Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-05 · Heft 36 (5.9.1919) · p. Seite 408

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 408 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229392-3229426--75152-3287643
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

408 eine sehr einfache Geschichte, die jeder versteht. Das war schon so des Rabbi Art: je tiefer der Vortrag war, um so einfacher und cfemeinverständlicher war die Geschichte, die er an dem Vortrag knüpfte. der Rabbi erzählt: „Es war einmal ein jüdischer Pächter und Schankwirt, ein Arendar', der zum heiligen Rhmanower zu fahren pflegte. Der Arendar war ein gewöhnlicher unwissender Mann, wie. Arendare eben sind, aber er hatte eine biedere fromme Seele. Nun war der Mann gewohnt, jedes Jahr zum Rüsttage des Versöhnungsfestes dem Heiligen von Rhmanow einen weißen -Halhn zu bringen. Und er hatte sich's so eingerichtet, daß er am achten Bußtage, spät in der Nacht, eine kleine Laterne in der Hand und einen großen Weißen Hahn unterm Arm, sich zu Fuß auf den Weg machte und kurz vor Aufgang der Sonne beim Rhmanower eintraf. Jahraus, jahrein tat er also und rechnete sich dies als Gnade und großes Verdienst an. Einmal aber geschah es, daß er, als er sich mit Laterne und weißem Hahn auf die übliche Wanderung begab, vom Wege abirrte und in eine fremde Gegend kam. Und es war eine stockfinstere Nacht, dazu feucht und kalt, rmd der Weg >var bald steinig, bald sumpfig: da merkte unser Mann, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen. Und seine Seele betrübte sich gar sehr, und er fühlte sich müde und abgespannt, denn der Weg war ihm ungewohnt und mühselig. Plötzlich sah er von der »Verne ein kleines Licht schimmern: er ging nun geradewegs auf den Punkt zu. woher das Lichtlein herüberschimmerte, und er stand bald vor einer niedrigen Hütte. -Die Bauern! unserer Gegend sind gute Leute', sagte unser Mann zu sich selbst, .sicher gewährt man mir hier einige Stunden Rast, und mit demr ersten Hahnenschrei mach' ich mich wieder auf den Weg.' Er klovfte an. Ein betrunkener Bauer öffnete die Tür: als er den Mann mit dem Laternchen in der Hand und dem weißen Hahn unterm Arm erblickte, schrie er ihn zornig an: .Fort von hier, jüdischer Strolch! Was hast du hier so spät in der Nacht ru suchen?' Und schloß die Tür wieder zu. .Es ist Gottes Wille dabei, daß ichj hier nicht rasten soll', sagte unser Mann zu sich selbst und wanderte weiter. Da kam er in einen großen Wald. Und im Walde war äghptische Finsternis. Und dem Mann taten die Knochen loch. Ta setzte er sich unter einen Baum, stellte die Laterne, in der eine kleine Flamme brannte, neben sich und hielt den weißen Hahn etwas lässig unterm Arm. Kaum hatte er sich hingesetzt, da hörte er ein Surren und Schwirren und Kreischen in der Luft, und das Gesurre und Gekreisch? kam immer näher, und wie ein Pfeil stürzte plötzlich aus der Höhe ein riesiger Raubvogel hernieder, ergriff den Hahn und flog mit der Beute wieder auf. Zu Tode erschrocken sprang unser Mann auf und in seiner großen Verwirrung stieß er mit dem Fuß gegen die Laterne; sie fiel um, -das Licht erlosch, und die Scheiben zerschellten in Stücke und Stückchen. Da versank der Mann in tiefe Trauer, als er so allein stand — int Walde — in stockfinsterer Nacht-" Der Rabbi hält inne. Eine tiefe Stille mischt sich mit dem tiefen Dunkel im Zimmer und schafft eine graulich prickelnde, heimlichnnheimliche Stimmungssphäre, in der jeden Getreuen das Gefühl beschleicht, als stünde er — allein — im Walde - - in stockfinsterer Nacht. Der Rabbi schweigt. Die Spannung