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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-05 · Heft 36 (5.9.1919) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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< 39S - Iuden. Die judenreine LanldWirtschaft aber hat im Kriege ihre Hypotheken abstoßen können und ein großer Teil der deutschen Landwirte hat während des Krieges und nach dem Kriege den Wucher mit den allernotwendigsten Lebensmitteln getrieben, den ärgsten Wucher, den es überhaupt geben kann. Einer der christlichsozialen Führer in Oesterreich, der Wiener Oberbürgermeister Dr. Weiskirchner, hat ausdrücklich erklärt: „E s w i r d gewuchert ohne U n t e r f ch i e d d e r Konfession", und die deutschen Bischöfe und Konsistorien haben mehr als einmal im Verlaufe des Krieges Gelegenheit genommen, den sich in christlichen Kreisen betätigen den G e i st d e r H a b s u ch t zu bekämpfen. Von den unglückseligen Folgen des Krieges, der allgemeinen Verarmung und Verelendung, sind gerade die deutschen Inden in ganz hervorragendem Maße betroffen worden. L ü g e Nr. 11: Die Juden haben sich während des Krieges in besonders hohem Maße der Drückebergerei schuldig gemacht. Die Widerlegung: Das ist ebenfalls eine große Lüge. Es hat selbstverständlich auch unter den Juden Reklamierte und solche gegeben, die den beschwerlichen Dienst an der Front mit dem minderanstrengenden in der Etappe vertauschen dursten. Die Hauptschuld daran trifft aber nicht die Drückeberger selbst, sondern d i eje n ig e n, d ie d i e Versetzung in den Etappen- oder Heimatsdien st h e r b e i -g e f ü h r t h a b e n. Diese, die militärischen Vorgesetzten, waren aber keine Juden!. Die meisten Drückeberger gab es unter den B e a m t e n und den Landwirten. Diesen Kreisen gelhören aber Juden so gut wie gar nicht an. Lüge Nr. 12: An denr Zusammenbruch des deutschen Vaterlandes tragen in hervorragendem Maße die jüdischen R a tg eb er d es Kai s er SSch ul d. Die Widerlegung: In «der ständigen Umgebung des Kaisers befanden sich keine Juden. Der Liebenberger Tafelrunde, an deren Spitze der meineidige Fürst Eulenburg stand, gehörten Ebenfalls keine Juden an. Wenn der Kaiser die Ratschläge eines gelegentlichen Beraters, des Juden B a l l i n, cm. den er sich wiederholt in Schiffahrtsangelegenheiten gewandt hatte, befolgt hätte, so hätten wohl die Dinge bei uns einen ganz anderen Verlauf genommen. Lüge Nr. 13: Die Juden sind die Vertreter der Hochfina n z und in ihren Händen befindet sich f a st der ges amte K apitalbesitz Deut sch land s. Die Widerlegung: Wäre dies wirklich der Fall, so wären auch die.Juden die Besitzer.des in der.Schweri n d u st r i e und im Großgrund b e s i tz festgelegten Kapitals, dann hätten also auch sie die ungeheuren Geldmittel für die a l l d e u t s ch e P r o P a g a n d a , für die Unterhaltung einer Reihe von alldeutschen Zeitungs- und Verlagsunternehmungen, für die Propaganda der Vaterlandspartei und der Agitation gegen einen Verständigungssrieden bereitgestellt. Die Vertreter des Großkapitals in der Schwerindustrie und im Großgrundbesitz sind aber fast ausschließlich Nichtjuden. Gewiß gibt es auch unter den Juden Kapitalisten, die meisten von ihnen, aber gehören dem kleinen Mittelstand an oder sie sind vermögenslose Proletarier. Dem Märchen von dem Ueberwuchern des jüdischen Kapitalismus ist sogar ein Mann wie Theodor F r i t s ch im Jahre 1910 in seinem „Hammer" entgegengetreten, indem er dort schrieb: „Es istnicht wahr, >daß die Juden bereits alle Kapitalien an sich gebracht hätten und wir wirtschaftlich unbedingt