Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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3 Uhr nachmittags, aus i>et Bahnstation Koluszky abgespielt hat. Aus die Züge aus Lodz und Tomaschow stürzten sich Posensche 3otbatcu und fingen an, den Juden die Bärte abzuschneiden. Eine Interpellation des Czenstochauer Fabrikanten Herrn Isidor Geister bei den Eisenbahnbehvrden stieß aus die gewöhnliche Gleichgültigkeit („Das ist nicht meine Sack-e"). Inzwischen ist der Zug aus Warschau emgetroffen. Der Redakteur der Zeitung „Unser Weg", Herr Dr. Krug, horte den herzerschütternden Schrei, sah aus dem Fenster hinaus, und da er sah, daß posensche Soldaten zwei Juden versolgten, sprang er schnell hinaus und zog die beiden Unglücklichen in sein Abteil 2. Klasse hinein. Die Wagentür schlug er so sest zu, oaß die Fensterscheibe Platzte. In diesem Augenblick sprang durch eine andere Dur des Waggons ein Oberleutnant hinein und schlug Herrn Dr. Krug mit einer Kofatenpeitsche über den Kopf, daß er bluttriefend und ohne Besinnung ztl Boden siel. Die vor dem Abteil versammelten Soldaten verlangten mit dem Revolver in der Hand die Herausgabe des Herrn Krug. Bald darauf erschien der Schaffner und forderte den halb zum Bewußtsein gekommenen Dr. Krug auf, sich mit ihm zur Ausnahme eines Protokolls . . . wegen der zerfchtagenen Scheibe ins Bahnhossbureau zu begeben. Herr Geister und ein anderer bzenstochauer Fabrikant, Herr Rosenstein, erklärten sich bereit, den Schadeii 31t ersetzen, was aber von ihm nicht angenommen rviirde. Der von Blut triefende Doktor wurde aus deur Abteil heratisgeschleppt. Da warj sich die Menge der posenschen Soldaten auf ihn mit dem Ruse: „Der Herr Oberleutnant befahl, daß wir mit ihm selbst abrechnen", und fingen an, ihn zu mißhandeln. Hier ereignete sich folgende Episode. Aus der Tasche des Herrn Dr. Krtlg fiel eine englistl)e Zeitung heraus. Das bemerkte jemand und schrie: „Ein Engländer!" Es entstand ein großer Wirrwarr, welchen der Schafjner benutzte und Herrn Krug in ein Zimmer des Bahiihojsbilreaus stieß. Herr Krug mußte die Scheibe bezahlen uuo iviiroe unter Bewachung zu seinem Abteil zuruckgesührr. Dre beharrliche Weigerung der polnischen Regierungsbehörden, eine jüdische Rationalität in Polen anzuerkennen, nimmt Die sonderbarsten formen an. Der Landtagstluo der Abgeordneten. ver jüdischen „Boltspartei" ließ dem Ministerium des Innern folgende Mitleilung zugehen: „Der Regiftrationsabteilung für öffentliche Jnftitutioneii beim Ministerium des Innern gingen zwecks Bestätigung iino Registrierung die Statuten der rudiscyen Konsnmgenossenschafr des Vereins „Donich« Anijim" zli Pelzewisna Zil. Im 8 6 der erivähnten Statiiten heißt es, daß nur Angehörige der jüdischen Rationalität als Mitglieder zugelassen iverden. Die Behörde strich „Mische Ratlonatitär" und fchr.eb dafür „mosaischer Konfession". Der angeführten Genossenschaft steht allein das Recht zu, über die Mttglieoeranfnayme zu bestimmen. Der Leiter des^Reglstrrerungsauiles mag oie ilivifche ^tattonalität anerteilnen oder Nicht, es steht ihlli aber nicht oas Recht zu, in den Statuten die jüdische Elation zugunsten voii Personen mosaischer Konfession zu ändern. In der Handlungsweise des Amtsleiters erblicken wir einen Anschlag auf den Grundsatz nationaler Selbstbestimmung und bürgerlicher Gleichuerecyliguiig iino eine Bergewaltigung der BereinSsreiheit. Auf <>-ruiid oes Angesührten ersticken wir hoflichft. Die Bezeichnung „Mesche Nationalitar" um Statut zu belasten iiud die schuldigen oii Der willkürlichen Streichung zu bestrafen." Von -iah unv Fern. — Die Angelegenheiten des Judentums in Preußen sollen fortan nicht mehr denn messort des Ministeriums des Innern unterfteheli, iLiioevn tui „Rliiiisrerium jür Wistenfchajt, Kllnst und Volksbildung" oearbeitet iveroeu. Wie wir erfahren, hat der Herr Minister nunuiehr ziir Erstattung von Gutachten in Mijch-reügwsen Angelegenhcueii Sachverständige bestellt, von denen anznnehmen ift, daß fte das vertrauen der Haupts üchlichelr Richtungen im Judentum genießen. Rls solche LachverftänDlge sind auf Borfchlag des „Berbanoes der Deutschen J-udern" und der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" die Herren Iu-stizrat Lilienthal und Rabbiner Dr. latnf im Berlin, b> rufen worden. Die beiden SockMerständigen Men vor jeder rvichtigen Entscheidung gehört werden. — Wie wir vor -längerer Zeit berichtet haben, hat der Vorsitzende der Fraktion der Deutschen Bolkspartei in der Nationalversammlung, Exzellenz Dr. Heinze, auf eine Anfrage des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erwidert, daß die Deutsche Bolkspartei den Untifemit