Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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410 Bekenntnis, und wenn einzelne Großlvgcn das noch heute tun, so stehen sie anßerihnlb des Rahmens der alten Pflichten, Wenn ihr's nicht fühlt. ihr werdet's nicht erjagen. Es gibt Leute, die nicht begreifen, daß man Christ, Jude, Islamit, Buddhist und doch ein Freimaurer sein kann, und deutsch nennt sich die Freinmurerei deshalb, weil sie im Gegensatz zur romanischen Freimaurerei keine Politik treibt, nicht die Magd einer Partei ist und die Religion hochhält in der weiten Fassung, daß sie alle Menschen umsaßt. Das ist freünaurerisch. Auch aus der deutschen Freinmurerei muß und wird die Indensrage verschwinden, die gar keine Frage ist, die Bedeutung hat. Mir wollen den Menschen als solchen als Bruder haben. Rasse, Religion, Stand ist Nebensache. Das ist freimanrerisch, das ist auch deutsch, das will auch unsere neue Verfassung. Im Gebet von Plymouth 1737 steht: „Tie Maurevei ist allgemein", lind im Testament Johannis steht: „stindlein, liebet euch untereinander." Wenn die Menschenliebe in der deutschen Freimaurerei wahre Geltung hat, so kann cs in ihr keine trennende Illdenfrage geben. Wir hoffen, daß der Geist der Versöhnung und Duldsamkeit, der Toleranz und der Achtung über die engen spezifischen Vertretungen eines Teiles der deutschen Freimaurer siegen wird, die nicht das I Ganze sind. Bit Woche. Berlin, 8. Leptember 1919. ic Wefltcnuu], die monatelang die schlimmsten antisemitischen. Verletzungen durch Wort und Schrift, selbst die mehr oder minder verhüllten Pogromdrohungen unserer antisemitischen Helden untätig auf die Bevölkerung wirken ließ, scheint sich jetzt doch endlich zu festem Ankreisen entschlossen haben. Das „Deutsche Wochenblatt" des Herrn Richard Kunze erhebt eiini großes Jammergeschrei über das Vorgehen des Staatsanwalts gegen dieses edle Blatt und seinen Herausgeber, über Haussuchungen und Konfiskation von Flugblättern sowie insbesondere darüber, daß gegen Herrn Kunze Strafantrag, wegen Vergehens gegen den 8 130 des Strafgesetzbuches (öffentliche Aufreizung zu Gewalttätigkeit) gestellt worden ist. Mit der größten Unschuldsmiene versichert Kunze, der Erfinder und Verbreiter des antisemitischen Gummiknüppels, „daß wir ernsthaften Antisemiten keine Pogrome und sonstige Gewalttätigkeiten wollen". Ja, er entblödet sich nicht, zu behaupten: „Wir Antisemiten legen Wert darauf, anständig zu kämpfen." Aber alle Beteuerungen, die die Antisemiten jetzt in ihrer Angst vor dem Staatsanwalt ausstoßen, werden ihnen nichts nützen. Das Material, das gegen sie spricht, liegt bergehoch und muß sie erdrücken, wenn die Gerichte davon Gebrauch machen. Wie wenig aber die Antisemiten daran denken, ihre wüste Hetze gegen die Juden einzustellen, geht aus den Berichten über die in Berlin kürzlich stattgehabte Tagung des Alldeutschen Verbandes hervor. Er will sich neue Satzungen geben, die den verankerten Verhältnissen Rechnung tragen sollen, doch der Geist ist der alte geblieben. In einer einleitenden Ansprache des Justizrates Elaß wird die Wiederaufrichtung des Kaisertums gefordert. Nicht aus innerpolitischen Gründen, aber in der Ueberzeugung, daß das Deutsche Reich sich bei seiner gefährdeten Lage dauernd nur unter Führung eines nationalen Kaisertums kraftvoll behaupten könne. Im selben Sinne sprach der Geschäftsführer Freiherr v. V i e t i n g h o f f - Sch e e l, der ferner die Rückgewinnung der geraubten Gebiete „Stück für Stück" als Programm bezeichnete. Die Angliederung Deutsch-Lesterreichs ans Reich hätte am Tage des Zusammenbruchs vollzogen