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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-05 · Heft 36 (5.9.1919) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 401 (sequence 5)
Language
German
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-401 Aufschrift: „Hinaus mit i>cn Juden" u. dgl. getragen. Die Teilnehmer stießen'hierbei Beschimpfungen gegen die Juden und Tschechen aus und belästigten vorübergehende grauen und Männer, welche iüdisch aussahen. Polizei intervenierte, bis der Zug den Versammlungsort erreichte, nicht. Die Demonstranten konnten ungehindert Mädchen und grauen handgreiflich belästigten. Am Schlesinger-Platz hielt der deutschnationale Landtagsabgeordnete Dr. Riehl eine antisemitische und antitschechische Hetzrede und forderte die Ausweisung der Juden und Tschechen. Er sagte unter anderem: „Als ich den Landeshauptmann Sever interpellierte, warum nur die magyarischen und nicht auch die galizischen Juden ausgewiesen wurden, antwortete mir der Landeshauptmann, daß er daran nicht schuld sei, sondern der Abgeordnete Stricker, der die Ausweisung verhindert hat. „Seht," sagte Dr. Riehl, „dieser jüdischnationale Abgeordnete hat mehr Einfluß als wir alle Deutschnationalen zusammen!" Die Versammlung, welche von nicht ganz 500 Teilnehmern besucht war, wählte eine zehngliedrige Abordnung, welche bei der Regierung vorsprechen soll. Nach der Versammlung zogen wieder 150 Teilnehmer zum Nordbahnhof ymicf, diesmal von einem starken Wacheaufgebot begleitet. * Alls Budapest wird der „frankfurter Zeitung" unter dem 23. August folgendes gemeldet: Im Schloßhof der Ofener Königsburg batte sich gestern eme nach Tausenden zählende Menge, Anhänger der christlichsozialen und christlich-nationalen Richtung, zu einer Kundgebung versammelt. Zahlreich vertreten waren Postbealnte und Eisenbahner lind auch eine Anzahl Geistlicher. Die Demonstranten entsandten eine Deputation zu der im Schlosse wohnenden Ententemission, um die Forderung zu erheben, daß in das Ministerium keine Juden ausgenommen werden dürften. Die gewerkschaftlich organisierte sozialistische Arbeiterschaft sollte zwar in der Negierung vertreten sein, die Judenführer jedoch werde man im politischen Leben nicht mehr dulden. Während die Menge die Rückkehr der Deputation abwartete, sang sie patriotische Lieder lind brachte neben Schmäbrufen auf die Juden auch Eljenruse auf das christliche Ungarn aus. Schließlich verkündete ein Redner die Antwort der Ententemission. Sie forderte die Demonstranten zur Rübe lurd Geduld aus. Die Leitung der Alliierten habe sich überzeugt, daß hier eine Bewegung im Entstehen ist, der man volle Beachtung schenken müsse. Die Versammlung nahm diesen Bescheid nlit erneuten Kundgebungen antisemitischen Charakters auf. Zwischendurch '""n-w pirrrcto Hubert, die sich unter die Zuschauer gemengt hatten, von der Menge ergriffen und unter furchtbaren Prügeln vertrieben, ferner wird aus Budapest gemeldet: Im Eisenburger Komitat haben sich ungemein schwere Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung ereignet. In Janoshaza und Ezeldömök soll auch eine Anzahl Todesopfer zu beklagen sein. Die Bewegung geht von der stockmagharischen Bauernschaft aus, die den Inden ihre ausgesprochene Shmpathie für den Anschluß an Deutsch-Oesterreich zum> Vorwurf macht. Am 24. August haben in Ezeldömök und in Janoshaza Pogrome stattgesunden. In Ezeldömök sind sieben Todesopfer und in Janoshaza zwei Tote zu beklagen. Die bedauerliche Pogrombelvegnng ist auf die Agitation unverantwortlicher Elemente zurückznführen. Der Stuhlrichter und der militärische Stationskommandant sind sofort suspendiert worden. Die Staatsanwaltschaft hat die Verhaftung aller Verdächtigen verfügt. Am 23. August fanden in den folgenden Ortschaften Pogrome statt: In Hisoell. wo acht Juden getötet wurden, in Janoshaza (fünf Juden getötet), Zalaegerszeg (etwa zehn Juden), Sombathay (etwa zehn Inden): außerdem wurden sänitliche Juden aus diesen Ortschaften vertrieben und ihrer gesamten Habe beraubt. Der Hauptschuldige an diesen Pogromen ist Lindauer. Die Lage der dortigen Inden ist verzweifelt, weil keine Besatzungsarmee vorhanden ist, an die sich die Inden nm Schuh wenden könnten. # Di-e Pogrome iw Polen. Der „Kurher Pölski" meldet: Mit Rücksicht aus 'die judenfeindlichen Exzesse hat Ministerpräsident Paberewski die Weisung erteilt, daß jeder Schuldige vor ein Standgericht gestellt und binnen 24 Stunden abgeurteilt werden soll. Diese Bestimmung betrifft sowohl Militürals auch Zivilpersonen. Die Gerichte werden bei geschlossenen