen von ihm in Berlin gehaltenen Bortrag „Was verdankt das Christentum dem Judentum?" in drei fortlaufenden Ninnmern wörtlich zum Abdruck. Alls der im November 1913 abgehaltenen Generalversammlung des Vereins sprach er in der Diskussion, die sich an den Vortrag des Geh. Justizrats Känzow über ' Ritualmorde knüpfte, neben dem Geh. Justizrat Professor Tr. v. Liszt, der ihm einige Wochen im Tode vorangegangen ist. Bon seinem Standpunkte als Theologe und als Diener der evangelischen Kirche wandte er sich ans das entschiedenste gegen das Ritualmordmärchen und erklärte, jeder, der die heiligen Ueberliefernngen und Bräuche des Judentums kennt, wisse, daß die Anklage wegen Ritnalmords eine gemeine Verleumdung ist. Um die protestantische Kirche wäre es wahrlich besser bestellt, wenn Männer wie Heyn unter ihren Dienern zahlreicher vertreten wären. # Polen und Juden. Dem Kopenhagener Zionistischen Bureau wird aus dem Kriegsgefangenenlager Krasnaja Rietschka in Sibirien am IO. Juni d. I. über das grob antisemitische Verhalten polnischer Militärbehörden in Sibirien, die sich mit der Frage der Repatriierung der Gefangenen aus den früher zu Oesterreich gehörigen Ländern zu befassen haben, folgendes geschrieben: In Sibirien befinden sich unter den Kriegsgefangenen ungefähr 200 jüdische Offiziere und 1000 Soldaten aus denjenigen Teilen des früheren Oesterreichs, die jetzt dem neuen polnischen Staate angeschlossen wurden. Die meisten von ihnen sind Gefangene aus den Jahren 1914 und 1915. — Jetzt, da die Frage unserer Rückkehr in die Heimat von Tag zu Tag aktueller wird, merken wir schon die ersten Symptome, daß Nur mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen haben werden. Eine offizielle Polnische militärische Persönlichkeit erklärte neulich, daß polnische offizielle Kreise die Absicht haben, für längere Zeit die Repatriierung der oben erwähnten Kriegsgefangenen zu verzögern oder ganz zu verhindern.' Dieser Offizier gab als Grund dieser Absicht an, daß es unmöglich ist, an „verdächtige Elemente" Pässe zu geben oder Eisenbahnwaggons und Schiffe zu ihrer Verfügung zu stellen. Ans die Frage, welche Elemente er meine, sagte er, daß die führenden polnischen Persönlichkeiten die Inden - und in erster Reihe die nationalen Juden — als verdächtige Elemente ansehen. Da solche und ähnliche Erklärungen gehört werden, wann inaner polnische offizielle Persönlichkeiten und Führer über unsere Repatriierung sprechen, sind nur gezwungen, die jüdische Oesfentlichkeit durch die zionistische Organisation (der wir alle, bis auf wenige, als Mitglieder angehören) zu ersuchen, sich in dieser Frage zu interessieren und die Aufmerksamkeit der diplomatischen und politischen Kreise ans die Tatsache zu lenken, daß hier jüdische Kriegsgefangene ans dein neuen Polen leben, die sicher find, vernachlässigt zu io erden, wenn die anbercii Kriegsgefangenen nach Hause transportiert werden, falls die Frage ihrer Repatriierung von den polnischen Militärbehörden oder durch irgendein anderes polnisches Bureau oder Komitee entschieden werden soll. Um durch ein Beispiel zu illustrieren, wie diese Kreise die Angelegenheit betrachten, führen wir eine Veröffentlichung an, die wir in Nr. 99 der Charbiner polnischen Zeitung „Polski Kurjer Wieczoruy" vom 14. Mai 1919 finden. Der an leitender Stelle abgedruckte Artikel lautet wie folgt: „Proklamation. Da viele Personen semitischer Abstammung, die schlecht oder überhaupt nicht Polnisch sprechen, itnt Zulassung zur polnischen Bürgerschaft uachsuchen. erklären wir, um Mühe und Zeit zu sparen: 1. Alle Personen, die nicht Polnisch sprechen, können ihr Geld und ihre Zeit sparen und brauchen künftig keine Gesuche an die Kreisdelegation in Eharbin und Chabarowsk zu richten. '2. Antragsteller ans jenen Kreisen sind verpflichtet, allster den anderen Dokumenten ihrem Gesuch auch geschriebene Bescheinigungen der polnischen nationalen Gesellschasten beizufügen, bei denen sie Mitglieder sind. Diese Bescheinigungen 'müssen zeigen, daß die Antragsteller zlir polnischen Nationalität gehören, oder sie müssen durch andere Dokumente ihre Polnische Nationalität Nachweisen. Die polnischen Komitees für Zivitangelegenheiten in Eharbin lind Chabarowsk werden Gesuche um Zulassung zllr Polnischen Bürgerschaft, "'die solche Beweise nicht liefern, nicht in Erwägung ziehen. Wenn irgendein Zweifel besteht, ob eine Person der polnischen Nationalität angehört oder nicht lind diese Frage nicht geklärt werden kann, dann soll diese Person mit der Entscheidung bis zur Ankunft des polnischen Konsuls in Sibirien warten.