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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-05 · Heft 36 (5.9.1919) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
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406 Wdilchr Märchrn. ättcn wir geglaubt, daß in unserer Zeit noch jüdische Märchen aus der Tiefe der Volksseele geschaffen würden, Märchen, in denen alles klingt, was uns froh und glücklich macht, alles, was aus der Tiefe jüdischen! Gemütslebens schöpft, das ja so unendlich reich ist an unvergänglichen Werten? Und doch sind solche Märchen geschaffen worden aus dem gärenden Geiste unserer Zeit! Kriegsnot brachte jüdische Flüchtlingskinder aus Galizien nach Prag, wo sie in einem Kinderheim Pflege fanden: aber auch für ihre aufgescheuchten Seelen war zu sorgen, die sich erst in dieser anderen Welt zurechtfinden mußten! Eine von den Helferinnen war Irma Singer, eine Turnerin des „Makka'bi", die die Lust der Kinder am Zuhören stillte und ihnen erzählte, was ihr in immer neuer Fülle zuströmte. So sind diese Märchen entstanden, die uns nun in dem „Verschlossenen Buch" vorliegend, Märchen, die bei ihrem Werden nicht wollten, daß sie einst ein Buch füllen sollten! So ist dieses jüdische Märchenwerk ganz unlit-erarisch entstanden, und darum wird es uns imt so lieber; Mar Brod bat in einem Nachwort diese Entstehungsgeschichte uns mitget-eilt! Als wir dieses Buch lasen, da ist es uns wieder gegangen, so als wir einst Kinder waren: brennenden Auges saßen wir da und lasen und lasen. Diese ganze Märchenwelt war uns ia wirklich ein verschlossenes Buck, zu dem uns der goldene Schlüssel verlorengegangen ist: unb nun hat ihn uns Irma Singer gebracht und uns das Buch geöffnet! Wir blättern in ihm und lesen „von der Erschaffung des Menschen", wie Gott Seele. Herz und Verstand in einen Körper znsamnrentat und dom Menschen die Augen schilf, aus denen sie hinausblicken können und in denen man alle drei sich widerspiegeln sieht! Wir lesen von Adam und Eva, und aus dem ewig sich erneuernden Märchen wird uns klar, wie Menschen sich zusammenfinden. Und in die Not des Iudenvolkes fizhrt uns das Märchen, wohin der Tod die Königin Esther entführte! Denn Esther ist ja gar nicht tot, sie sammelt die Tränen, die die Juden weinen, zu einer Perlenkette auf. Was aber soll ich noch erzählen von den vielen anderen Märchen des „Verschlossenen Buches"? Würde das ja wieder ein Märchenbuch werden, aber kein so schönes, wie es Irma Sinaer geschaffen hat! Aber welch junaes indisches Herz müßte nicht höherschlagen, wenn es von Bar Kochba hört, der das Volk aus schwerer Not befreite und ein Führer ihm in seiner tiefen Erniedrigung wurde! Fallende Sterne! Welch Kinderherz mag nicht schon staunend gestanden haben, wenn es eine Sternsckmupve fallen sah; auch daraus wird ein jüdisches Märchen, das uns erzählt, wie einer dieser Sterne auf das Schild des Königs David fiel und dort haften blieb und zum Davidstern wurde! Wer schon einmal auf dem Präger jüdischen Friedhof gestanden hat, auf den hat seine Stimmung unauslöschlichen Eindruck gemacht: von den Grabsteinen dieser gottgeweihten Ruhestätte weiß die Verfasserin ein wundersames Märchen zu erzählen. Aber geht und lest selbst, dann werdet ihr auch erfahren, Umhin der Golem die kranken Männer bringen ließ, und warum damals das älteste Haus auf der Hampasgasse eingestürzt ist! Ihr werdet auch bei Schneeglöckchens