Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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rtn die Habbatruhe erinnert w^d'en. Eine jüdische Sage erzählt hierüber, daß. von der spanischen- Inquisition einst ein frommer Rabbi in einen nnterirdischen Keller geworfen wurde, in den kein Lichtstrahl drang, so daß er nicht wußte, wann Lag und Nacht sei und fomit auch nicht, wenn eine Woche vergangen. Nichts betrübte ihn jo sehr als der Gedanke, daß er nun verhindert wäre, den Sabbat durch Gesang und Gebet zu feiern, wie er von Jugend aus gewöhnt war; daneben machte ihm die fast unbezwingbare Sehnsucht nach feinen Zigaretten viel Herzeleid. Sütit einem Male aber schwand diese heiße Sehnsucht ganz plötzlich, und die -innere Stimme sagte chm: Jetzt ist Freitag abend! Freudig erhob er sich und dankte mit lauter Stimme Gott und segnete den Sabbat. Und so ging es Woche für Woche. Das Verlangen nach dem Tabakrauchen genügte ihm, und das Verschwinden dieser Leidenschaft zeigte dein Eingekerterten den Beginn des Sabbats an. — Eine schöne und erbauliche Geschichte. Nur hat es zur Zeit der spanischen Inquisition noch keine Zi garetten rauchende Rabbis gegeben. er. Leipzig, 29. August. E i n e D e m o k r atisierungde r jüdischen Ku l t ns ge m e i n d en forderte die Bertretermgung oer jüdischen Gemeindevereine im Freistaat Sachsen, die am 17. August m Leipzig zusammen trat. In dieser gut besuchten Versammlung iimro-e einstimmig eine weitgehende Demotratisterung der ^eniemot'u verlangt, in denen noch heute vielfach ein tinliberales und veraltetes rvahlrecht gilt, das einen großen Teil der Gemeinoemttglieoer von der Teilnahme an der Gemeindeverwaltung ausschließt. Die Leipziger Vertreterversauiinlung befcylop, die baldige Einführung eines zeitgemäßen demokratischen Wahlrechts für alle jüdischen Männer und Frauen durch Aufklärung und Organisation der jüdischen Bevölkerung und durch geeignete Schritte vei oer Lanoesgesetzgebung 511 fördern. Sternhorft, 29. August. Jiu Jahre 1908 hat die Sunonsche Stisrung das Gut Steinhorst erworben, um aus demselben jüdfleye jiinge Leute in der Landwirlschast auszu bilden. Wir folgten hierbei einer der wichtigsten Aufgaben unserer Stiftung. Die Ausbildung ui den ersten Jahren schien derart sich zu entwickeln, daß die auf dieses Gur gesetzten Hosfiungen nach jeder Richtung hin iin Laufe der Zeit sich erfüllen würden. Wir wurden durch Sachverständige, deren Urteil uns niahgebend sein miißre, in der Arbeit unterstutzl iiud gefördert. Allmählich jedoch traten Erscheinungen zutage, die lins zu einem gewissen Zweifel an der vollständigen Realisierung iiuferes Planes verechtigten. ^er Krieg hat nicht lvenig dazil belgetragen, auch mannigfache Schwierigkeiten in der Ausbildung der Lehrlinge herbeizuführen. Wir hatten allmählich die Iled-erzeugung gewonnen, daß das Gut Stein-Horst bereits beim Ankauf nicht diejenigen Eigenschaften besessen hat, die für ein Lehrgut durchailS erforderlich sind. Das Gut war seinerzeit in einem verwahrlosten Zustande errvorben worden. Die damaligen Vorstandsmirglieder ivaren trotzdem, unterstützt von der Ansicht maßgebender Fachmänner, der Ueberzeugung, daß durch größere Aufwendungen das Gut wieder auf eine enft p rechen de Höhe gebracht werden könnte. Altern, wir haben uns darin getäuscht. Trotz großer Anstrengungen tind Ausivendung von Geldinitteln und Arbeitskräften ist es uns nicht geliuigen. Der Boden ist von |ü geringer Qualität, daß sich daraus leine intensive Landwirtschaft verreiben läßt, zumal nicht sämtliche Halmfrüchte dort gebaut lverden könneli. In der Hauptsache wurden bis jetzt nur Roggen, und Kartoffeln gebaut. Außerdem sind die Errruge arlch unter den niedrigsten Erwartungen zurückgeblieben, nuo die meisten Ernten waren völlige Mißernten. Die Grundstücke liegen auch nicht, wie dies bei- Grundstücken gleicher Größe gewöhnlich der Fall ist, arrondiert in größeren Flächen zusammen, sondern zerstreut in tleineren Parzellen. Ans vorstehenden Gründen war das Eilt äußerst unrentabel und hat große Zuschüsse erfordert. Eine, gründliche Lehrlingsausbildung kann nur auf eineur intensiv belriebenen Gilt erfolgen, wo eine vielseitige Ausbildung möglich ist, nicht aber auf einem Gute wie Steinhorst mit seinem mageren Boden lUid sonstigen ungünstigen Verhältnissen. Hinzu kommt, daß bei der zerstreuten Lage der einzelnen Parzellen die Beaufsichtigung der Lehrlinge außerordentlich erschwert wird und bei. der mangelhaften Bahnverbindung mit Hannover eine persönliche unmittelbare Mitwirkung des Vorstandes bei der Verwaltung des Gutes und des Lehrlingshauses mit