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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-09-05 · Heft 36 (5.9.1919) · p. Seite 398

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 36 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
Seite 398 (sequence 2)
Language
German
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-- 398- I i t, *4iP 3 / entrüsten, um viele Pferdelängen zurück. Die Großrabbinerrede über die angeblichen geheimen Ziele des Judentums war aus einem ün JähreAWö erschienenen Roman niedriger Gattung des berüchtigten Zeugenim Prozeß Waldeck und Kreuzzeitungsredakteürs Hermann Gv e d s ch e entnommen, der als Romanschreiber sich John Retcliffe nannte und nun von den antisemitischen Verbreitern der Rede zum Range eines Sir Retcliffe erhobenworden war.. Neuerdings ist der aus dein berüchtigten Gvedsche-Sir Retclifsschen Romane stammende, erfundene Bericht Mer die auf dem Prager Judenkirchhof im Jahre 1860 abgehaltenen geheime Versammlung, an der die Vertreter der zwölf Stämme Israels teilgenommen haben sollen, in einer Fassung verbreitet worden, die sich enger an den Text des in Redestehenden Schund-Schauerromans anschließt als die sogenannte schon früher verbreitet gewesene angebliche Grvßrabbinerrede. Die alldeutsche und schwerindustrielle „Deutsche Zeitung" hat dieses Machwerk in ihrer Nummer vom 29. Juni d. I. aus dem Tagebuch einer Frau v. M. in Potsdam veröffentlicht und dabei angegeben, daß die Aufzeichnungen aus den Notizen einer Frau Pastorin Fr. in Teterow stammen, die sich diese in den 70er Jahren gemacht hatte. Ehren-Goedsche, dessen Lügenbericht eine solche eigenartige Wiederauferstehung feiern durfte, hatte, wie in der Verhandlung des Waldeck-Prozesses vor dem Berliner Schwurgericht im Jahre 1843, die mit der glänzenden Freisprechung Waldecks endete, festgestellt wurde, einen Handlungsdiener Ohm zur Abfassung eines gefälschten Briefes veranlaßt, auf Grund dessen der große Volksmann sieben Monate unschuldig in der Untersuchungshaft zubringen mußte; er war also der Anstifter jenes „B u b e n st ü ck s, e r f o n n fit, u m ei n e n M a n n z u v erd erben ", wie der Staatsanwalt selbst in der Verhandlung erklärt hatte. Und das schmutzige Machwerk eines solchen Schurken und schmutzigen Ehrenmannes ist die Quelle für die erbärmlichen Veröffentlichungen, die jetzt ihren Weg durch die alldeutsche, deutschvölkische .und antisemitische Presse machen. Als die Montefiore-Fälschung klipp und klar erwiesen worden war, meinte die „Kreuzzeitung", die Aeußerung laute doch so, daß Montefiore sie getan haben könnte. Die heutigen Antisemiten freilich, die die Fälschung wieder verbreiten, sind selbst von einem solchen „Entgegenkommen" weit entfernt. Lüge Nr. 9: Die Revolution, hat es zuwege gebracht, daß heute in den leitenden Stellen des Reiches, der Einzelstaaten, verschiedener Parteien usw. sich achtzig Prozent Juden und I uü e n s prö ßli ng e befinden. Die Widerlegung: Diese Lüge ist gleich nach dem Ausbruch der Revolution von dem berüchtigten „Organisator" Marten aufgebracht worden und sie gehört jetzt zum eisernen Bestände der antisemitischen Agitation. Man begegnet ihr immer und immer wieder in den antisemitischen Flugschriften, Flugblättern und Zeitungsartikeln. Dort aber, wo Juden als Inhaber von leitenden Stellen mit Namen aufgeführt werden, sieht man, daß mindestens die Hälfte der Genannten Nichtjude n sind. So sind u. a. die Minister Dr. D a v i d, Dr. Südek u m, Wolfgang Heine, die sozialdemokratischen Parteiführer Ledebour. Liebknecht, V o g t h e r r, E r d m a n n , Geyer durchaus christlicher Herkunft. Es ist völlig zweifelsfrei erwiesen worden, daß die Mutter Karl Liebknechts, eine geborene Natalie Reh, einer ganz christlichen Familie aus dem Westerwald entstammte; trotzdein bleiben die Antisemiten dabei, daß Karl Liebknecht Jude gewesen