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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-05 · Heft 36 (5.9.1919) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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--403 Wir Juden haben den sozialen Grundgedanken 'dieser Revolution in der uns überlieferten Religion seit Urbeginn verankert. Es könnte sich nur darum handeln, o-L das augenblicklich lebende Geschlechtso fest in seinem Judentum wurzelt, daß seine Weltanschauung mit diesem sozialen Gesetz verflochten ist, daß es innerhalb seiner Welt, seiner jüdischen Welt, Brücken und Bogen errichtet hat, die hinüberführen über Klassenunterschiede, über Differenzierungen, so daß das Geistige nicht nur geschützter Besitz ist von Auserlesenen, daiß nicht nur der Starke Lebensrechte hat, daß nicht nur das Ererbte gilt, sondern daß wirklich auch noch heute, in drang? voller Zeit, die Majorität des deutschen Judentums die Vertretung des Sozialismus, die Vertretung „der sozialen Idee", zum Ausdruck innerhalb des Judentums bringen will. Als jüdische Frau, zumal als jüdische Frau, die diese Worte nicht für sich allein ausspricht, sondern auftragsgemäß als Vertreterin des Jüdischen Frauenbundes, der etwa .">0 000 jüdische Frauen vertritt, kann ich das nicht ohne weiteres bejahen. In dieser hoffnungslosen Zeit ist eigentlich nur die Zukunft der Frau hoffnungsvoll beleuchtet und aus tiefem Sckatten in die Sonne gerückt worden. Auch der jüdischen Frau? Ist auch.innerhalb der Judenheit in Deutschland für die soziale Gleichberechtigung der Frau irgend etwas geschehen? Wir Frauen begrüßten die Stunde der Revolution mit Jubel, gab sie uns doch endlich Menschenrechte. Aus der dunkelsten Schicksalsstunde des deutschen Volkes ist die neue Welt der Frau geboren. Die Lebensform der Frau hat dadurch eine ungemeine Steigerung, eine Erhöhung erfahren. Kann und will die Judenheit an diesem Erlebnis der Frauen unberührt und ungerührt vorübergehen? Wir spähten und horchten -mit wachen Sinnen umher, doch kein Hauch einer sozialen Gesinnung innerhalb des Judentums uns gegenüber war zu spüren. — Die deutsche Verfassung, die die Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen enthält, hat den Satz festgefügt ausgenommen: „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten." Dadurch ist die 'Gleichberechtigung der Frau besiegelt. Das Gemeinsamkeitsgefühl der jüdischen Frau ringt nach Ansdruck: es will nicht verletzen, aber es kann nun auch nicht länger schweigend dulden, daß die jüdischen Frauen nur im Weltakkord ein Klang mit Ton und Färbung sein sollen, innerhalb des Judentums ein Hauch, verweht im Winde. Wir lieben unser Judentum, wie es der jüdische Mann liebt, wir haben es eingegraben im tiefsten Herzen, es bedeutet unseren Mikrokosmos, unsere innere Welt. Sollen wir Jüdinnen nur als deutsche Staatsibürgerinnen zur Auswirkung unserer Persönlichkeit kommen un«d innerhalb unserer jüdischen Gemeinschaft weiter, wie bisher, im Rate der Männer schweigen müssen? Ist die Judenheit so in sich gefestigt, so stark, daß sie freiwillig Verzicht leisten darf auf die Mithilfe des wesentlichen Teiles ihrer Zugehörigen? Wir deutschen Jüdinnen verlangen endlich in ein -bewußtes Verhältnis, auch nach außen, zu unserem Judentum zu treten, wollen mit den Männern gemeinsam die Verantwortung tragen für die Fortentwicklung und das Bestehen des Judentums. Die kühle Reserve so vieler Jüdinnen dem Judentum gegenüber ist großgezogen dadurch, daß man sie grundsätzlich fernhält, bewußt a'bschließt von den Vorgängen innerhalb des Judentums. Die Gleichgültigkeit führte zur Mißachtung, zum Abfall vom Judentum. Das Bildungsverlangen der'jüdischen