Türen amtieren. Reuter meldet aus London: Der Korrespondent der „Morning Post", die seit einiger Zeit fast antisemitisch geworden ist und deren Meldungen entsprechend gewertet werden urüssen, meldet aus Warschau: Paberewski hat eine sehr wichtige Maßregel zum Schutze der Juden getroffen. Mehr als 40 Kriegsgerichte sind eingeführt worden, die alle Personen, die beschuldigt werden, sich gegen Juden vergangen zu habeil, innerhalb 24 Stunden vor Gericht stellen. Diese Kriegsgerichte werden volle Freiheit der Jurisdiktion gegen Militär- und Zivilpersonen und -auch in der Fällung des Urteils haben. Die Negierung beabsichtigt, das Volk zu überzeugen, daß sie fest entschlossen ist, gegen feindliche Akte den Juden gegenüber fest anszntreten, und man erwartet, daß den Zahlreichen Ausschreitungen gegen die Juden ein Ende gemacht wird. Der Besuch von Henrh Morgeuthail und anderen Persönlichkeiten im Aufträge des Präsidenten Wilson zur Untersuchung der Judenverfolgungen in Polen hat bereits eine gute Wirkung gehabt. Der Korrespondent der „Morning Post" stellt den großen Erfolg, den Morgentihan erzielt hat, fest. Der Besuch dieser Mission in Wilna hätte zilr Folge gehabt, daß alle Juden, die noch in Wilna ge sang eil waren, in Freiheit gesetzt worden seien. (Die polnischen Presseagenturen und polenfreilndlichen Zeitungen beeilen sich, iln Auslände die Meldung über Einführung von Standgerichten für Pogromverbrecher zll verbreiten. Allerdings bleibt die Frage offen, weshalb man nlit der ernstlichen Bekämpfilng der Judenerzesse so lange gezögert hat lind erst so viel jüdisches Bült vergossen werden mußte, bis sich die Negierung zu energischem Einschreiten entschloß. Uebrigens beziehen sich alle Kommentare, sowohl die ausländischen wie die der Warschauer Presse, bloß auf die vom „Kurher Polski" gebrachte Meldung, während jede offizielle Verlautbarung über die tatsächliche Anordnlmg von Standgerichten noch ausstebt. Wir wollen noch bemerken, daß nicht nllr die jüdische Presse, sondern auch die jüdischen Zeitungen vorderhand der Sache skeptisch gegenüberstehen.) Zll diesem Thema schreiben die „Dwa Grosze": Wir sind sicher, daß der „Kurher Polski" schlecht informiert wurde. Falls tatsächlich in irgendeiner ministeriellen Kanzlei ein derartig ungeschicktes Proaramm allfgetaucht ist, dürfte dies keinesfalls auf eine Initiative Paderewskis zurückzuführen fein, da es eine Verletzuna des Kardinalvrül^ps der Gleichheit der Bürger vor dem Gesetze ist. Jedes neue Privilegium für die Jilden, sei es llns von draußen ailfoktrohiert, sei es durch llnsere Regierung bestimmt, muß in höchstem Maße die christliche Bevölkerllng aufreizen' und zu Exzessen gegen die Inden treiben. Wir sind sicher, beißt es weiter, daß die Anordnung spezieller Feldgerichte, über die „Kurher Polski" berichtet, der letzte Tropfen sein wird, der den Becher der geradezu unbegrenzten pötnischell Geduld zum Neberlaufen bringen wird. „Gazeta Warzawska" ist erbittert darüber, daß zilgunsten einer Bevölkerungsschicht Standgerichte eingeführt Vierden. * Morqerrthairs „Instruktionen". Warschau, 16. August. Der hiesige „Kurher Warszawski" brachte vor kurzem eine Mitteilung über die angeblichen „Instruktionen", die Morgenthau vor seiner Polenreise von Wilson erhielt. Die Hauptaufgabe der amerikanischen Kommission sollte demnach nicht in der Untersuchung der Pogrome bestehen, sondern in der „Ausklärnn-g der jüdischen Bevölkerung über ihre staatsbürgerlichen Pflichten, über die sie sich offenbar noch nicht ganz klar ist, und die .-re Voraussetzung der vollen bürgerlichen Gleichbereckstigling ist". Diese Mitteilung, die von der gesamten polnischen Presse, zum Teil mit antisemitischen Bemerkungen, verbreitet wurde, rief unter der jüdischen Bevölkerung lebhafte Erregung hervor. Auf eine Anträge bou jüdischer Seite gab Morgenthau den Redakteuren der jüdischen Blätter Warschaus die Erklärung ab, daß diese vom „Kurher Warszawski" veröffentlichten „Instruktionen" von Anfang bis zum Ende erfunden seien. Ein derartiges Dokument existiere überhaupt nicht. Hingegen habe er, Morgenthau, vor dem Abgang der Kommission nach Polen auf Veranlassung Wilsons ein Schreiben von Lansing erhalten, das folgenden Wortlaut hatte:. „Paris, 30. Juni 3919. Lieber Herr Morgenthau! Im Zusammenhang mit den Vorbereitungsarbeiten für Ihre Kommission möchte ich Ihnen einige Bemerkungen über den Charakter der Kommission machen. Auf Grund der ihm zugegangenen Nachrichten über die Lage in Polen gewann Präsident Wilson die Ueberzeugung.

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