ist aufs höchste gestiegen, man wartet auf den Schlich der Geschichte. Der Rabbi schweigt noch immer. Plötzlich richtet er an Benjamin die Frage: „Warst du schon lange nicht bei den Eltern zu Hause, Benjamin?" Was soll diese Frage bedeuten? Benjamin ist ganz verblüfft. Mitten in der Dunkelheit fühlt er aller Augen auf sieh gerichtet. „Ueber ein Jahr schon, Rabbi." stammelt er, „das letztemal war ich im vorigen Jähr, kurz nach den hohen Feiertagen, zu Haufe." „Das ist nicht recht," sagte der Rabbi, „ein Kind muß di? Gelegenheit suchen, das Gebot: Ehre Vater und Mutter, zu erfüllen. Du mußt mal nach Haufe fahren. Natürlich wirst du nach Haufe fahren." Jetzt wendet sich der Rabbi wieder seiner Geschichte zu: „Stand also der Mann traurig allein im stockfinsteren Walde. Und wie er so dastand, ging auf einmal ein Brausen durch den Wald. Und das Brausen löste sich in ein wildes Getöse, in ein Pfeifen und Gejohle auf. Da ergriff unseren Mann Furcht und Entsetzen. Er legte sich platt auf den Bauch hin, hielt den Atem an und — horchte. Da hörte er das Aufschlagen von Pserdehufen und das tolle Rufen von krähenden Männerstimmen, und er wußte gleich: die wilden Männer reiten durch den Wald. Und als die wilden Männer ganz nahe an den Baum kamen, unter dem er bewegungslos dalag, da dachte der Arendar bei sich: Wie gut, daß 'das Licht erloschen ist, es hätte mich sicher diesen Männern verraten. Und als die wilden Männer vorübergerast waren und ihre Stimmen nur noch dumpf im Walde widevhallten, da dachte der Arendar bei sich: Wie gut, daß der riesige Raubvogel den Hahn entführt hat; ein Hahnenschrei — und ich wäre von den wilden Männern entdeckt worden. (Fortsetzung folgt.) Literarilchk Wittrilungm. — A u s der Mappe eines A r m e n p f le g e r s. Bon D,-. L. c Paul Lechler. Bad Nassau (Lahn) 1919, Zentralstelle zur Verbreitung guter deutscher Literatur. Ter Verfasser gibt in interessanter Werse Erlebnisse aus der Armenpflege und sozialen Fürsorge in Stuttgart wieder, wie sie sich in den friedlichen, vor dem Weltkrieg liegenden Jahren zuigetragen haben. Sie zeigen Licht und Schatten, also nicht bloß froh! erhebende, sondern auch unliebsame Erfahrungen, wenngleich 'diese in der Armenpflege in verschwindender Mnderheit bleiben. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Erzählungen der Gedanke, den der Verfasser an einer Stelle in folgendem Satze ausspricht: „Wo es sich um Armenpflege handelt, darf auf eine gründliche Prüfung der Verhältnisse nicht verzichtet werden." Dieser Gedanke sollte auch in der jüdischen Armenpflege wohl beherzigt werden. Aus diese Weise bekunden wir unsere Nächstenliebe besser aW durch gedankenloses Almosen-geben. Aber das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" sindet sich nicht bloß, wie der Verfasser angibt, rm Neuen, sondern schon im Alten Testament. Den Schluß bildet eine Anzahl tiefempfundener, gehaltvoller Gedichte, von denen wir eins, welches an einen talmu'dischen Weisheitssprnch erinnert, hier wiedergeben: S e g e n s s p u r e n. Wie die Woge, hoch und hehr, Steigt und fällt im weiten Meer, Bis das Ufer sie gewinnt Und im Sande still verrinnt: So geht auch des Menschen Bahn Tief hinab und hoch hinan. Bis sie führt nach dieser Zeit In -die stille Ewigkeit. Heil der Welle, die zum Strand Eine Perle hat gesandt! Heil dem, der'zu andrer Glück Segensspuren 'läßt Zurück! Das belehrende, dabei fesselnd geschriebene Buch verdient auch in ■ jüdischen Kreisen weiteste Verbreitung. Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lissa).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.