Frauen, ihr Betätigungstri-ob, ihre Energie sind in falsche Bahnen gelenkt worden. Man findet Jüdinnen, zielbewußt, vielfach an ersten, führenden Stellen, ihr Organisationstalent, ihre Klugheit befähigen sie dazu; nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft da ist kein Platz für ihre Fähigkeiten, kein Platz für ihre Tlüchtigkeit, kein Platz für ihren Fleiß, für ihr Pflichtgefühl. Können und wollen die jüdischen Männer es noch fürderhin verantworten, daß ihre Frauen, ihre Töchter, ihre Schwestern auch ferner teilnahmslos den Interessen des Judentums gegenüberstehen, sie, die berufen wären, kraft ihrer Bildung, ihrer Energie Entwicklung in stagnierendes Leben zu tragen. Wir haben geharrt lind gehofft, daß die jüdischen Männer, der veränderten Zeit Rechnung tragend, endlich ansangen werden, die Psyche der jüdischen Frau zu verstehen und sie, die in ihrer eigenen Gemeinschaft nicht länger mehr die Rolle des Aschenbrödels spielen will und kann, will sie nicht die Eigenachtung und die Achtung ihrer nichtjüdischen Mitschwestern verlieren, an die Stelle zu rufen, die ihr schon lange gebührt. -- Ist die Zurücksetzung der jüdischen Frau wirklich nur zurückzuführen auf den Ausspruch, auf den die „Gesetzestreuen" sich stützen: „Die Frau dürfe nicht zur Königin ausgerufen werden"? Soll die jüdische Frau wirklich nur aus diesem Grunde mit dem aktiven Wahlrecht sich begnügen, das passive darf ihr nicht werden? Die Majorität der deutschen Judenheit ist doch sonst nicht aus der Seite der streng Konservativen zu finden. Also muß doch die ablehnende Haltung in der Gemeindewaihlrechtssache einen anderen Grund haben. Hat nicht Deborah 40 Jahre unter der Deborah-Eiche gesessen und dem Volke 40 Jahre Recht gesprochen und den Frieden gebracht? Hat nicht der Herr in die Hand einer Frau den Sieg gelegt, als die Männer schwankten? Und war nicht Mirjam die Helferin ihres Bruders, hat sie nicht „das hartnäckige Volk" in der Wüstenwanderung inst dem großen Moses gemeinsam (?) geführt und erzogen? Ja, berufen und auserlesen war sie zu dem großen und schweren Erziehungswerk, denn sonst hätte Gott sie nicht stchtbarlich vor dem ganzen Volke bestraft, als sie schuldig wurde, sich gegen Moses verging. Die Frauen bringen das für den Gemeindeorganismus mit, was ihm not tut; es ist der soziale Gedanke, der aus-der mütterlichen Bestimmung der Frau herausgeboren wird, und der sie befähigt, ü b e r ihren eigenen Kreis hinaus zu wachsen, ohne ihre eigene Familie zn schädigen. Die Frauen sind auch weniger als die Männer in Interessengruppen gegliedert, sie sind nicht in dem Maße wie der Mann von der Erwerbstätigkeit in Anspruch genommen. Die Frau sieht es als ihre höchste Lebensaufgabe an. Zartes, Hilfloses zu hüten, zn Pflegen, zn schützen, die geistige und seelische Entwicklung der Jugend zu fördern. Dadurch wird die Frau schon über ihre eigenen Interessen zu denen der großen Familie, der Gemeinde, hinübergeleitet. Dieses Hinauswachsen über sich selbst macht die Frau erst zur rechten Frau, zur rechten Mutter. Die Frauentage war weniger eine Rechtsals eine Pflichtfrage; die Frau verlangt nach Rechten, um erweiterte Pflichten zu haben, sie verlangt freie Entfaltung in voller sozialer Wirksamkeit. Die Frauen sind von ihrer sozialen Mission erfüllt, sie wissen, daß starke lebensvolle Kräfte dem Judentum durch ihre Mitarbeit zugeführt würden. Die Frau ist von Natur aus konservativ, erhaltend. Es gibt heute schon jüdische Frauen und Mädchen, die sich gegen Lebensgewohnheiten, in die sie hineingeboren sind, auflehnen, weil sie erkennen, daß ein unnützes Leben einem frühen Tode gleichkommt.

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