Hochzeit dabei sein können und von dem einsamen Baum auf der Heide hören! h Irma Singer: „Das verschlossene Buch", Jüdische Märchen, mit Nachwort von Max Brod und vier Textbildern von Agathe Löne. R. Löwit Verlag, Berlin und Wien, 1918. Und auch euch wird das „goldene Lachen" geschenkt werden, und ihr werdet allen Kummer und alle Sorgen vergessen! Alle die alten Geschichten werden eure Seelen wieder erfüllen, Kain und Abel in ihrem unseligen Bruderzwist werden wieder erstehen und Simson in seiner kindlichen Einfalt und seiner von einer schlechten Frau getäuschten Ehrlichkeit! Und wie weiß Irma Singer erst zu erzählen von der Zionsliebe und von der Röte der Winkersonne und von den Flügeln der Engelein! Wenn ihr alle aber, die ihr Kinder besitzt, leuchtende Kinderaugen sehen wollt und glückliche Menschlein, dann geht und schenkt ihnen dieses Märchenbuch voll blühenden Lebens und alter Weisheit: ein neuer Beweis dafür, wie Israel immer aufs neue aus dem Born seines Wesens sich versüngt. Dann aber wird auch in der Seele unserer Kinder, die — ach! — viel zu wenig von ihrem Judentum wissen, neue Liebe emporblühen zu der Art, aus der sie gewachsen sind. Was aber gibt es Schöneres für Kinder als Märchen? Möchten wir nicht alle noch einmal Kinder sein wollen, um lauschend dazusitzen, wenn erzählt wird? Wie schnell aber sind dem unersättlichen Kinderohre die Märchen erzählt, die wir bisher besessen haben. Müssen wir darum nicht froh und dankbar fein, daß sich hier eine neue Märchenwelt aufgetan hat, damit wir den Durst unserer Zuhörer stillen können? Dies aber wird der schönste Lohn für Irma Singer sein, wenn ihre Märchen oft und gern erzählt werden! Dr. Willy Cohn (Breslau). Srnjsmjns Liebeslied. (9. Forts.) Roman von Samuel Meis e l s. un saß er da in seinem neuen Kaftan, ernst und würdevoll, zupfte sich am schwarzen Bärtchen und wartete auf den Besuch. Tante Mirl trug zu Ehren der Gäste, die kommen sollten, eine gestreifte Bluse und eine weihe Schürze ilnd saß mit gekreuzten Armen erwartungsvoll in einer Sosaecke. Benjamin ging ungeduldig im Zimmer auf und nieder. Es herrschte Ruhe. Keiner sprach ein Wort. Man hörte leise die Küchentür öffnen. „Sie kommen!" Tante Mirl schnellte empor und lief in die Küche. Es war ein Nachbarskind: mit dünnem Stimmchen fragte es, wie spät es sei. Tante Mirl sagte es ihm und kehrte dann ins Zimmer zurück, um ihren Platz in der Sofaecke wieder einzunehmen. „Wer war dort?" fragte Onkel Chajim. „Das kleine Gitele war's", sagte Tante Mirl, „das Kind wollte wissen, wie spät es sei. — Es ist schon halb vier. Ich muß mich wundern, daß sie noch nicht da sind. Menachem sagte, daß sie um drei hier sein werden." „Wozu die Eill?" entgegnete Onkel Chajim. „Wo steht's geschrieben, daß sie pünktlich sein müssen? Wenn sie gesagt haben, daß sie kommen, so werden sie auch kommen." Wieder trat Stille ein. Lange und gelangweilt saßen sie da. Benjamin trat ans Fenster und blickte aus die Gasse. Da hörte man abermals, jetzt mit einigem Geräusch, die Küchentür gehen. Tante Mirl sprang auf und lief hinein. Es war der Briefträger, der einige Briefe brachte. Tante Mirl überreichte die Briefe Onkel Chajim. Dieser öffnete sie nicht, sondern betrachtete eingehend Poststempel und Adresse und schob sie dann in eine der Rocktaschen. Onkel Chajim war ein Mann von Grundsätzen, der alles zur ge-

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