Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
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Vermögen. Spiegelberg, ich kenne dich! Die Kreise, aus denen Herr Katzenstein stammt, haben nicht allzuviel Blut im Kriege vergossen. Sie gehören ja nicht zur evangelischen oder katholischen, sondern zur unabkömmlichen Konfession. Auch ihr Gut haben diese Kreise während des Krieges nicht gerade geopfert. Seit den Zeiten der Pharaonen verstehen sie es, wenn ein Land unter Pestilenz und Heuschrecken oder unter Krieg und Kohlrüben seufzt, ihr Gold und Silber durch das Rote Meer davonzutragen. Zu kurzer Mittagspause leert das Theater sich schnell. Wenige Minuten später hört man eine wundervolle Tonstut daherrauschen. Irgend jemand spielt die große Orgel. Was denn los sei, fragen die Leute draußen. Eine -kirchliche Feier natürlich. Herr Katzenstein will sich taufen lassen. Der Seniorenkonvent soll bestimmen, ob evangelisch oder katholisch. Oder jemand übt auf der Orgel für die morgige Krönungsfeier des Herrn Ebert. Es soll die Matthäus-Passion gespielt werden." „Wie lange noch", schreibt die Berliner unabhängige Wochenschrift „Deutsche Freie Presse", sehen die Beteiligten, wir alle diesem schamlosen Treiben zu? Diese Hetzer beweisen täglich, daß sie die Freiheit nicht verdienen, die sie jetzt für ihre niederträchtige Politik ausnützen. Man gebe ihnen die Antwort, nicht mit dem Gummiknüppel, wohl aber mit dem Material, das der Zentralverern der Staatsbürger jüdischen Glaubens pflichtgemäß sammeln mußte; man wirke aufklärend, aber ziehe sich gegenüber diesen ungeheuerlichen Verhetzungen nicht zurück. In diesem Kampfe. wird man unsere jüdischen Mitbürger gern unterstützen, wert das Treiben der Antisemiten, das nur schilderten, unser öffentliches Leben ruinieren muß." Es ist mit Genugtuung zu konstatieren, daß nichtjüdische Zeitungen den Kampf gegen die schmachvolle antisemitische Hetze aufnehmen. So führt die „Ostsee-Zeitung" (Stettin) in der Ausgabe vom 23. August in einem „Die Juden als Karnickel" überschriebenen streng sachlichen Artikel aus: „Der Antiferm.kismus erhebt vo-n neuem sein Haupt, Judenhaß lui’D Zudenhetze feiern Orgien, und wenn in der Ukraine und in Polen Tausende und aber Lausende von Juden einfach hingemordet werden, jo sind wir nt. Deutschland im Prinzip von solchen Ausbrüchen der niederen Leidenschaften auch uicht allzu weit entfernt; die Besinnung, die zu solchen Daten aureizt, ist vorhanden, wachst und wird werter auMstachelt, und aus allen möglichen Orten wird von Aufreizungen, javon tätlichen Exzessen gegen die J-u.den gemeldet, so'aus Dolberg, so ans Crantz, so a-us Borkum, mo das verüchtigte Borknm-Lied wieder tun, Schwange -ist, so aus Berlin, tvo es namentlich in letzter Woche zu Angriffen gegen Juden kam, bei denen sogar der Gummiknüppel und Revolver eine Rolle spielten. 11 ub seit Monaten vergeuden die ant-i'j-emitisehen Zentralen unge-- 1)0111*0 Massen sauberes Papier für ihre unsanbereu Zwecke. Schandvlätter, welche kürzlich ein neugegründeter „Schutzound" an allen Ecken li n d Enden -der S traßen Stettiats äuge klebt ha t (auch m L>ü deck i st das nämliche' gescl)ehen, und zwar hat d ort die Schuljugend mitgewirkt!), sind, so widerwärtig und verlogen sie, an sich genommen, waren, noch verhältnismäßig harmlos gewesen gegenüber getvtsien Proben, wie sie z. B. der „Borwnns" vor et-mger Zeit veröffentlicht hat. Es bedarf wohl keiner weiteren Belege. Zedern, der die Vorgänge im öffentlichen Leben einiger-, maßen verfolgt, ist es klar geworden, daß Pogromstntunuug in der L'uft schwebt, auch bei uns. Die Erscheinung ist nicht neu. Roch immer hat man in erregten Zeilen, tvenn es galt, Sündenböcke zufinden für Hungersnöte, Krieg und P>esti-l-enz, versucht, die Bolkswut auf den Juden zu lenken, und die Geschichte auch des Judentums i-n Deutschland ist et ne Geschichte des Leidens der ebnen und -des Wahns der anderen. Die Sonderstellung, die den Juden zunächst die Religion anw-ies, hat man drtrch politische und soziale Maßnahmen künstlich verstärkt und aufpechterhalten, und wenn heute dank dieser „Politik", dte J'tldenscha.ft in einenr Teiile -ihrer Glieder sich vonunserem Volke abheibt — wobei cm Anderssein kein Schlechtersein bedeuten muß — trotz des langen Zuisammenwohnen-s, so wäre es nur billig, einmal den Ursachen dieser -an sich seltsamen Erscheinu'Ng. .nachzugehen; es würde sich daraus die Erkenntnis ergeben, daß der Jude, der deutsche Ju-de, im Grunde nur das ist, wozu ihndie deutsche Umwelt getnacht hat. Und wenn die deutschen Juden- 'heute in bestimmten Berufen zuip-mmengeballt sind, die sie, wenig,sten-s zum Teil, aus der Schicht ider „kleinen Leute" herausheben' (die übertriebene Vorstellung von jüdischem! Reichtum, von jüdischem Grroerbssinn ist ein Hauptmotiv 'des Hasses und «der Hetze): so, ist auch das nur eine Folge der geschichtlichen Tatsachen, eine geschichtlich bedingte Erscheinung, der man nur dadurch bei.kom.men kann, daß mandie Bedingungen! ausheibr, aus denen heraus sie Gestaltung gewonnen hat, d. h. dadurch, da-ß -ntan gleiches Recht und gleiche Lebensv-erhältni-sse für alle ^Bürger ohne ^Ausnahme schafft, also gerade auf einem Wege, den die Hetzer nicht bejchretten wollen, da er ja das Feld ihrer ^Betätigung" mehr und mehr einschränken, schli-eßlich ganz beseitigen müßte. So rv-ird man also darauf gefaßt fein «m.üfsvtr, daß die Hetze sich steigert, und wird alle Mittel des ttirralischen Akens che n answ-endetr müssen, um ihr wirksam zu begegnen. Gegenüber dem Appell -an die niederen Instinkte tvird mit vermehr rer Kraft urrd mit erhöhletn Rachdrrtck der ^lppell an den g-ukon Geist der Vollsgettteinichast und jedes einzelnen ergehen müssen, gegenüber bent Appell an die Leidenschaft ein Appell au die Beruu-nst, gegenüber dem Appell an den Terror der Appell an dte Gerecht tgkerr. Und wenn mx a,uch rvissen, daß i-in, Menschen dunkle Tr-ieve mächtig si-rvd, als Erbe seiner Bergangetthe-t, so stuo wir doch überzeugt, daß den Kräften, die ihn der Tiefe enlrtss-en haiverr, -a-ttch dte Zukunft gehört, daß diese Kräfte m ihm tveiterwirken und allmähltch auch dte Schatten bannen werden, die fein Bild noch verdüstern. — Und an diesem Gange oer Entwickelung mnzuarbeiten, ist jeder berufen, der an einen Fortschritt unseres Geschlechtes glaubt." Bemerkenswert ist auch folgende von nichtjüdischer Seite uns zugehende Notiz: Dte Konferenz der Funktionäre, Betriebs- und Arbeiterräte der sozialistischen Parteien Deutschlands beschloß, die antisemitische Bewegung mit allen Mitteln zu betämpsen, die, von dunklen Ehrenmännern geschickt inszeniert, heule schon weite Kreise unseres Bottes ergriffen hat und zu einer ernsten Gefahr für Deutschland geworden ist. Der -gesunde Sinn 'der Arbeiterschaft erblickt im Antisemitismus ernen Vorstoß der Gegenrevolution und weist ihn schon deshato entschieden zurück. * Gegen die religiöse Verhetzung in Hamburg. Ten Abteilungs- und Kompagni-estlyrern der Eiurvohnerrvehr ist folgende Verfügung Zugegangen: „Bei einer Kompagnieversanrmlung stttd, sotveit bekannt, von einem Mitgliede der Einroohnerwehr Werbeichrifden hetzerischen Inhalts vom „Deutschen Schutz- und D r n tz b u n d" verkeilt worden. Es wird -erneut auf die Bekanntmachung vour 8. Juli 1910 hingetviesen, nach der jeoe Werbung für polittsche oder religiöse Parteien oder Vereine strengstens untersagt tst. Da jeder derartige Fall der Organisation der Einwohnerwehr und dem Innenleben oer Abteilung wesentlichen Schaden zusügt, wird a n ge ordnet, daß die Mitglieder, dte von jetzt ab s i ch m i t s o l che r P r o p aga n d a in Kompagniea b t e i l u n g s v e r s a m mlungen ujw. befassen, aus der Einwohnerwehr au sz u j che i d e n habe n. — Diese Bekanntmachung ist durch Anschlag, in den Wachlokalen und Werbestellen betanntzugeben. Der Leiter der Einwohnerwehr. B e r i n g." Antisemitische Demonstration in Wien. Am 19. August bewegte sich ein Zug von Eisenbahnern, begleitet von Handlungsgehilfen und Mittelschülern, insgesamt zirka 150 Mann, uum Rordbahnhof über die Praterstraße, Kai und Ring in die Jostsstadt, wo am Schlesinger-Platz vor dem Magistrate eine Versammlung unter freiem Himmel stattfand. Im Zug wurden Tafeln mit der