werden müssen; daß sie unterblieben sei, bedeute eine schwere moralische Belastung der zuständigen deutschen Stellen. Weiter sprach der Redner von den Flamen und Balten, für die der Alldeutsche Verband ebenfalls am Erlosungsgedanken festhalte, und fuhr dann fort: „Schwere Kämpfe stehen uns im Innern bevor. Schwere Kämpfe wird uns 'insbesondere die Beseitigung der unerträglichen V o r herr s ch a f d e s Judentums kosten! Welchen Zweck hätte die Befreiung nach außen hin, wenn diese Schmach bestehen bliebe? Hüten wir uns vor Zersplitterung unserer Kräfte. Hüten wir uns insbesondere vor opportunistischer Mitarbeit in einem Staat, der nicht unser Staat ist! Unser Ziel heißt Zusammenschluß aller, «denen der nationale Gedanke Leitstern ist — restloser Zusammenschluß in Stadt und Land! Die Andaner der Herrschaft der heutigen Machthaber bedeutet den Untergang des deutschen Volkes." Und an allem Unglück hätten die Juden schuld; aus dieser Gedankenlinie bewegten sich alle Diskussionsreden. Sogar die Bekämpfung der Zwangswirtschaft wurde mit einer antisemitischen Spitze versehen, während sonst gerade der freie Handel als eine Ausgeburt des jüdischen Geistes bezeichnet wurde. Rittergutsbesitzer Franz v. B o d e l s ch w i n g h , der Neffe eines verdienten Mannes, prägte den Satz: „Hätten wir keine Juden im Lande, siegten wir glatt." Seine weiteren Ausführungen hatten eine Spitze gegen die Deutschnationalen, die anscheinend nicht 'antisemitisch genug sind. Der Kaiser muß antisemitisch sein. Denn „das Unglück war, daß man die Juden im Hohenzollernschlvß an der Spree sich einmsten ließ". Mit einem Gruß an den Prinzen Heinrich, „den wir hoffentlich eines Tages offen zu den Unfern zählen dürfen", schloß der Redner. Ein anderer, etwas.milderer Wind weht in den Reihen der Deutschnationaben. In - einer Mitgliederversammluna des Ortsvereins Köpenick-Adlershof der Teutschnationalen Volks- Partei wurde einstimmig beschlossen, es solle folaender Satz in das Parteiprogramm ausgenommen werden: „Die Partei bekämpft den zersetzenden indischen Geist." Länaere Auseinandersetzungen ries der zweite Vorschlag hervor, daß in den Satzungen die Bestimmuna ausgenommen werden soll: „Juden können nicht als Mitglieder in die Partei anfgenommen werden." Der Vorsitzende, Amtsgerichtsrat Matz, erklärte demgegenüber, ein grundsätzlicher Ausschluß der Juden aus der Partei wäre ein politischer Fehler und auch eine Ungerechtigkeit gegenüber den national fühlenden Juden. Darüber wisse er sich eins mit der Anffassllna des Abgeordneten Traub. Sein Lebensgang habe ihn öfters mit durchaus deutsch und ideal denkenden Juden zusammengeführt. Die Mehrheit der Versammlung stellte sich auf den Standpunkt des Vorsitzenden. Wir nehmen von diesem Eingeständnis gern Notiz: allein solange die Deutschnationale Volks-Partei den angeblich „zersetzenden jüdischen Geist" bekämpfen zu müssen glaubt, kann und wird kein Jude, der das Andenken seiner Ahnen, die für den jüdischen Geist gelebt, gelitten und geblutet haben, in Ehren hält, sich ihr anschließen. # In letzter Zeit werden an die Glaubensgenossen Rundschreiben und Aufrufe von neu gegründeten Organisationen gesandt, die es sich nach ihrem Schreiben zur Aufgabe gemacht haben, den Antisemitismus zu bekämpfen. Der Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erklärt, daß er mit diesen Sammlungen von Organisationen, insbesondere mit der Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus, Berlin, Potsdamer Straße 40, 1 Treppe, nichts zu tun hat. Welche Bewandtnis es mit der Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus hat, steht noch nicht fest. *