großen Schwierigkeiten verbunden war. Der Betrieb des Lehrlingsheims und die Bewirtschaftung des Gutes erforderten von Jahr zu Jahr ungemein, große Zuschüsse, denen nicht im entferntesten der gewünschte Erfolg entsprach. Die Simonsche Stiftung darf satzungsgemäß ihr Stammvermögen nicht aug.reiseu, nur die Zinsen für ihre Unternehuwngen verwenden. Deshalb erlvogen wir es reiflich, ob wir eine Weiterführung dieses Betriebes in Steinhorst unter den obwaltenden Umständen uevantworten könnten, und kamen zu dem Entschlüsse, das Gut unter inöglichst güustigen Bedingungen zu verkaufen. Mit dem Verkauf des Gutes war selbstverständlich auch die Auflösung des Lehrlingsheims verbunden. Wir hatten jedoch die Absicht, das Lehrlingsheini bis Oktober 1920 aufrechtzuerhalten, indem wir die daselbst befindlichen Lehrlinge unter Leitung des neuen Besitzers — der dazu vertraglich verpflichtet wurde — weiter ausbilden ließen. Bis dahin hofften wir eine Ersatzeinrichtung schassen zu können. Durch Uebernahrne einer anderen Stelle verließ nun der zeitige Leiter des Lehrlingsheims mit kurzer Kündigung ain 15. August seine Stellung. Trotz aller Bemühungen war es uns nicht möglich, eine aridere geeignete Lehrkraft zu finden. Und deshalb sahen wir ilns zu unserem großen Bedauern gezwungen, das Lehrlingsheim schon jetzt zu schließen. Die Lehrlinge sind vorläufig nach'Ahlem übergeführt. Ueber ihre Zukunft wird demnächst eine Entscheidung zri treffen sein. — Frankfurt a. M., 29. August. (Der 10 0. Geburtstag d >e S V e g r ü n d e r s d e s „K a t h e.d e r s 0 z i a l i s in n s".) H e i n r i ch B e r n h ar d O p P e n y c i m , der bekannte deutsche Jurist, Nationalökonom und Politiker, lvnr.de vor 100 Jahren, am 20. Jrrl-i 1819, in Franks u r t a. M. als Sohn eines reichen Juweliers geboren. Er studierte im Göttingen, Heidelberg und Berlin die Rechte und wollte sich dann als Prioatdozon-t in Berlin mederlassen, doch genügte selbst Bettina v. A r n i m s weitreichender Einfluß damals nicht, um bei dem bekannten Juristen Savigny diefes R-echt für einen jüdischen Gelehrten dur-chzusetzen, Oppenheim habilitierte sich deshalb in Heidelberg als Lehrer für Staats-wissenschaft und Völkerrecht lvieder. 1845 begann er seine literarische Wirksamkeit mit. der Veröffentlichung seiner „Studien zur inneren Politik" und „Geschichte und staatsrechtliche Entwicklung der Gesetzgebung des Rheins". Sein nächstes bedeutungsvolles Werk war das „System des Völkerrechts", das es zu mehreren Auflagen brachte. Das Sturmjahr 1848 fand Oppenheilu in Berlin, loo er gemeinsam mit Rüge eine Zeitschrift, die „Reform", herausgab. Auch an der Revolution in Baden nahrn er tätigen Anteil, wo ihn der Leiter der provisorischen Regierung zum- Redakteur der „Karlsruher Zeitung" ernannte. Der Ausgang der Revolution zwang, Oppen - yeim zur Flucht. 1850 kehrte er nach Deutschland Zurück, wo er seilt Werk über die „P h i l 0. s 0 p h i e d e s R' echts u n d d e r Gesellschaft" herausgab, dem zahlreiche politische Schriften folgten. Seit 18/0 lvandte er ftch rein national-ökonomischen Schriften zu. Er schrieb „lieber Armenpflege -und Heimatsrecht" lind seine bekannte Schrift „Ter Kathedersozialismus" (1872), von welchem die an den Hochschulen sozialistische Lehrsätze Vortragenden Professoren ihren Namen „Kathederfozialisten" empfangen haben. Am 29. Acärz 1880 starb Oppenheim nach einem nrbeits- und erfolgreichen Leben in Berlin. Löhmrn. 22 Prag, 29. August, Tr. I. Eisen b erg ans Dobrisch richtete vor kurzein als Ndiitgl-ied -des XVII. Orten t-ail-istenko-ngrefses zu Oxford, der im September 1915 dortselbst hätte stattfinden sollen und -infolge-des'Kvieges-verh-ndertwurde, an das Aktionskcslnitee des Kongresses die Anregung, die V-ersanmnl'tl'Ng nu-nut-ehr für das Frühjahr 1920 einzuberufen. Denn da der Wasfenlärm verstummt ist, jo fällt den Männern der Wissenschaft aller Nationen die Ausgabe 311, die zerstörten Ideale der Menschheit von neuem aufzubauen,, die einzelnen Forschungsgebiete zu beleben und sriedltche Daseinsformen anbahnen zu Helsen. Ein soeben eingelangtes Antwortschreiben des Organisationskomitees 311 Oxford nimmt diese Anregung mit Dank zur Kenntnis und konstatiert, daß auch dessen Mitglieder nach wie vor vcstrebt sind, die Vorbereitungen für eine baldrnögliche Abhaltung des internationalen Kongresses zu treffen. Der Krieg habe aber Leider derartige nationale Leidenschaften in Europa entfacht, daß oer Kongreß gegenwärtig unmöglich wäre. Oalm. z, Warschau, im August. Der „Dzicnni'k Noivy" (Warschau) vom 8. £>. M. berichtet über folgende Szene, die sich am I. August,