Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 37 Allgemeine Berlin, 12. September 1919 eilung des Judentums. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. U bonnernents-preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 LN. — Postscheckkonto 32H. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse Berlin. ♦ Tie Iirderifrcige in der beulsch'.'N Freimaurerei. Von yiUJull Dr. Cito P h ilip p N e u m a n -n' (Elberfeld). — D t e W v ch e. — Zur Ostjud^nfrage. Von Lnndgerichlsrat S e l l o (Posen). — Ias Allersheim für jüd. Taubstumme in Bln.-Niederschönbansen. Von K. — .U i'ssinger Badebrief. Von Venns L e v v (Berlin). — Das jüdische Drama. Bon W. Menkes. — Feuilleton: Benjamins Liebeslied. Von Samuel Bi e i s e l s. — Lese fruchte. — Büchereinlaüf. Der Gemeindebote (Beilage der „Allgemeinen Zeitung des Iudenwms"): Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, München, Haigerloch, Frankfurt a. M., Wiesbaden. — Von Nah und Fern. Die Iudenfrage in der deutschen Freimaurerei. Bon Dr. Otto P h itipp N e u m o n n (Elberfeld). 3n der deutschen Freimaurerei, die bekanntlich, wie der Aufsatz von Paul Mockiles in Nr. 28 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" treffend bemerkt, sich von der romanischen weit unterscheidet, weil sie religiös, apolitisch und patriotisch ist, taucht seit dem unglückseligen Buche von Wichtl die Iudenfrage wieder ans. Indem ich mich auf den Aufsatz von Paul Mockiles besiehe, möchte ich noch folgendes anführen: Die Spaltung zwischen christlicher und humanitärer Freimaurerei habe ich stets für ein Kunstprodukt gehalten. Sie ist lediglich geschichtlich bedingt, weil nachgewiesen ist, daß der christliche Zweig der deutschen Freimaurerei erst um 1750 aufgepfropft wurde. Vor 1750 gibt es keine christliche Freimaurerei. Alle Versuche, nachznweifen, daß die Freimaurerei vorher christlich war, sind fehlgeschlagen. Selbst Begem-ann von der Großen Landesloge, der „allerchristlichsten", hat zugegeben, daß die Freimaurerei vor 1717 sich aus vielfachen geschichtlichen Grundlagen entwickelt hat, welche die Humanität darstellen. L. Keller hat diesen humanitären Ursprung der Freimaurerei von 1717 bis weit zurück verfolgt. Nirgends ist nachzuweisen, daß ein Zusammenhang der christlichen Freimaurerei mit dem Urchristentum vorhanden ist. Dort, wo er versucht wurde, Handelte es sich um eine Rekonstulktion, aber keinen Beweis. Ganz folgerichtig haben auch die l Großloge „Zu den drei Weltkugeln" und die Große Landesloge den Zusammenhang mit den Templern aufgegeben, während die Großlog-e Royal Port bekanntlich nur gezwungeuermaßen. mit den anderen altpreußischeu Logen zusammenging. Christliche Freimaurerei ist an sich ein Widerspruch. Wer. ran christlicher Freimaurerei spricht, der hat die Idee der Freimaurerei nie begriffen. Man muß die alten Pflichten nur richtig verstehen. Sie garantieren bei Hochhaltnng der Religion jedem sein Bekenntnis. Das allein ist freimanerisch. Die sogenannten christlichen Logen verwahren sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus, weil sie ganz genau wissen, daß er nicht freimanrerisch ist. Und doch sollte in Zukunft in der deutschen Freimaurerei die Absperrung schwinden. Im Jahre 1881 wurde ein bemerkenswerter Ansatz gemacht. Wörtlich hat damals die Großloge „Zu den drei Weltkugeln" erklärt, daß sie sich mit der Loge der Niederlande darin eins weiß, daß der Ausschluß der Juden nicht freimaurerisch ist, und sie hofft, daß diese Schranke fallen wird. Bon einer „Berjndung" der deutschen Freimaurerei kann keine Rede sein. Ein -Flugblatt des Volksbundes für Aufklärung ging noch weiter, indem es sagte, daß „der christliche deutsche Freimaurer ein unbeschnittener Jude sei". Höher kann man den Blödsinn schon nicht treiben. Es ist doch klar, daß eine christliche Freimaurerei, die allenfalls Teilmaurerei ist, das Judentum um so mehr als Dnrchgangsstufe ansehen mußte, als gerade das Judentum das Bekenntnis ist, das einmal den Gottesbegriff am reinsten darstellte und zweitens eine adogmatische Religionsform darstellt. Adogmatisch muß aber jede Freimaurerei sein. Auch die christliche Freiwaurerei ist natürlich adogmatisch an sich und als solche. Ich kann auf Grund meiner eifrigen Studien eine spezifisch christliche Freimaurerei nicht anerkennen. Sie ist geschichtlich geworden, aber sie bedeutet eine Verengerung des frei man re rischen Begriffes. Die deutsche Freimaurerei muß ,ut dem Begriff der alten Pflichten zurückkehren: der weite Rahmen ist maßgebend, nicht der enge. Die Iudenfrage spielt in der deutschen Freiwaurerei keine Rolle. Sie kann es nicht, weil die deutsche Freimaurerei ebenso auf dem Paritätsstandpnnkt stehen muß wie die Freimaurerei überhaupt. Nach Lessing, Fichte, Herder ist der Ring, der die Bekenntnisse umschließt, der Ring einer Humanitätsreligion, oder besser gesagt: der Humanität überhaupt. Die Humanität schließt auch die christliche ein. Die christliche Freimaurerei schließt aber, wenn sie alleinherrschend wäre, den Inden aus, und dieser Ausschluß ist nicht maurerisch. Das ist der Mauzende Beweis, weshalb von einer Iudenfrage in der deutschen Freimaurerei keine Rede sein darf. Mit allen Mitteln ist jeder Antisemitismus in den deutschen Logen zu bekämpfen. Wir beklagen ja selbst die verschiedenen Systeme, aber wir müssen doch zuerst bei uns dazu gelangen, versöhnlich zu wirken. Ich halte das Buch von Wichtl für ein schlechtes Machwerk. Der Ansicht ist auch Wolfstieg in seinen Evmenins-Heften. Das Buch ist geeignet, viel Unheil anzurichten. Es strotzt voller Unwahrheiten. Tie deutsche Freimaurerei ist ein Ganzes, wenn sie auf dem Standpunkt der alten Pflichten steht. Die Mehrzahl der deutschen Maurer tut das ebenso, wie der Verein deutscher Freimaurer. Mag die spezifische christliche Freimaurerei sich dahin znrückziehen, wo sie hingehört: in die Hochgrade. Dort kann sie ein beschauliches, enges Dasein führen. Die deutsche Freimaurerei, welche aber ein Kulturfaktor sein null, kann mit verkapselten christlichen Hochgraden nicht weiter kommen. Die Iudenfrage hat mit der deutschen' Freimaurerei überhaupt nichts zu tun. Die deutsche Freimaurerei als solche fragt nicht nach dem