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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-05 · Heft 36 (5.9.1919) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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407 legenett Zeit tat; er fand es gleich heraus, daß jetzt nicht die Zeit war, Geschäftsbriefe zu 'lesen. „Sie kommen noch immer nicht", sagte Tante Mirl, ein wenig verdrießlich. „Das ist eine schöne Art, Menschen so lange warten zu lassen." Onkel Ehajim brauste auf. „Ah, nun fängt sie an, ungeduldig zu werden. Weiber haben es immer eilig. Was hast du schon keine Zeit? Fürchtest du, die Torte wird altbacken?" Da stürmte Menachem ins Zimmer. Gr übersah sogleich die ganze Situation. „Was?" sagte er, „sie sind noch nicht da? Ick Lackte, sie wären schon längst hier. Da muß ich aber gleich mal hingehen und Nachsehen, was los ist. Sicher wird nichts los sein. Der Eisriel Lamdan — wer kennt den nickt? — bis der sich herausrührt? Na, na. wir werden ia gleich sehen." Menachem machte mit dem Oberkörper eine schiefe Bewegung und entfernte sich. Onkel und Tante setzten sich in Positur, denn nun konnte es ia nicht lange mehr dauern, nun mußten die ehrenwerten Gäste jeden Augenblick ankommen. Tante Mirl stützte den Kops attf die band, Onkel Chajim zupfte sich am Bärtchen, von Zeit tu Zeit sahen sie einander an und — warteten. Die Zeit schlevpte sich mühsam vorwärts, trippelte mit Schneckensckritten dahin, wie sie immer zu tun beliebt, wenn ungeduldig Wartende dem Rundgang ihres Zeigers folgen . . . Es dunkelte. — Jetzt erst ward es ihnen klar, daß Jankel Krummbolz und Esriel Lamdan nicht kommen werden. Onkel Ebaiim hörte aus, sich am schwarzen Bärtchen tu zuvsen. Er erhob sich, zog den neuen Kaftan aus und den alten, schäbigen', arünlick schimmernden wieder an und'machte sich bereit, ins Bethaus zu gehen. Tante Mirl trug den Wein und die Torte und 'das Eingemachte und das Obst hinaus, um es in dem K>nussckrank einzusckließen. und hielt währenddessen'eine Rede über die Unverschämtheit mancher Emporkömmlinge. „Das ist auch eine schöne Art, Menschen anzuführen," sagte sie. „Einen Besuch anzusagen, und dann nicht zu kommen — das kriegt wirklich nur ein Chassid, ein Narr, fertig. Heißt das eine Unverschämtheit. Menschen unnützerweise sitzen und warten, zu lckssen! Wir haben uns Jankel Krummholz nickt aufgedrängt, er hat selbst Menachem zu uns geschickt. Jetzt hat er sich anders besonnen — nun gut! . . . Natürlich Paßt es seinem Vatersvater nicht, daß er sich mit itn* verschwägert! . . . Eine Kleinigkeit — wer Jankel Krummbolz ist! . . . Worauf der nur stolz sein kann? Auf seinen Jichus? . . . vielleicht auf die häßliche Maid gar? . . . Ich will nichts gesagt haben . . . Aber dir, Benjamin, sag' ich, mach' dir nichts daraus, wahrscheinlich ist es keine Bestimmung. Möge Gott geben, ihm Schöneres und dir Besseres!" Sie sprach noch lange in, diesem Tone weiter, obwohl ihr niemand zuhörte. Onkel Chajim begab sich ins Bethaus. Benjamin aber ging nach dem Kai, in 'der Hoffnung, dort Sara-Lea ju begegnen'. Fü'wftes Kapitel. Die hohen Feiertage waren vorüber. Mit dem Verlassen der Laubhütte setzten, die ersten Herbststürme ein. Wind und Regen und Regen und Wmd wurden die Gefährten des Tages. Die Reichen ließen sich auf ihren Hof eine Klafter Holz ablegen, mietet« zwei Holzhacker, die es in kleine Stücke spalteten und nach den Holzkammern trugen. Die Aermeren holten vom Dachboden die verrosteten kleinen eisernen Oefen mit den krumm-gebogenen! Ofenröhren herunter und ließen, sie in den geeigneten Winkeln einmauern. So. hatte ein jeglicher sein Heim, je nach seinen Verhältnissen, gegen