von ihnen abhängig wären. Die deutsche n Sp arka sfe n a lle i n v e rw al t e n ein Volksv e r m ö g e n, d a s ungleich größer i st a l s d a s Kapital aller jüdischen Großbanken zusammen, und es bedarf nur einer anderen Organisation deS Geldmarktes, um Staat und Volk von der jüdischen Großfinanz unabhängig zu machen." Noch vor einigen Monaten hat sich Th. Fritsch im „Hammer" ausdrücklich zu den hier festgolegten Anschauungen wieder bekannt. * Diese Zusammenstellung der antisemitischen Lügen und Verleumdungen kann natürlich auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben; es sollte nur an einer Zahl besonders bezeichnender Fälle festgestellt werden, wie sehr die antisemitische Tücke und Bosheit bemüht ist, die Wahrheit zu entstellen und die urteilslosen Schichten der Bevölkerung mit Haß gegen das Judentum zu erfüllen. Da die Antisemiten getreu dem Grundsätze: Calumniare audacter, semper aliquid liaeret «Verleumde munter darauf loS, es bleibt immer etwas hängen) fortwährend die alten Unwahrheiten wiederholen, so darf man sich die Mühe nicht verdrießen lassen, ihnen immer wieder entgegenzutreten, «sobald sie irgendwo vorgebracht werden. So viel Optimist darf und muß schon ein jeder sein, um sich der Erwartung hinzugeben, daß auch von der Wahrheit etwas hängen bleibt, wenn man sie immer und immer wiederholt. Sir Woche. Berlin, 1. September. as Berliner Publikum wird seit langer Zeit durch Flugblätter planmäßig verhetzt. Man hat den Flugblättern, die aus der Köthener Straße und von anderen antisemitischen Zentralen ausgingen, nicht genügend Beachtung geschenkt; man hielt die Bevölkerung Berlins für zu vernünftig, um auf diese Anstiftungen zu Pogromen hereinzufallen. Die Antisemiten wußten es besser! Sie wußten, daß zu keiner Zeit ihr Weizen so gut blühen würde als heute, wo wir alle nervös, ausgemergelt, kriegskrank sind. Jetzt fühlte auch Herr Kunze, der frühere Lehrer, spätere Generalsekretär der konservativen Partei, heute Herausgeber des „Deutschen Wochenblattes", seine Zeit gekommen. Allwöchentlich hetzt er Hunderte von Verkäufern seines Blattes, meistens frühere Feldgraue jugendlichen Alters, auf die Berliner Bevölkerung. In herausfordernder Weise werden die Nummern angepriesen: Los von Juda, Nieder mit der Judenherrschaft usw. im Stile der Ahlwardt-Aera unseligen Angedenkens. «Das soll politischer Kampf sein! So sieht es in der Hauptstadt des Reiches aus, das die schwersten politischen und wirtschaftlichen Aufgaben zu lösen hat, die je einem Volke gestellt worden sind. Da überschreibt die „^Wahrheit" einen Artikel mit: „Rassekämpfe im Berliner Westen", als ob wir in Wildwest lebten und Kämpfe zwischen Schwarzen und Weißen ausgefochten wurden, aber nicht, als ob wir im tiefsten Elend steckten und uns zum Aufbau unseres Vaterlandes zusammenfinden mühten. Von Rechts und von Links, man will das Ehaos, sie unterscheiden sich nur wenig voneinander. Die „Tägliche Rundschau", das Blatt für „die Gebildeten aller Stände", wie es anmaßend am Kopfe dieses „nationalen" Blattes heißt, überschreibt ihren Parlamentsbericht vom 21. August mit der Ueberschrift: Auf dem Wege zur Verleugnung. Ja, wir sind auf dem Wege zur Verleugnung, und die „Tägliche Rundschau" führt, sie drängt sich in die Gesellschaft des Kunze-Papiers, sie übertrumpft sie, wenn sie schreibt: „Der Sozialdemokrat Katzenstein verrät noch mehr aus der Stilistik der nächsten Wahlen. Also die Kreise, sagt er, die bereit gewesen seien, Gut und Blut — der anderen zu opfern, stellten sich schützend-' vor die großen

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