sei. Dem deutschen Reichsmmisterium gehörten bis vor kurzem zwei Juden,, die Herren Landsberg und Dr. Preuß, als Mitglieder an; nach deren Ausscheiden befindet sich in dieser obersten Behörde der Deutschen Republik kein einziger Jude; Professor Dr. Preuß ist zur Vertretung der Verfassungsvorlage vor der Nationalversammlung Und anderer gesetzgeberischer Borlägen als Reichskommissiar einstweilen im Kabinett verblieben. Im preußischen Staatsministerium ist nur der Ministerpräsident Hirsch Jude, und ähnlich gestaltet sich das Verhältnis bei allen übrigen - Behörden. W o b leibe n da di e-a cht zig Prozent? An einigen Stellen, wie beispielsweise in München, war ja zeitweise >das Hervvrtreten von Persönlichkeiten, die aus dem Judentum hervorgegangen sind, besonders stark; es handelte sich aber in allen diesen Fällen stets um Persönlichkeiten, die selbst jegliche Verbindung mit dem Judentum längst gelöst haben. Diese Leute jüdischer Herkunft sind Mer durchweg von Christen a n i h r e S te l l e geb racht worden; gerade in jüdischen Kreisen wurde ein allzu starkes Hervortreten der Juden vielfach auf das schärfste bekämpft. Den 99 Prozent Christen in Deutschland mutet man doch eine ungeheure Feigheit zu, wenn man behauptet, daß sie sich, von dem 1 Prozent Juden beherrschen, lassen. Für die Wahl des Herrn Paul Hirsch zum preußischen Mi,ui sterpr äsident e n hat a u ch das Zentrum bis a u f den letzten M a n n g e st i m m t, während die als am meisten „verjudet" geltende Partei, die der Unabhängigen Sozialdemokraten, mit der äußersten Rechten ihm ihre Stimmen versagt hat. In Sachsen aber konnte der Jude Dr. Gradn a u e r nur dadurch zum Ministerpräsidenten gewählt werden, weil die Deutschnationalen i,n ihrer Meh r - heit für ihn ei nt raten. Ohne ihre Stimme hätte er keine Mehrheit erhalten. Und was alles in Deutschland ist nicht schon von den Antisemiten als Jude oder Judensprößling ausgogeben worden? Nicht einmal der Kaiser Karl der Große, der erste deutsche Kaiser, entging diesem Schicksal, das auch dem letzten Kaiser, selbst nach seiner Abdankung, beschieden sein sollte. Sogar Fürst Bismarck wurde beschuldigt, jüdisches Blut in dem Adern zu haben; dasselbe widerfuhr auch dom Gründer des Jesuitenordens, Ignatius v. Loyola, einem Goethe, einem Schiller und selbst dem ganz alldeutsch orientierten Verfasser der Schrift „Rembrandt als Erzieher", Dr. Langbehn. Wenn man weiß, daß schließlich so waschecht gefärbte Antisemiten wie Stöcker, Liebermann von Sonnenberg, Ahlwavdt, Dr. Max Bewer, Th. Fritsch, Dr. Lueger, Schönerer und K. H. Wolf von eigenen Parteigenossen als verjudet hingestellt wurden, so darf man sich gar nicht darüber wundern, daß jeder, der diesen Herrschaften nicht gefällt, von ihnen sofort zum Juden oder zum Judenabkömmling gestempelt wird. Th. Fritsch bekam es sogar fertig, hinter dem Träger des Pseudonyms Marie-Madelaine, unter dem die stark erotische Lyrik einer Frau v. Puttkamer, geborene Günther, veröffentlicht worden war, den verstorbenen Dichter Samuel L u b l i n s k i zu vermuten, und er verharrte eigensinnig sogar dann bei seiner erfundenen Behauptung, als die Dichterin selbst ihr Inkognito gelüftet hatte. Lüge Nr. 10: Juden haben bei Heereslieferungen und durch die Kriegswirtschaft Mitliarden verdient. Die Widerlegun g: Das Gros der Kriegsverdiener ist keineswegs in jüdischen Kreisen zu suchen; diejenigen, die die Milliarden an Kriegsgewinnen zusammengehäust haben, befinden sich vornehmlich unter den S ch w e r i n d u st r i e l l e n und den übrigen Kriegsiindustriellen, von denen die Juden nur einen Leinen Teil ausmachten, und unter den Landwirten, bei Lenen es fast gar keine Juden gibt. Die Herren. K r u P P, T h y s s e n, Stinnes, Körting, Kirdorfs, und wie die schwerindnstriellen Kriegsgewinner alle heißen mögen, sind keine

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