i s in u s i n jeder Form auf das entschiedenste a b - l e h n t. Dieser Brief lyat jetzt der Ortsgruppe Berlin der Deutschen Bolkspartei Veranlassung geben, den Fraktionsvorstand um Stellungnahme zu diesem Briefe des Fraktionsvorsitzenden Dr. Heinze zu ersuchen. Aus Posen wird uns geschrieben: An Stelle des nach Deutschland versetzten Lehrers an der Baugewerkschule, Professors Dr. Grotte, der nebenamtlich das Bauamt der Synagogengemeinde verwaltete, ist Baugewerksrneister Wei n stock von hier zum hauptamtlichen Verwalter dieses Amtes berufen worden. — Der Kaufmann Leo R a dz i ej e w s k i, Der eine Reihe von Jahren als erster Vorsteher der Israelitischen Gemeinde in Wreschen tätig war, hat aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niedergelegt. Zum Nachfolger hat dre Repräjentantenverfammlung den Fabrikbesttzer ». Sal 0 m 0 n gewählt. — Aus Lübeck wird berichtet: Die Erfolge der Antisemiten in den Ostseebädern haben eine Anzahl deutscher Oberlehrer nicht schlafen lasten. Sie organisierten durch die ihnen auvertraute Gymnastaljugend eine wüste antisemitische Zettelpropaganoa, die den Unwillen weiter Kreise un,erer Bürgerschaft erregt. Die Direktoren der höheren Schulen fmo nunmehr gegen oiefeil Unfug, der sich zu einer ernsten Storung Des Frieoens ui unserer Slavl auszuwachfen drohte, energisch eingefchritien. — In Bochum hat sich eine größere Anzahl von ^zuden organisiert, um die täglich m\ Den Straßenecken angebrachten indenhetze rischen Ausrufe zu entfernen. — Die Regierung in Düssetovrf soll vom Ministerium für Boitsanfklärung angelviesen worden feien, frei werdende Stellen an jüdischen Botts sch ulen für neun Lehrrräste, Die aus Den von den Dolen besetzten Gebieten kommen, offen zu halten. Der Minister hofft, viele in Ost -und West stellungslos, gewordene Lehrkräfte unterzilvringen. Schon darum hat er für die jüdischen Lehrkräfte zuerst an jüdische Schulen gedacht. Vielleicht haben die in Betracht konunenden Lehrer und Lehrerinnen Deii Wunsch gehegt, auch in Zukunft an Schuten ihres Bekenntnisses tätig zu sem. Ntan Darf auch einigermaßen bezweifetn, ob es bei der heutigen. Stimmung möglich sein ivird, diese Lehrkräfte an den Schuten anderer. Bekenntnisse unterzubringen. — Aus Frankfurt a. Nt. wird uns geschrieben: Das ausschließliche Recht zur Einfuhr von Esrogim, Lulowini .und Hadasfim aus deui Auslände ist von den zuständigen Reichsstellen wiederum Der „Einsuhrstelle für Esrogim (Zedern) uno Palmen" übertragen worden. Die Belieferung des PubU-rums soll womöglich ganz in derselben Weise durch deii Handel erfolgen wie in Friedensz-eiten, wobei jedoch seitens der „Einfuhrstelle" Höchstpreise sowohl für die Liejerung seitens der Großhändler an die Wiederverkäuser als für den Verkauf ans Publikum festgesetzt werden. Einstweilen wird die Preisfestsetzung in schweiz-erischeu Franken erfolgen. Der für die Umrechnung in Mark maßgebende Währungskurs wird von der „Einfuhrstelle" seiner Zeit öffentlich bekanntgegeven werden. — Aus Prag wird uns geschrieben: Rach mehr als zweiwöchiger Dauer ging der Prozeß gegen die Schuldigen am Holleschauer Pogrom zu Ende. Die zwei Hauptschuldigen wurden zu 15 bzw. 5 Jahren schweren Kerkers verurteilt. 11 weitere Personen erhielten ein bis vier Jahre Kerker, einvr wurde freigesprochen. — Am 15. Juli hat die litauische Regieruitg in Kowno auf 100 Rubel lautende Obligationsscheine herausgegeben. Außer dem litauischen Text enthalten die Obligationen Abschriften in folgenden sechs Sprachen: Englisch, Französische Deutsch, Polnisch, Weißrussisch und Jüdisch. — Die Egyptian Bonged Warehouses Co. gibt soeben in einem Zirkular bekannt, daß sie von der englischen Okkupationsarmee die Genehmigung erhalten hat, im Haisaer Hasen Lagerräume für Waren zu errichten. Es handelt sich um eine bedeutende kommerzielle Konzession, vielleicht die erste, die in Palästina nach der Besetzung erteilt wurde. Die genannte Gesellschaft arbeitet bereits mehr als 30 Jahre in Aegypten und verfügt über große Lagerräume in Alexandrien, Kairo, Suez und Port-Said. — Die englische Militärverwaltung in Palästina gibt bekannt, daß Gesuche wegen Einreiseerlaubnis nach Palästina und Syrien (für Verwandte, die nach diesen Ländern zurückkehren wollen) nicht mehr an die Militärverwaltung oder an die Kanzlei des Militärgouverneurs zu richten sind. Die Personen, die nach Palästina oder Syrien zurückkehren wollen, haben ihre Gesuche beim britischen Konsul ihres Ortes emzureichen, der dieselben an die entsprechenden Instanzen weitergoben wird.__ Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow. Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Moffe.