die Winterkälte versichert. Und der Winter stand in der Tat schon vor der Tür. Die Tage wunden zusehends kürzer — das konnte man am augenscheinlichsten bei der dritten Mahlzeit an' Hügel-Rabbis Tische wahrnehmen. Diese dritte Mahlzeit, das letzte Mahl vor Sabbatausgang, begann in der Regel in der Dämmerstunde und währte bis in die Nacht hinein. Jetzt aber brach die Dunkelheit jäh herein, sobald man sich nur zu Tische setzte, und man saß in vollkommener Dunkelheit, sah nichts, sondern hörte bloß den, Gesang der Chassidim und die heiligen Worte des Rabbi. Zwar soll es bei seinen Worten, stets hell im Zimmer geworden sein!, aber diese Helle sahen nur die Getreuen des Rabbi, und die Tatsache bleibt bestehen, daß man bei der dritten Mahlzeit das Kürzerwerden der Tage augenscheinlich wahrnehmen konnte. Sabbat war's. Und gerade bei der dritten Mahlzeit. Und der Rabbi „sagte Thora", das heißt, aus dem Chassidischen ins Gewöhnliche übersetzt, er predigte. Wer nicht den Hügel- Rabbi bei der dritten Mahlzeit „Thora sagen" hörte, wird es nie im Leben erfahren, welche Seele in den, Worten wohnt! Selbst von denen, die ihn hörten, waren es nur die Getreuesten, und Eingeweihten, die Sinn und Geist dieser Reden begriffen und von den Wortseelen! Kenntnis erhielten. Es ist auch stark zu bezweifeln, ob Benjamin, der heilte, ohne zu wissen wieso und-warum, mitten u>n,ter den Ehassidim saß und seltsamerweise in der nächsten Nähe deI Rabbi zu sitzen kam, das Licht sah, das die Worte des Rabbi ausstrahlten. Wenigstens hat er sich selbst später Jossel Schlüte gegenüber geäußert, daß er rein nichts von des Rabbi „Thora" verstanden habe. Die Dunkelheit wuchs und wurde immer 'dichter und ballte fick schließlich zur undurchdringlichen Finsternis zusammen, und des Rabbi Stimme wurde immer stärker, immer Heller, als ringe sie mit den Mächten der Sprache um erleuchtende Klarheit. Er sprach, über die Frömmigkeit und über das Wesen des Frommen, und stieg hinunter in die Untiefen der Kabbala und holte Perlen hervor, die er zu schimmernden Perlenschnüren aufreihte und sie als Angebinde um den Hals seiner Getreuen, schlang. Er zerlegte das Wiesen des Frommen» in alle seine vielfältigen und zwiespältigen Bestandteile und gliederte diese wieder zu einer harmonischen Einheit. Er maß 'die Größe der frommen Seele mit unter- und oberirdischen Maßstäben und gelangte zu der Einsicht, daß ihre Größe unmeßbar sei, daß man wohl des Himmels Höhen erforschen und der Erde Tiefe ergründen könne — aber ewig unergründlich und unerforschlich bleibe die Seele des Frommen. Dann« knüpfte er an' den Bibelvers an: „Der Fromme entgeht der Gefahr", und seine Stimme ward traurig, indem er von den Gefahren sprach, die dem Gerechten und Frommen allerorten drohen, von den Dornenhecken, die seine Wege versperren, von den Jägergarnen, die unsichtbar vor seinen Füßen gebreitet sind. Und der Rabbi geriet allmählich auf Um- und Abwege, und es hatte den Anschein, als wandle er auf tausendfach verschlungenen Pfaden, als verliere er den Zusammenhang mit dem Gerechten und Frommen und als habe er sich am Wege verirt und finde sich nicht mehr zum Ausgangspunkt zurück. Doch er kehrte zurück: — nach langer Wanderung durch mystische Labyrinthe kehrte er zum Ausgangspunkt zurück, und sem Vortrag wurde zum Gesang mit dem ewigen Refrain: Der Fromme entgeht der Gefahr. Merkt aber der Rabbi, daß seine Saat nicht in die Furchen aller Herzen fällt, und er möchte doch nicht, daß jemand von seinem Tisch leer ausge'he, so beginnt er dann für die minder Eingeweihten eine Geschichte zu erzählen, und gerade

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