Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
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404 Wollen die jüdischen Männer auch angesichts dieser Tatsachen allein die Siegelbewahrer des Menschentums bleiben? Daß die jüdische Frau für große Aufgaben reif ist, das hat sie im Kriege bewiesen, sie stand ihren Mann in der Heimatfront. Wir sind es müde, nur noch „Ehrendamen" und „Kommissionsdamen" fürderhin zu heißen. Wir fordern unseren Anteil an den jüdischen Gemeindeverwaltungen, in den jüdischen Organisationen. Kaum noch für uns stellen wir diese Forderung, wir fordern ihn für die Jungen, die Lebensstarken, die geistig und seelisch eine Verankerung brauchen, sollen sie nicht ausschließlich in der deutschen Kulturwelt aufgehen. Sie werden die Enttäuschung nicht tragen, wie wir sie getragen haben, die wir so stark mit dem Judentum innerlich verbunden sind, daß wir unsere Lebensarbeit nur innerhalb des Judentums suchten und das Bewußtsein ertrugen, gar keinen Einfluß auf den inneren Ausbau unserer Gemeinschaft zu haben. Wir horchten auf den Stnndenschlag der Zeit und wissen darum, daß unsere Zahl kleiner wird, daß Abfall uns umdroht, daß die Dahingegangenen die Lebendigen mahnen, keine Kraft ungenutzt zu lassen. Die Wahlberechtigung wird uns nicht Ziel sein, nur Ausgangspunkt; konunen wird sie, wenn nicht freiwillig durch die jüdischen Männer, dann durch das Gesetz. Man hat uns geraten, keine Steuern zu zahlen — bis uns auch das Passive Wahlrecht geworden, aber Streik ist unserer nicht würdig. Doch wir rufen die jüdischen Frauen hiermit auf — und wir werden Wege suchen und finden, diese Forderung an alld jüdischen Frauen hcranzubringen —, wählet keinen Mann in die jüdische Gemeindevertretung, der nicht für das aktive und Passive Wahlrecht der Frau eintritt. Auch der Schwache wird durch Einigkeit mächtig. Wenn die Männer Passiv bleiben, so müssen wir Frauen aktiv werden, und der Wahlkampf wird uns vorbereitet finden. Der Jüdische Frauenbund stellt sich die Aufgabe, die Gleichgültigen aufzurütteln, die Schwachen mitfort,zureißen, die Starken zu ermutigen! Die Frauen werden zu anderen Formen und Methoden gezwungen, die Besten und Fähigsten unter den Frauen sollen und müssen zur Wirksamkeit gelangen und Positive Kräfte in die dringend notwendige Neuordnung des jüdischen Gemeinschaftslebens hineintragen. Sie werden zu höheren Formen führen und Altes mit neuen: Inhalt erfüllen, des bin ich gewiß. Die rein menschlichen Angelegenheiten, mit -denen die Frau durch ihre Seele und ihr Sein verknüpft ist, das Menschlich- Persönliche, das nicht nur kühl verstandesgemäß behandelt werden darf, werden sie zur Auswirkung bringen. Das weibliche Prinzip, die Pflege des Persönlichen, die Fürsorge, darf nicht ausschließlich Sache des Mannes sein. Die Gemeinde muß innerhalb des Judentums eine Stätte werden, in der die Frau dem Manne gleichberechtigt und helfend zur Seite steht. Die Fürsorge für die Kinder, die Jugend, die Schule, Erziehung, Erholung, Berufswahl, Ausbildungsmöglichkeiten, Kampf gegen Unsittlichkeit und Laster sind Gebiete der Frau. Mögen die jüdischen Männer einsichtig genug sein, das Tor für den weiblichen -Einfluß wert zu öffnen. Bei allen Einrichtungen, die zum Schutze Kranker und Schwacher dienen, die zur Förderung -der Gesundheit dienen, da verlangen wir jüdischen Frauen grundlegenden Einfluß als geborene Hüterinnen und Erzieherinnen. Die Frauen haben auch ein stark religiöses Bedürfnis, hemmet doch nicht ihre Eigenart! Lasset doch ihre natürliche Veranlagung ein Segen für viele werden. Mit reinem Idealismus stellen wir diese Forderung, mit ungebrochenem Glauben an Menschheitswüvde verlangen wir neue Rechte um der neuen Pflichten willen. Unser starker Wunsch mutz endlich Gegensätze, alte, verrostete Vorurteile brechen. Unser sittlicher Wille ist unser stärkstes Machtmittel. Ernst und wahrhaftig sind meine Worte gemeint, mögen sie die Herzen ernster Männer und ernster Frauen in ernster Zeit treffen*). Irholchus (Schir) Femlinger. Lin Gedenkblstt?u seinem 88. Geburtstage l183S dis 1872). Von Musikdirektor A r o n Fried m a n n. in glänzender Edelstein in der Krone der Wilnaer Kantoren um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war Iehoschua Feinsin.ge r. Er wurde in Plungian 1839 als Sohn des dortigen Chasan, Rabbi Leyser Feinsinger, «geboren." Sein Vater führte ihn in den Geist der Bibel und des Talmuds ein und leitete später die gesangliche Ausbildung des stimmbegabten Knaben. So vernahm Schie Feinsinger bei seinem Vater, der zu den besten Kantoren Rußlands zählte, den jüdischen Traditionsgesang und leistete ihm des öfteren beim Gottesdienste als „Singerl" Dienste. So oft der kleine Feinsinger mit seiner gefühlvollen, hellklingenden Sopranstimme ein Solo lang, entzückte er die Hörer. Sein Vater fuhr fort, die stimmliche und musikalische Ausbildung seines Sohnes Schie zu leiten, und Schie gehörte zu den strebsamsten und begabtesten seiner Meschorerim. Oft bedachte ihn der Vater mit einem Jntroduktionsgesang vor manchen Gebetstücken; Schie entledigte sich seiner Aufgabe mit großem Geschick und entwickelte dabei eine reiche musikalische Phantasie. In Beh'inderungsfüllen vertrat Sckie seinen Vater und betete mit den Meschorerim vor. Der Beifall in der Gemeinde war steks sehr groß, so daß sich an ihm das Wort des Sprüche-Dichters: „Ein kenntnisreicher Sohn erfreut den Vater" bewahrheitete. So reifte Schie Feinsinger unter der Leitung seines Vaters zum selbständigen Chasan heran, und nachdem er sich auch genügende hebräisch-talmndische Kenntnisse angeeignet hatte, nahm er die Chasanstelle in Lunziz an. Hier und in den Gemeinden Kollo und Wlozlawek erlangte Feinsinger eine Meisterschaft im kantoralen Vortrag. Seine 'reiche Phantasie und seine musikalischen Kenntnisse befähigten ihn zum Komponieren der gottesdienstlichen Gesänge, die ungeteilten Beifall fanden. Feinsinger erfreute sich daher eines großes Rufes und galt als einer der hervorragendsten Kantoren Rußlands. Als der Wilnaer Kantor Chajim Wasserzug im Jahre 1868 an der Rorth-Spnagogue in London die Oberkantorstelle annahm, bewarb sich Feinsinger um die Wilnaer Chasanstelle. Er wurde zur Probe berufen, und die ganze -Gemeinde ernannte ihn einstimmig zum Nachfolger Wasserzugs. Es gelang Feinsinger, vermöge seiner phänomenalen Stimme, seiner prachtvollen Koloratur und seiner vollen Beherrschung der shnagogalen Gesangsweisen den großen Anforderungen, die die Wilnaer Gemeinde an ihn stellte, zu entsprechen. Ueber seinem Vortrag lag ein eigenartiger musikalischer Zauber, und die Hörer 'standen gar oft unter demEindruck einer prophetischen Offenbarung. Die Gemeinde lauschte mit Verständnis den Feinsingerschen Kompositionen, so auch seinemn^'Or* rrSlSttf in der S'phira Sabbaten. Diese Komposition, die durch ihre charakteristischen melodischen Wendungen die mittelalterlichen Leiden der Juden verkörpert, hat sich durch mündliche Ueber- *) Wir behalten uns vor, auf diese Ausführungen in einem besonderen Artikel zurückzukommen. Die Redaktion.